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Papst: „Wir sind für das Unendliche geschaffen“

In Barcelona erinnerte Leo XIV. daran, dass der Mensch mehr sucht als Erfolg und Selbstinszenierung – und dass die Nacht des Glaubens zum Anfang eines neuen Lebens werden kann.
Papst Leo XIV. umarmt eine Frau im Olympiastadion Lluis Companys in Barcelona
Foto: IMAGO/VATICAN MEDIA/CPP (www.imago-images.de) | Nah bei den Menschen: Papst Leo XIV. umarmt eine Frau im Olympiastadion Lluis Companys in Barcelona.

Das Abendgebet mit Leo XIV. im Montjuïc-Stadion in Barcelona birgt ein historisches Paradox: Das Brustkreuz des Papstes enthält eine Reliquie von Bischof Anselmo Polanco, einem Märtyrer des Spanischen Bürgerkriegs. Das Olympiastadion hingegen trägt den Namen Lluís Companys. Der Ministerpräsident Kataloniens von 1934 bis 1940 wurde vom Franco-Regime erschossen und gilt vielen als Symbol der Unterdrückung. Doch während seiner Amtszeit kam es zu revolutionärer Gewalt, zu Verhaftungen, Hinrichtungen sowie politischen und religiösen Morden. Mehr als 2.000 Geistliche wurden ermordet. 

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Die mehr als 40.000 Menschen im Stadion dachten daran allerdings wohl kaum, als sie Leo XIV. im Papamobil willkommen hießen. Der Heilige Vater segnete etwa 30 Krankenwagen und wurde mit „Castellers“, traditionellen Menschentürmen, empfangen. Nach der Begrüßung durch den Erzbischof von Barcelona, Kardinal Juan José Omella, wurde ein Kreuz inthronisiert. Anschließend sprach Leo XIV. mit drei jungen Menschen, die sehr persönliche Fragen stellten.

Leo: Profit, Leistung und Selbstbild sind „Betäubungsmittel“

Ein junger Erwachsener, der an Ostern getauft worden war, erzählte, er sei mit der Vorstellung aufgewachsen, das Ziel des Lebens bestehe darin, „produktiv zu sein, Erfolg zu haben und unser Image zu wahren“. Er habe diesem Ideal folgen wollen, aber nur eine „unermessliche Leere“ gefunden. Deshalb fragte er: „Wie können wir unseren Blick auf das richten, was wirklich zählt, wenn die Gesellschaft uns ständig dazu drängt, nur auf uns selbst zu schauen?“

Der Mensch erkenne, so Leo XIV., dass er „einen Bedarf an einer anderen Art von Wasser“ habe. Das Verlangen nach Wahrheit und Glück brauche „weitere Horizonte“. Diese Unruhe sei ein Geschenk Gottes: „Wir sind für das Unendliche geschaffen.“ Profit, Leistung und Selbstbild seien „Betäubungsmittel“, die das Gewissen einschläferten. Der Papst ermutigte: „Schaut in euch hinein“, sucht „Momente der Stille, um zu beten“ und geht den inneren Weg nicht allein.

Eine junge Frau sprach über Depression als „stille Krankheit“, die viele Menschen in Dunkelheit, Isolation und Schmerz führe. Sie selbst habe versucht, sich das Leben zu nehmen. „Ich bin hier, weil Gott mir eine zweite Chance gegeben hat“, sagte sie. Ihre Frage lautete: „Wo können wir Gott sehen, wenn die Dunkelheit absolut ist und wir es nicht mehr aushalten?“

Schmerz nicht als „geheimnisvollen Plan“ deuten

Leo XIV. zeigte sich bewegt. „Du bist aufgestanden und hast deinen Weg fortgesetzt, und das ist ein bemerkenswertes Wunder“, sagte er. Die bedrohte psychische Gesundheit zeige, „dass mit einer bestimmten Vorstellung von Fortschritt etwas zutiefst nicht stimmt“. Der Papst brachte das Leiden in Verbindung mit der Passion. In Gethsemane und am Kreuz habe Jesus „unseren Schmerz“ geteilt und das Antlitz eines Gottes offenbart, „der unsere Sorgen trägt, der mit uns leidet, unsere Tränen weint“. Zugleich warnte Leo XIV. davor, Schmerz als „geheimnisvollen Plan“ zu deuten. Damit verharmlose man Leiden und tue Menschen weh. „Gott will kein Leiden. Er trägt es mit uns und lädt uns ein, beharrlich auf ihn zu vertrauen.“

