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Weihnachten im Krieg: „Blut und Ruinen: Es reicht!“

Weihnachten im Krieg: Schmerz, Leid und unermüdliche Friedensappelle der Päpste.
Ukraine-Krieg - Massengräber in Isjum
Foto: - (kyodo) | Weihnachten voller Unfrieden: ein Massengrab in der ostukrainischen Stadt Isjum in der Provinz Charkiw, das nach dem Rückzug der russischen Streitkräfte gefunden wurde.

Weihnachten, Fest der Freude und Hoffnung! Denn es erinnert uns daran, dass der Retter der Welt in unsere menschliche Schwäche hineingeboren wurde. Damals wie heute litten Menschen unter Armut, Leid und Verfolgung. Doch anders als vor zweitausend Jahren wähnte sich Europa vor allem in den letzten Jahrzehnten in Wohlstand und Sicherheit; beides ist seit Monaten bedroht. Denn es herrscht Krieg und ein Ende von Leid, Gräueln und Angst ist nicht in Sicht.

Wenig Hoffnung auf Waffenruhe an Weihnachten

Unermüdliche Friedensappelle sendet Papst Franziskus in die Richtung der Kriegstreiber. Schon im März, einen Monat nach Kriegsbeginn, hatte er Russland und die Ukraine an das Unbefleckte Herz Mariens geweiht. Im November schrieb er einen sehr emotionalen Brief an das ukrainische Volk und versicherte ihm: „Euer Schmerz ist mein Schmerz.“

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Längst gibt es Forderungen nach einer Waffenruhe, zumindest an den Weihnachtstagen. Berechtigt sind diese aus christlicher Sicht allemal, teilen beide Kriegsparteien doch den gemeinsamen Glauben. Und doch verbreitet sich bislang wenig Hoffnung darauf, dass die Weihnachtszeit in der gepeinigten Ukraine eine friedliche und ruhige sein wird.

Wunsch nach Frieden

Vieles an der gegenwärtigen Situation erinnert an die Zeit vor gut einhundert Jahren, als Europa ebenfalls vom Krieg gefangen gehalten wurde. Im Jahre 1914, im ersten des Ersten Weltkriegs, kam es am 24. Dezember wider alle Hoffnung zumindest für wenige Stunden oder Tage zu einer friedlichen Weihnacht. Ein unerwartetes Ereignis, das als Weihnachtsfrieden in die Geschichte eingehen sollte und das auch heute Hoffnung wider alle Hoffnung aufkommen lassen kann.

Damals standen sich an der Westfront nicht Ukrainer und Russen gegenüber, sondern Deutsche und Briten. Der Krieg war in die Phase eines zermürbenden Stellungskriegs eingetreten. Der Wunsch nach Frieden dürfte gerade an den Weihnachtstagen bei den beteiligten Soldaten auf beiden Seiten besonders groß gewesen sein. Anders als heute war das religiöse Bewusstsein stärker ausgeprägt, der Glaube bei vielen noch vorhanden.

Ein Pontifikat im Krieg

In Rom war erst wenige Monate zuvor – am 3. September 1914 – ein neuer Papst gewählt worden: Benedikt XV. Mehr als die Hälfte seines Pontifikats, das bis Januar 1922 andauerte, herrschte Krieg. So verwundert es nicht, dass er vor allem diesem Thema seine ganze Kraft widmete und später als Friedenspapst in die Geschichte einging.

Am 8. September 1914 und damit fünf Tage nach seiner Wahl erschien ein erstes Schreiben, in dem der Papst den Krieg mit deutlichen Worten verurteilte. „Ubi primum“ („Wohin zuerst“) lautete der Titel des Schreibens, in dem der neugewählte Papst die vor ihm liegenden Aufgaben in Augenschein nahm und dabei „sofort das riesige Ereignis dieses Krieges [erblickte], das Uns den Geist mit Schrecken und Traurigkeit erfüllt hat“. Dabei müsse er feststellen, dass ganz Europa „von Eisen und Feuer verwüstet und vom Blut der Christen rot getränkt“ ist.

Deutliche Worte gegen Krieg und Entchristlichung

Der neue Papst bekennt freimütig, dass er „nichts auslassen werde, um das Ende dieser Katastrophe schnell herbeizuführen“. Nachdem er den Herrn und die Gottesmutter um Beistand und Hilfe angerufen hat, folgt ein weiterer Appell: „Es reichen die Ruinen, die schon entstanden sind; es reicht das menschliche Blut, das schon vergossen wurde.“ Alles solle getan werden, um Frieden zu erzielen. Noch eindringlicher ging er wenige Wochen später in seiner ersten Enzyklika auf dieses Thema ein, prangerte dabei aber auch eine Entchristlichung der Gesellschaft an, die zur Verrohung der Menschen beitrage.

