Weihnachten

Weihnachten: Auswege aus der Angst

Weihnachten ist nicht nur das Fest der Liebe und des Friedens - biblisch gesehen ist es auch das Fest des Erschreckens. Doch wer mit dem Heiligen in Kontakt kommt, kann freier werden.
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Foto: (www.alamy.com) | Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard, der sich schon früher mit dem Phänomen der menschlichen Angst auseinandersetzte und sogar eine eigene Schrift zum "Begriff der Angst" verfasste, sah den Ausweg aus der Angst ...

Was wichtig ist, muss besonders betont und manchmal auch wiederholt werden: Wahrscheinlich findet sich keine Anrede so häufig in der Bibel wie "Fürchte Dich nicht". Schon die Helden des Alten Testaments erfahren in Not- und Aufbruchssituationen diesen kräftigenden Zuspruch - im Neuen Testament ist es nicht anders. Gerade rund um die Geburt Jesu ist davon die Rede. So erscheint dem Priester Zacharias, der sich so gern einen Sohn wünscht, eines Tages ein Engel und beruhigt ihn: "Fürchte dich nicht, Zacharias; denn dein Gebet ist erhört worden. Elisabet, deine Frau, wird dir einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Johannes geben." (Lukas 1, 13)

Die Gegenwart des Heiligen oder Übernatürlichen löst offenbar Angst und Schrecken aus - obwohl Zacharias als Priester eigentlich täglich Umgang mit dieser Dimension des Seins pflegte. Nicht anders ergeht es bald darauf der Jungfrau Maria. Der Erzengel Gabriel persönlich stattet ihr einen Besuch ab, um ihr die Geburt des Gottessohnes zu verkünden, was bei Maria zunächst einen ziemlichen Schrecken auslöst ("Sie aber erschrak über das Wort"). Gabriel muss sie beruhigen, und er tut dies mit einer Erläuterung: "Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott." (Lukas 1,30)

Schon Dinge des profanen Alltags lösen erheblichen Schrecken aus

Nun passiert es eher selten, dass Menschen solche dramatischen Begegnungen mit Engeln haben. Normalerweise lösen schon Dinge des profanen Alltags erheblichen Schrecken aus, wenn sie einen Kontrollverlust oder eine Bedrohung andeuten. Die Aussicht auf eine gesalzene Stromrechnung etwa oder eine medizinische Untersuchung, bei der nicht sicher ist, was für ein Resultat sie bringen wird.

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Doch so gefährlich und sogar lebensbedrohlich derartige Dinge auch sein mögen - sie fallen wohl unter die innerweltliche Kategorie der "Furcht", die der Philosoph Martin Heidegger von der metaphysischen Dimension der Angst trennte, die eine viel gravierendere Dimension umhüllt: Angst vor dem Dasein, Angst vor dem Nichts, Angst vor dem In-die-Welt-geworfen-sein, was als bedrohlich und kaum lösbar empfunden wird, wenn diese Erkenntnis im Innern des Menschen aufbricht, gegen die er sich eigentlich aber nur mit einer Form von mutiger oder trotziger Selbstbehauptung zu stemmen vermag. Ohne sichere Aussicht auf Erfolg.

Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard hingegen, der sich schon früher mit dem Phänomen der menschlichen Angst auseinandersetzte und sogar eine eigene Schrift zum "Begriff der Angst" verfasste, sah den Ausweg aus der Angst in einem schonungslosen christlichen Realismus. Der Mensch kann der Angst nach Kierkegaard nichts Eigenes entgegensetzen. Auch die Sünde als Verdrängungsmechanismus läuft ins Leere oder steigert die Angst nur. Erst wenn der Mensch erkennt, dass er jederzeit vernichtet werden kann und sich deshalb nach dem Glauben und der darin implementierten Erlösungsverheißung streckt, kann die Angstüberwindung zumindest im Ansatz gelingen. Frei nach dem Christus-Wort: "In der Welt habt ihr Bedrängnis. Aber habt Mut! Ich habe die Welt besiegt." (Johannes 16,33)

Vier psychologische Grundtypen

Eine ernüchternde Einstellung, die sich aber mit den psychologischen Untersuchungen zur Angst zu decken scheint. Schon vor über 60 Jahren schrieb der Psychoanalytiker Fritz Riemann seinen Klassiker "Die Grundformen der Angst", in denen er die Menschen in vier psychologische Grundtypen einteilte, denen spezifische Angst-Tendenzen zugeordnet werden können, die in der Kindheit beginnen und sich durch das ganze Leben ziehen. Was nicht ausschließt, dass es auch Überlappungen zwischen den jeweiligen Ängsten der Persönlichkeitsmuster gibt. 

