Corona

Wie die Päpste Epidemien begegneten

Harte Maßnahmen im Vatikan. Dabei gilt es dennoch für Leib und Seele zu sorgen. Wie die Päpste Epidemien begegneten.
Coronavirus - Vatikan
Foto: - (Vatican Media) | Arbeiter in Schutzkleidung desinfizieren im Petersdom eine Figurengruppe. Päpste gingen immer recht pragmatisch und konsequent mit Epidemien um.

Gegenüber der Covid-19-Pandemie ergriff der Vatikanstaat in Übereinstimmung mit Italien schon recht früh harte Maßnahmen. Der Zugang zum Petersplatz und zur Basilika des Apostelfürsten wurde unterbunden, die Museen, Bibliotheken und Archive des Vatikans geschlossen, der Publikumsverkehr der Kurienbehörden eingestellt und für die Mitarbeiter vatikanischer Institutionen Schichtdienst oder die Arbeit im Home-Office angeordnet. Die allwöchentlichen Generalaudienzen des Papstes fanden nur noch virtuell als Livestream statt.

Anfänglichen Lockerungen seiner Maßnahmen setzte der Heilige Stuhl, bestärkt durch einen beunruhigenden Anstieg der Infektionen, nun wieder ein härteres Vorgehen entgegen, in der er vor allem eine konsequente Impfpraxis durchführt. Bereits in früheren Zeiten hat sich der Vatikan als Vorreiter einer notwendigen rigiden Gesundheitspolitik erwiesen. So machten etwa die Päpstlichen Staaten auf der Internationalen Gesundheitskonferenz von 1851 (Paris) von sich reden. Sie gehörten zu den Ländern, die sich vehement für umfangreiche und äußerst strenge Quarantänemaßnahmen bei Epidemien einsetzten.

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Lange Erfahrungen

Seit Alters her verfügten die Päpste über Erfahrungen mit Epidemien und trugen –  weit mehr als man ahnt –  zu ihrer Bewältigung bei. Im Kampf gegen Seuchen setzten die Päpste auf „Ganzheitlichkeit“. Als Oberhirten der katholischen Kirche und verantwortungsvolle Landesherren schöpften sie im Niederringen von Epidemien alle Möglichkeiten aus: spirituelle, moralische, medizinische (und diese in ihrem ganzen Spektrum) sowie rechtliche mit Hilfe strenger Erlasse und deren konsequente Durchsetzung.

Den Päpsten standen Leibärzte zur Verfügung, die sich auch als Wissenschaftler und Forscher einen Namen gemacht hatten. So Girolamo Fracastoro (1478-1553), einer der herausragendsten Epidemiologen, also Seuchenforscher der Medizingeschichte, der in den Diensten Papst Pauls III. (1534-1549) stand. Die Päpste setzten ihre Leibärzte in der systematischen Bekämpfung von Epidemien ein. Und sie beriefen auch Mediziner von außerhalb zu deren Bewältigung nach Rom.

Anfang des 18. Jahrhunderts erlangten eine Reihe päpstlicher Verordnungen zur Desinfizierung der im Kirchenstaat zirkulierenden Korrespondenz Gesetzeskraft, wenn Ausbrüche der Cholera zu verzeichnen waren. Recherchen in kirchlichen Archiven bezeugen, dass es bereits im Jahre 1567 päpstliche Dekrete gab, die bei Seuchen entsprechende Erlasse zur Geltung brachten.

Eindämmung von Seuchen

Mit dem Aufkommen der großen Cholera-Epidemien der 30-er Jahre des 19. Jahrhunderts wurde von den römischen Behörden ein „Regolamento Sanitario“ (Gesundheitsreglement) vorgelegt, das in den folgenden Jahrzehnten immer detailliertere Ausführungsbestimmungen erhielt und bei Nichteinhaltung drastische Sanktionen vorsah und diese auch ausführte.
So waren Briefe aus dieser Zeit oft mit sogenannten „Räucherschlitzen“ versehen oder wiesen eine Reihe von Durchstechungen auf. Sie wurden in eigens dafür konstruierte Apparaturen gelegt und einem speziellen Räuchervorgang unterzogen. Oft versah man sie auch mit einer Essiglösung oder Chemikalien. Nach derartigen Prozeduren stempelte man die Briefe mit dem Aufdruck „Netta/o di fuori e di dentro – Gereinigt von außen und innen“ ab.