Ein drittes Zeugnis kam von einer jungen Frau aus einem armen Viertel Barcelonas. Als Kind erlebte sie, wie ihr Vater versuchte, ihre Mutter zu töten; ein junger Mann griff ein und starb. Der Vater kam ins Gefängnis, die Mutter geriet in die Drogensucht und das Jugendamt nahm das Mädchen in Obhut. In der Einrichtung habe sie zunächst „eine Mauer“ um sich errichtet, „um mich zu schützen“. Später sei sie von einer Familie aufgenommen worden, habe von Jesus gehört, zu beten begonnen und sich taufen lassen. Dennoch falle es ihr schwer, ihrem Vater zu vergeben. Manchmal frage sie Gott: „Wo warst du, als ich ein kleines Mädchen war?“

Leo XIV. dankte ihr für den Mut, nach Vergebung zu fragen. „Sollen wir fragen: ,Wo war Gott?‘ Oder sollen wir darum fragen, wie Menschen Gefangene des Bösen werden?“ Viele Kriminalfälle zeigten ein Klima, geprägt von „Missbrauch und Unterdrückung“ und von „Gewalt gegen Frauen, die leider oft zu Femiziden führt“. „Wir dürfen Gott nicht das zuschreiben, was unserer Verantwortung anvertraut wurde“, sagte der Papst. Wenn Gewalt herrsche und Liebe in Hass umschlage, müsse man Gesellschaft, Individualismus und Gewaltbereitschaft hinterfragen – „aber nicht Gott“.

Vergebung als Prozess verstehen

Vergebung müsse als Prozess verstanden werden. Wer das Evangelium nur als Buch von Geboten und Pflichten lese, könne entmutigt werden: Jesus lade zur Vergebung ein, und zugleich erfahre der Mensch, dass er dazu aus eigener Kraft oft nicht fähig sei. Deshalb müsse Vergebung vom Herrn erbeten werden – vielleicht ein Leben lang.

In seiner Predigt sprach Leo XIV. vom Weg des Lebens. Das Leben mit seinen Sehnsüchten, Freuden, Niederlagen und Hoffnungen sei Ausdruck einer Suche. „Wir sind Bettler der Liebe“, sagte er. Der Mensch hungere und dürste nach Wahrheit und suche nach einem Sinn, der helfe, „das Geheimnis unseres Lebens zu verstehen“. Zugleich müsse er sich dem „Halbdunkel unseres eigenen Menschseins“ stellen.

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Dem Menschen fehle „die ganze Wahrheit“. Er kenne weder sich selbst noch „das wahre Gesicht der anderen“ in der Tiefe. Deshalb suche er „ein Licht, das den Weg erhellt“. Zwar sei das Leben des Christen „in Christus, verborgen in Gott“, doch gebe es auch „die Nacht des Glaubens“, geistige Erschöpfung und die Angst, dem Ruf des Evangeliums nicht gewachsen zu sein. Diese Nächte könnten reinigen: Sie nähmen die „menschlichen und religiösen Masken“ und führten zur Demut, sich in Wahrheit zu betrachten.

Mit Blick auf Spanien, seine Städte, seine alte und neue Armut, Gesellschaft und Kultur, fragte der Papst: „Welche Nächte durchleben wir? Was sagen sie uns?“ Christen sollten „im Dialog mit Gott und untereinander“ bleiben, „auch im Herzen der Nacht“. Wer sich dem Heiligen Geist öffne und Christus als Wegweiser suche, dürfe hoffen, „von der Nacht ins Licht zu gelangen“.

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José García Leo XIV.

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