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Kardinal Koch: „Die Irrlehre des Arius ist heute wieder aktuell“

Ein Bilanz-Gespräch mit dem vatikanischen „Ökumene-Minister“ Kurt Kardinal Koch über Stolpersteine im interkonfessionellen Dialog.
Vatikanischen „Ökumene-Minister“ Kurt Kardinal Koch
Foto: IMAGO/Heike Lyding (www.imago-images.de) | Vor allem der Krieg in der Ukraine ist für den Kardinal ein Rückschlag für das Ansehen der Christen in der Welt.

Seit 2010 verantwortet Kardinal Kurt Koch die Beziehungen Roms zu den anderen christlichen Konfessionen. In einer Art Bilanz-Interview mit der „Tagespost“ beleuchtet der gebürtige Schweizer, der im kommenden Jahr die Altersgrenze von 75 Jahren erreicht, Fortschritte im interkonfessionellen Gespräch, macht aber auch neue Belastungen aus.

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Vor allem der Krieg in der Ukraine ist für den Kardinal ein Rückschlag für das Ansehen der Christen in der Welt: Die besondere Tragik bestehe darin, „dass Christen gegen Christen Krieg führen, ja sogar Orthodoxe einander umbringen. Dies ist das traurige Gegenteil zur Ökumene der Märtyrer“. Denn die Verfolgung der Christen in der heutigen Welt trenne die Christen nicht, sondern eine sie. „Wenn nun aber umgekehrt Christen gegen Christen Krieg führen“, so Koch, „ist dies eine äußerst schlechte Botschaft für die ganze Christenheit“.

Der Präfekt des Dikasteriums für die Einheit der Christen hält Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine für geboten, „wenn ihr Ziel ein gerechter Friede sein wird“. Es genüge nicht, hebt der Kardinal hervor, „Verhandlungen zu führen, einfach um Frieden im Sinne des Schweigens der Waffen zu finden. Da beide Seiten verschiedene Vorstellungen von Frieden haben, muss klar gesagt werden, dass es bei Verhandlungen um einen gerechten Frieden in der Ukraine gehen muss“.

„Fiducia supplicans“: Ein Stolperstein

Bei der Frage der Ablehnung der Erklärung „Fiducia supplicans“ über Segnungen von homosexuellen Paaren durch die orientalischen Kirchengemeinschaften erhofft sich Koch klärende Worte des Präfekten des Glaubensdikasteriums. Er habe bei der jüngsten Vollversammlung der Dialoggruppe mit den orientalisch-orthodoxen Christen eine Antwort von Kardinal Victor Fernández auf die Bedenken der Orientalen erbeten und diesen auch zu einer Begegnung mit der Kommission eingeladen. „Dies war ihm jedoch nicht möglich, da zu derselben Zeit die Vollversammlung auch seines Dikasteriums stattfand. Er hat dann eine schriftliche Antwort geschickt“, meint Koch weiter, „die jedoch von den Orientalisch-Orthodoxen als ungenügend qualifiziert worden ist. Deshalb habe ich den Kardinal nochmals gebeten, die offenen Fragen zu beantworten.“

Katholische Bischöfe uneins in Sachen Frauenweihe

So wie sich die anglikanische Weltgemeinschaft unter anderem über die Frauenweihe gespalten hat, so sieht der Kardinal ebenfalls in der katholischen Kirche Uneinigkeit in Sachen Frauenordination: „Auch in der katholischen Kirche sind diesbezüglich heterogene Vorstellungen und Forderungen vorhanden. Es gibt in Deutschland, in der Schweiz und anderen Ländern nicht wenige Bischöfe, die die Frauenordination entschieden fordern und von ihr geradezu die Zukunftsfähigkeit der katholischen Kirche abhängig machen.“

Für ihn sei es aber wichtig, dass alle christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gerade im Heiligen Jahr 2025, das zugleich das 1.700-Jahr-Gedächtnis des Credos von Nicäa sei, den damals bezeugten Glauben an Jesus Christus, den wahren Menschen und wahren Gott, in ökumenischer Gemeinschaft bekennen. „Die Einheit kann nur im Glauben gefunden werden, und deshalb müssen wir die Einheit nicht nur unter den heutigen Kirchen wiederfinden, sondern auch mit der Kirche der Vergangenheit und vor allem mit ihrem apostolischen Ursprung.“ 

Vormarsch des Neo-Arianismus

Das sei deswegen so wichtig, so Koch, „weil die arianische Irrlehre, die damals weit verbreitet gewesen ist und besagt, dass Jesus nicht der Sohn Gottes, sondern bloß ein Mittelwesen zwischen Gott und Mensch sein könne, nicht einfach der Vergangenheit angehört, sondern auch heute eine weite Verbreitung findet“. Dabei denke er vor allem an die deutschsprachigen Länder, in denen diese Herausforderung auch heute gegeben sei. „Viele Christen lassen sich auch heute durchaus berühren von allen menschlichen Dimensionen an Jesus von Nazareth, während ihnen der christliche Glaube an Jesus Christus, den wahren Gott und wahren Menschen, und damit der kirchliche Christusglaube eher Mühe bereitet.“

Es dürfte kein Zufall sein, fügt der Kardinal an, „dass Papst Benedikt XVI. immer wieder betont hat, in der heutigen Situation stehe hinter der viel verwendeten Aussage ,Jesus ja – Kirche nein‘ die noch tiefere Aussage: ,Jesus ja – Sohn Gottes nein‘.“ Das Heilige Jahr sei ein wichtiger Anlass, „sich des christologischen Glaubens in ökumenischer Gemeinschaft erneut zu vergewissern“.  DT/gho

Lesen Sie das ausführliche Interview mit dem "Ökumene-Minister" des Vatikans in der kommenden Ausgabe der "Tagespost".

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