Der "schizoide" Typ fürchtet demnach nichts so sehr wie Hingabe und kämpft dagegen mit allen Methoden des Unabhängigkeits-Erwerbs. Der "depressive" Typ dagegen fürchtet sich vor dem Selbststand, der "Individuation" und wird so zum perfekten Mitläufer, der sich gekonnt anderen anpassen kann, um so seine Urangst zu überwinden. Der "manische" Typ hat eine zwanghafte Angst vor Veränderungen und klammert sich an das fest, was ist oder war, um nur nichts Neues zu erleben, das er als bedrohlich empfindet. Schließlich der "hysterische" Typ: er oder sie braucht ständig den neuen Kick, um dem Gefühl der Begrenzung oder Einengung zu entkommen, die aber zur Vergänglichkeit des Lebens gehören.

Andere Frömmigkeitstypen besser verstehen

Übertragen auf die verschiedenen kirchlichen Milieus und Gemeinschaften der Gegenwart, die auch in Zeiten der weihnachtlichen Idylle miteinander im Kampf, wenn nicht sogar im Krieg liegen, könnte Riemanns Ansatz helfen, die anderen Frömmigkeitstypen besser zu verstehen, denn vieles von dem, was derzeit in der Kirche geschieht, scheint vielleicht weniger von theologischen Konflikten als von verschiedenen Formen der Angst motiviert zu sein.

Der "schizoide" Typ wäre demnach in Gemeinschaften präsent, die sehr stark auf Leistung und kühle Distanz setzen, um so das "Geheimnis des Glaubens" - vermutlich unbewusst - doch noch ein bisschen unter Kontrolle zu bekommen. "Depressive" christliche Milieus hingegen stehen in der Gefahr, in Mitgefühl und Altruismus zu schwimmen, ohne den unbequemen Forderungen des gesellschaftlichen Alltags mit Klarheit und Härte zu begegnen, was manchmal auch angemessen ist, um reale Bedrohungen abzuwenden. "Manische" Gruppen hingegen könnten diejenigen sein, die sich vehement an ein religiöses "law and order" klammern, die "Tradition" und sich - häufig mit einer Prise apokalyptischer Phantasie - in einen Abwehrkampf gegen "Great Reset", "Transhumanismus" oder jeglichen medizinischen oder technologischen Fortschritt hineinsteigern. Ein Angst-Problem, das dem "hysterischen" Milieu völlig fremd sein dürfte: in diesem jagt man nach neuen Moden, neuen Erkenntnissen und Sichtweisen, die mit dem Glauben verbunden werden sollen, weil man sich davon (unbewusst) einen Schutz gegen religiös-existentielle Monotonie und Einengung erhofft.

Die irreale Angst vor Christus führt zur Zerstörung

Was nun nicht heißen soll, dass nur in der Kirche die Ängste regieren. Tiefenpsychologisch feinfühlig schildert der Evangelist Matthäus die Ankunft der Weisen aus dem Morgenland in Jerusalem und die Reaktion auf ihre entscheidende Frage "Wo ist der neugeborene König der Juden?" Matthäus schreibt: "Als der König Herodes das hörte, erschrak er und ganz Jerusalem mit ihm." (Matthäus 2,3) Herodes verfällt also in eine panische Angst, weil er um den Verlust seiner Macht fürchtet. Er tut das, was Diktatoren aller Zeiten getan haben: die Intelligenzija (hier: Hohepriester, Schriftgelehrte) wird zusammengetrommelt und instrumentalisiert, die für das Gute empfänglichen (hier: die Weisen) werden heimlich von ihm ausgehorcht; am Ende setzt vor Zorn die pure Gewalt ein, das Blutvergießen an Unschuldigen. Die irreale Angst vor Christus führt zur Zerstörung. Einer Zerstörung, die jegliche zivilisatorischen Rahmenbedingungen sprengt. Gibt es dagegen ein Mittel? Wohl kaum. "Außer: Sich mit dem Inhalt der Angst identifizieren und dadurch zu einem positiven Verhältnis zur Wahrheit Christi kommen."

Doch es gilt festzuhalten: Das Erschrecken, dass das wahrhaft Heilige auslöst, und das zum Beispiel auch bei der Begegnung des Engels mit den Hirten auf dem Feld zu erkennen ist (vgl. Lukas 2,8-20), verwandelt sich relativ schnell in Freude und Gotteslob, eine Haltung der Dankbarkeit. Wer durch diese übernatürliche Form von Schrecken gegangen ist, findet einen Trost und eine Hoffnung, die Himmel und Erde zu verbinden vermag   egal, welcher Typ man nach natürlichen Maßstäben auch sein mag.

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