Ein Brausen vom Himmel, Feuerzungen auf den Häuptern, ein vielsprachiges Lob Gottes – der Geburtstag der Kirche beginnt als Theophanie. Fünfzig Tage nach Pessach feierte Israel Schawuot, das Wochenfest. Ursprünglich ein Erntedank für die Weizenernte, wurde es in der jüdischen Tradition zum Gedächtnistag der Gesetzgebung am Sinai. Wie die Apostelgeschichte berichtet, füllte sich Jerusalem zum Wochenfest mit Pilgern aus aller Welt, die zum Tempel strömten. Gottes Timing wählte die Stunde der größten Versammlung, um die Zerstreuung zu überwinden. In der Vigil zu Pfingsten erklingt die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Hochmut und Sprachverwirrung – die Menschheit zersplittert, der Himmel bleibt stumm.
An Pfingsten aber öffnet sich der Himmel: Ein Brausen, wie ein heftiger Sturm, erfüllt das Haus, Feuerzungen senken sich auf die Apostel. Der Sturm erinnert an die Sinai-Theophanie, wo Gott unter Donner und Feuer dem Volk begegnete. Was in Babel Fluch war, wird hier Gnade: Parther, Meder, Römer und Araber hören in ihrer Muttersprache den Lobpreis Gottes. So wie einst der Dornbusch brannte und nicht verbrannte, so entzündet der Geist die Herzen der Apostel mit den Feuerflammen, damit sie selbst zu Licht und Wärme für die Welt werden und Zeugen für den Gott, der sich offenbart hat.
Aus Fremden werden Geschwister
Der Festtermin Schawuot bedeutet Erntedank. Die ersten Früchte werden zum Tempel gebracht. Gott aber schenkt an diesem Tag überirdische Gaben: die sieben Geistesgaben, erbeten in der Pfingstnovene, die daraus erwachsenden Früchte, die Paulus im Galaterbrief nennt, schließlich die Charismen, die Paulus in der zweiten Lesung entfaltet – vielfältig, doch aus derselben Quelle. Jede Gabe wird nicht zur Selbstbespiegelung verliehen, sondern zum Nutzen des Ganzen. Dann das kühne Bild: „Durch den einen Geist wurden alle in der Taufe in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie.“ (1 Kor 12, 13) Ein Leib, viele Glieder – die Kirche ist der fortdauernde Leib Christi in der Welt. Soziale und ethnische Schranken gelten nicht mehr, denn der Geist macht aus Fremden Geschwister.
Das Evangelium zeigt den Auferstandenen, der die Jünger anhaucht und ihnen den Geist als Lebenshauch verleiht. Was dort im Verborgenen beginnt und auch mit Psalm 104 angekündigt wird – „Du sendest deinen Geist aus: Sie werden erschaffen und du erneuerst das Angesicht der Erde.“ – bricht an Pfingsten als neue Schöpfung öffentlich hervor. Und doch wartet die begonnene Ernte auf ihre Vollendung. Am Ende der Zeiten wird Gott die Früchte seiner ausgestreuten Gaben einholen. Dürrezeiten und Missernten auf dem Acker der Welt finden dann ihr Ende. Die ewige Erntefreude steht noch aus.
Apostelgeschichte 2, 1–11
1 Kor 12, 3b-7.12–13
Johannes 20, 19–23
Zu den Lesungen des Pfingstsonntags 2026
(Lesejahr A)
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.










