Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Besuch in Ungarn

Papst erteilt Europa Friedenslektion

Zum Auftakt seines Besuchs in Ungarn mahnt Franziskus zu Frieden und Einheit – und kritisiert auch die internationale Politik.
Papst Franziskus und Staatspräsidentin Katalin Novák
Foto: Andrew Medichini (AP) | Im ehemaligen Karmeliterkloster Budapests, das heute dem Staat zu Repräsentationszwecken dient, sprach der Papst in Anwesenheit von Staatspräsidentin Katalin Novák zu den versammelten Vertretern der Regierung und der ...

Bei seiner ersten öffentlichen Rede im Rahmen des dreitägigen Pastoralbesuchs in Ungarn hat Papst Franziskus die Nationen Europas zu Frieden und Einheit aufgerufen. Im ehemaligen Karmeliterkloster Budapests, das heute dem Staat zu Repräsentationszwecken dient, sprach der Papst in Anwesenheit von Staatspräsidentin Katalin Novák zu den versammelten Vertretern der Regierung und der Zivilgesellschaft.

Die Geschichte Budapests, so Papst Franziskus, erinnere an den gemeinsamen Weg, den Europa in der Nachkriegszeit in der Hoffnung eingeschlagen habe, „dass ein engeres Band zwischen den Nationen weitere Konflikte verhindern würde. Leider hat sich dies nicht bewahrheitet“, so Franziskus mit Blick auf den Krieg zwischen Russland und der Ukraine. „Man hat den Eindruck, dem traurigen Untergang des gemeinsamen Traums von Frieden beizuwohnen, während die Einzelkämpfer des Krieges Raum gewinnen.“

Papst beklagt "kriegerischen Infantilismus"

Die internationale Politik scheine eher die Gemüter zu erhitzen, als Probleme zu lösen, wobei sie sich in eine Art „kriegerischen Infantilismus“ zurückentwickelt habe, so die deutlichen Worte des Pontifex. Friede könne dabei niemals aus der Verfolgung eigener strategischer Interessen entstehen, sondern sei das Ergebnis einer Politik, die das Ganze und die Entwicklung aller im Auge habe und dabei „achtsam gegenüber den Menschen, den Armen und der Zukunft“ agiere. Papst Franziskus rief dazu auf, die „Seele Europas“ wiederzuentdecken, denn ein geeintes Europa sei zur Aufrechterhaltung des Friedens unerlässlich. In Rückgriff auf ein Zitat Robert Schumans fragte der Papst: „Wo sind die kreativen Anstrengungen für den Frieden?“

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Kurz vor dem Papstbesuch hatte der Botschafter Ungarns beim Heiligen Stuhl, Eduard von Habsburg, daran erinnert, dass Ungarn und der Vatikan in den Personen von Papst Franziskus und Viktor Orbán die zwei Stimmen in Europa seien, „die sich mit Nachdruck für den Frieden, für einen sofortigen Waffenstillstand und für Friedensverhandlungen einsetzen“. Mit Orbán konnte Franziskus bereits heute Vormittag nach seiner Ankunft in Budapest ein privates Gespräch führen.

Ein harmonisches Europa bestehe aus einem Ganzen, das die Teile nicht plattdrückt und Teilen, die sich gut in das Ganze integriert fühlen, fuhr Franziskus fort. „So stelle ich mir ein Europa vor, das keine Geisel der Parteiungen ist, in dem es zum Opfer autoreferentieller Populismen wird, das sich aber auch nicht in eine zerfließende, gasförmige Wirklichkeit verwandelt, zu einem abstrakten Überstaat, der das Leben der Völker nicht kennt.“ Letzteres sei der Weg der „ideologischen Kolonisation, die Unterschiede auslöscht, wie im Fall der sogenannten Gender-Kultur“ oder die „ein sinnwidriges Recht auf Abtreibung als Errungenschaft rühmt“. Stattdessen rief Franziskus zu einem Europa auf, „in dem die verschiedenen Nationen eine Familie sind, in dem das Wachstum und die Einzigartigkeit eines jeden bewahrt werden“.

Novák: Ungarn und Vatikan teilen gemeinsame Werte

In ihrer vorausgehenden Ansprache hatte Staatspräsidentin Novák bereits darauf hingewiesen, dass Ungarn und der Vatikan gemeinsam den Wert des menschlichen Lebens, die Familie und die Identität von Mann und Frau verteidigen. „Wir sind Verbündete!“, unterstrich sie gegenüber den versammelten Spitzen aus Staat und Kirche. Papst Franziskus dankte dem ungarischen Staat auch explizit für seine Unterstützung von caritativen Werken und der verfolgten Christen, besonders in Syrien und im Irak.

Als Kritik des Papstes an der ungarischen Haltung in der globalen Flüchtlingskrise kann die Auslegung einiger überlieferter Worte des ersten ungarischen Königs Stephans des Heiligen an seinen Sohn, den heiligen Emmerich gelten. Dieser habe seinem Sohn geraten, „Fremde wohlwollend aufnehmen und in Ehren zu halten“.

Der Papst betonte: „Für Christen kann die Grundhaltung keine andere sein als die, die der heilige Stephan gegeben hat, nachdem er sie von Jesus gelernt hatte. Jesus hatte sich mit dem Fremden identifiziert, der aufgenommen werden wollte. Gerade, wenn wir an Christus denken, der in so vielen verzagten Brüdern und Schwestern anwesend ist, die vor Konflikten, Armut und Klimawandel fliehen, müssen wir das Problem ohne Ausreden und Verzögerung angehen.“

Wahrheit Christi bringt Sanftmut und Freundlichkeit

„Sei sanftmütig, um niemals die Wahrheit zu bekämpfen“, ein anderes Zitat des Heiligen Stephan, deutete der Papst so: „Die christlichen Werte können nicht durch Starrheit und Verschlossenheit bezeugt werden, denn die Wahrheit Christi bringt Sanftmut und Freundlichkeit mit sich, im Geist der Seligpreisungen.“ Dem Reichtum einer gefestigten Identität entspreche die Notwendigkeit der Offenheit gegenüber anderen, so Franziskus.

Zum Abschluss erinnerte Franziskus an die zahlreichen Heiligen Ungarns und speziell die Märtyrer des 20. Jahrhunderts. „Ihnen vertraue ich die Zukunft eures Landes an, das mir sehr am Herzen liegt“, schloss erseinen Diskurs.

Der erste Tag des Papstbesuchs wird um 17 Uhr mit einer Begegnung mit Bischöfe, Priestern, Diakonen, Personen des geweihten Lebens, Seminaristen und Pastoralarbeitern in der Sankt-Stephans-Basilika schließen. DT/fha

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe der Tagespost einen umfassenden Bericht über die Pastoralreise des Heiligen Vaters nach Ungarn.

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12.04.2024, 05 Uhr
Stefan Groß-Lobkowicz

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