Die deutlichen Worte Benedikts XV. gegen Krieg und für Frieden verbreiteten sich rasch. So steht außer Frage, dass seine Botschaft auch von den im Krieg befindlichen Soldaten gehört wurde und sicherlich ihren Beitrag leistete, dass es zu Weihnachten 1914 an bestimmten Stellen der Westfront – vor allem zwischen Mesen und Nieuwkapelle – zu einer vorübergehenden Waffenruhe kam.

Friedliche Feindkontakte

Bemerkenswert daran ist nicht nur die Tatsache, dass anlässlich des christlichen Weihnachtsfestes in den betroffenen Gebieten die Waffen für kurze Zeit schwiegen, sondern auch, dass die diesbezügliche Entscheidung nicht von der Heeresführung getroffen wurde, sondern von den Soldaten ausging. Und sie beinhaltete nicht nur ein Schweigen der Waffen, sondern auch friedliche Feindkontakte. Tote Kameraden konnten beerdigt werden, Worte zwischen Feinden wurden gewechselt und an manchen Stellen wurde den feindlichen Soldaten sogar ein Fass Bier geschenkt und Weihnachtspudding als Gegengeschenk im Empfang genommen.

Freilich schwiegen die Waffen nicht lange und der Erste Weltkrieg wurde in den folgenden Jahren umso erbitterter fortgesetzt. Wie die Waffen, so schwieg auch der Friedenspapst nicht. Immer wieder verurteilte er die Gräuel des Krieges mit deutlichen Worten. Am ersten Jahrestag des Kriegsausbruchs wandte er sich in einem weiteren Apostolischen Schreiben an die Kriegsparteien. Darin brachte er zunächst seinen „unaussprechliche[n] Schmerz“ zum Ausdruck über das viele Leid, das im Zuge des Krieges geschehen sei. Darüber hinaus „flehen wir umso heißer zu Gott, dass dem grausamen Kriege ein Ende gesetzt werden möge, erflehen aus ganzem Herzen den Frieden“.

Papst startete Gebetsinitiative

Der Papst spricht in der Folge die Verantwortlichen direkt an: „Wir flehen euch an, erhört die väterliche Stimme des Stellvertreters des ewigen und höchsten Richters, welchem auch ihr Rechenschaft ablegen müsst, sowohl über die öffentlichen als auch über eure privaten Taten.“ Er bittet um ein Ende der Kampfhandlungen und statt ihrer um Friedensgespräche.

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Allein, man hörte nicht auf ihn. Weitere Kriegsjahre vergingen. Weitere eindringliche Appelle in Form von Enzykliken und Apostolischen Schreiben folgten, ehe der Krieg endlich das ersehnte und erflehte Ende nahm. Dass Benedikt XV. dabei nicht nur auf Diplomatie setzte, sondern auch – und nicht minder – auf die Kraft des Gebets, verdeutlicht ein Friedensgebet, das im Jahre 1915 gedruckt und verbreitet wurde – auch in Deutschland – und das der „Erlangung des Friedens“ diente.

"Gib uns bald den ersehnten Frieden!"

Verbunden mit dem täglichen Gebet und dem intensiven Gebet im Monat Mai waren ein Teilablass beziehungsweise ein vollkommener Ablass; auch dies ein Indiz dafür, wie wichtig dem Friedenspapst die große Gebetsinitiative war. „In der Angst und Not eines Krieges, der die Völker und Nationen in ihrem Bestande bedroht, fliehen wir, o Jesus, zu Deinem so liebevollen Herzen, als unserem sicherstem Zufluchtsorte“, heißt es dort. Und weiter: „Zu Dir, o Gott der Barmherzigkeit, flehen wir mit Inbrunst: wende ab diese schreckliche Geißel! Zu dir, o Friedenskönig, rufen wir in inständigem Gebete: gib uns bald den ersehnten Frieden!“

Vier Jahre sollte es dauern, bis dieser Friede einkehrte. Und selbst danach wurde der Friedenspapst nicht müde, sich auch politisch zu engagieren. Am 23. Mai 1920 veröffentlichte er die Enzyklika „Pacem, Dei munus pulcherrimum“ („Frieden, Gottes schönstes Geschenk“), in der er auf die Versöhnung der verfeindeten Nationen hinarbeitete und an die Siegermächte appellierte, die Besiegten nicht dazu zu bringen, sich zu sehr geknechtet zu fühlen und dadurch Wut und Hass hervorzurufen. Weitsichtige Ideen, und doch wurden sie im Rückblick zu wenig beachtet.

Weihnachten im Krieg, damals wie heute ein Bild aus Schrecken und Leid, damals und heute begleitet von unzähligen Friedensappellen und Gebeten. So darf auch in diesem Jahr mit den Worten Benedikts XV. zu Christus, dem Retter der Welt, gebetet werden: „Erhöre gnädig unser vertrauensvolles Gebet und gib der stürmisch bewegten Welt wieder Ruhe und Frieden.“

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