Vorschriften zur Vermeidung oder Eindämmung von Seuchen galten in allen Bereichen der Päpstlichen Staaten. Auch auf den Schiffen der kleinen Militärmarine des Heiligen Vaters gab es sanitäre Vorschriften, die bei  auftretenden Epidemien einzuhalten waren. 1843/44 war eine römische Expedition mit drei Schiffen nach Ägypten aufgebrochen. Bei ihrem Aufenthalt in Kairo wütete dort die Pest. Täglich raffte sie Hunderte von Menschen hinweg.

Innovative Seuchenbekämpfung

Der Kommandant der kleinen päpstlichen Flotte verhängte eine Quarantäne, die sie von der Außenwelt isolieren sollte. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen hielt die Seuche auch in das Lager der römischen Expedition Einzug und forderte mit mehreren Toten ihren Tribut. Die Schuld lag jedoch nicht bei den Römern. Ein ägyptischer Inspektor hatte sich Zugang verschafft; unter seinem Schuhwerk glaubte man einen Stofffetzen – vermutlich von einer Mullbinde – gesehen zu haben. Auf ihren Oberhirten – auf ihre Verfügungen, ihre Anstrengungen und ihre persönliche Präsenz – konnten sich die Bewohner der Ewigen Stadt und der Päpstlichen Staaten in Zeiten von Epidemien verlassen.

So zeigt eine offizielle Medaille aus dem Pontifikat Pius‘ IX. den Papst im September 1854 bei einem Besuch im römischen Heilig-Geist-Hospital am Bett eines an der Cholera Erkrankten. In seiner Begleitung sind geistliche Kammerherren und ein Offizier der Päpstlichen Nobelgarde zu erblicken. Damals wie heute gab es Unverständnis über so manche päpstliche Anordnung. Ein Deutscher, der im letzten Jahrzehnt des alten Kirchenstaates nach Rom reiste, beschwerte sich heftig in der heimatlichen Presse über „die Durchräucherung aller Waggons des Eisenbahnzuges“ und die in die Abteile „hineingeschobenen Chlorpfannen“.

In der jetzigen Pandemie sieht sich Papst im Eintreten für das Leben der ihm Anvertrauten heftigen Angriffen sogenannter Querdenker, Verschwörungstheoretiker und religiöser Schwarmgeister ausgesetzt – in der Unwissenheit oder Negation des Herrenwortes „Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden“. Der Papst ist in seinem Engagement dem unheilvollen Störfeuer von Männern, die einen ihm geleisteten Eid nicht erfüllten, sowie Franziskus-Gegnern, Sedisvakantisten und den Rachegelüsten eines ehemaligen päpstlichen Diplomaten ausgesetzt.

Das geistliche Wohl im Blick

Doch Papst Franziskus steht in der Tradition seiner Vorgänger, nicht nur für das geistliche Wohl der Gläubigen entschieden einzutreten. Impfungen sind für ihn ein moralisches Muss. Dass sich auch Gotteshäuser – wie der Stephansdom in Wien – diesem medizinischen Vorgehen unterstellen, gewissermaßen die Barmherzigkeit Gottes konkret werden lassen, dürfte sich seiner Billigung und Förderung erfreuen.

Im Rahmen der weltweiten Impfkampagne der US-amerikanischen Organisation „Ad council“ unter dem Motto „It‘s up to you – Es liegt an Dir“ sagte der Heilige Vater: „Gott und der Arbeit vieler sei Dank gibt es Impfstoffe, um uns vor Covid-19 zu schützen. Sie geben uns Hoffnung auf ein Ende der Pandemie ... Dazu beizutragen, dass die Mehrheit der Menschen geimpft wird, ist ein Akt der Liebe – Liebe zu uns selbst, gegenüber Familie und Freunden und allen Menschen.“

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