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Offene Türen sind die Zukunft

Abbé Thomas Diradourian spricht mit der „Tagespost“ über die Zukunft der Gemeinschaft Saint Martin in Deutschland. Ein Beitrag zum Interviewprojekt „Schiffsbauer – Vision für die Kirche 2040“.
Wallfahrtskirche Maria Königin des Friedens in Neviges.
Foto: Andreas Tuffé / Wikimedia / CC-BY-SA-4.0 | An der Wallfahrtskirche Maria Königin des Friedens in Neviges betreuen Priester der Gemeinschaft Saint Martin seit 2020 die Wallfahrt und die Seelsorge.

Abbé Thomas, die Gemeinschaft Saint Martin ist nun seit 2020 in Velbert, Neviges. Haben Sie noch Kraft nach drei Jahren in Deutschland?

Ja, natürlich – mehr denn je! Ich persönlich bin mir meiner Pflicht sehr bewusst und der Ruf Gottes, durch die Stimme des Bischöfe, hat mich hierher geschickt. Mein Vorgänger sagte mir damals, ich könne mich darauf verlassen, dass Gott schon da ist, wo er mich hin ruft. Er hat mich hier gewollt und dafür benötige ich kein besonderes Programm, das ohnehin nie so umgesetzt wird, wie ich es mir vorgestellt habe, sondern vielmehr die Einsicht: Ich begnüge mich damit, dass Gott mich hierhin geschickt hat. Das ist der Ort, an dem ich sein muss, damit Gott durch mich wirken kann. Außerdem ist das mutige Vorbild unseres Kardinals Rainer Maria Woelki eine tägliche Hilfe – das gibt Kraft. Er bleibt standhaft. Damit kann ich viel anfangen. Die Standhaftigkeit ist eine zukunftsfähige Haltung für die Kirche. 

Schiffsbauer
Foto: adobe.stock | „Schiffsbauer“ ist das Interviewprojekt einer neuen Generation von „Tagespost“-Autoren. Junge Katholiken sprechen mit Akteuren aus Pastoral und Neuevangelisierung über Wege und Perspektiven für das geistliche Leben.

Ihre Gemeinschaft lebt eine besondere Spiritualität im Geiste des heiligen Martin. Was zeichnet ihn als Patron Ihrer Gemeinschaft aus? 

Der heilige Martin hat keine besondere Spiritualität vorgeschrieben. Das Beispiel, das er uns hinterlassen hat, ist einfach diese besondere Form priesterlichen Lebens: Priester, die gemeinschaftlich leben und aus der Gemeinschaft heraus in die Pfarreien gehen, die sie betreuen. Martin lebte in Tours nicht im Bischofshaus, sondern mit seiner Gemeinschaft in Marmoutier abseits der Stadt. Martin war ein treuer und fürsorglicher Soldat und wirkte kämpferisch. Auch wir werden im Priesterseminar mit einem gewissen Maß an Disziplin ausgebildet und der damit verbundene Teamgeist, das Pflichtbewusstsein und die Loyalität zur Kirche helfen dabei, dass wir unsere pastorale Arbeit in zuverlässiger Haltung tun können, im treuen Dienst der Kirche. All dies natürlich auch in einer Atmosphäre fröhlicher Kameradschaft.

Auf Ihrer Website fand ich einen Beitrag mit dem Titel „Das Fahrrad, ein Werkzeug der Evangelisierung“, wo ein Priester in Soutane auf einem Rennrad zu sehen ist. Kommt das auch in Neviges vor? 

In Neviges ist die Soutane kein besonderes Thema, weil die Leute seit Jahrhunderten das Zusammenleben mit Ordensleuten gewohnt sind und dabei zwischen Ordensgemeinschaft und Priestergemeinschaft kaum unterscheiden. Da sind wir einfach in die Fußstapfen der Franziskaner getreten, die hier zuvor am Mariendom niedergelassen waren. Hier gab es also vor uns schon Franziskaner auf dem Fahrrad oder sogar auf dem Traktor. Die Soutane bezieht uns nicht in erster Linie auf irgendeine spezielle Auffassung vom Priesteramt. Sie ist kein Werkzeug oder eine Werbung zum Evangelisieren, sie drückt einfach unsere Identität als Priester und als Gemeinschaft aus. 

Priester leben in Deutschland oft allein, der Zölibat wird nicht erst seit dem Synodalen Weg infrage gestellt. Wie hilft die Zugehörigkeit zu einer Priestergemeinschaft, den Zölibat gut zu leben?

Bei uns gibt es zwei wichtige Säulen: Eine theoretische und eine praktische. Die theoretische ist die sehr aufmerksame Ausbildung und Prüfung des Einzelnen, um den Herausforderungen eines zölibatären Priesterlebens zu begegnen. Da wird jeder Kandidat geistlich, aber auch psychologisch geprüft, um die lebenslangen Anforderungen des Zölibats erfüllen zu können. Die praktische Säule ist das Leben in Gemeinschaft: einen Ort zu haben, um mit echten Freunden und Gleichgesinnten das priesterliche Leben und seine Schwierigkeiten im Alltag teilen zu können. 

Der Zölibat ist und bleibt ein wertvoller Schatz der westlichen Kirche, aber ohne Gemeinschaftsleben ist meines Erachtens der Zölibat in der heutigen Zeit nur schwer zu halten und zu verteidigen. Unsere Gemeinschaft bietet eine Art und Weise, ein tägliches Leben als Priester ohne Frustration zu führen. Die Wurzel vieler Arten von Fehlverhalten ist Frustration und nicht die Ausnutzung von Macht, wie viele meinen, obwohl diese meist doch sehr gering ist.

 

Abbé Thomas Diradourian
Foto: Privat | Abbé Thomas Diradourian (Jahrgang 1976) gehört zur französischen Gemeinschaft Saint Martin. Er ist seit 2020 leitender Pfarrer in der Pfarrgemeinde Velbert-Neviges, wo er auch in der Wallfahrtsseelsorge tätig ist.

 

Sie sind eine wachsende junge Priester- und Diakonengemeinschaft mit rund 115 Mitgliedern im Durchschnittsalter von 34 Jahren. Was ist bei Ihrer Gemeinschaft für junge Menschen so anziehend? 

Eine offenbar erfolgreiche, junge und lebendige Gemeinschaft zieht von sich aus junge Menschen an. Das ist einfach so! Anschließend hat der Priesteramtskandidat acht Jahre Zeit, seine Entscheidung zu vertiefen und dabei werden die Seminaristen immer wieder nach der tieferen Motivation ihrer Bewerbung gefragt, die sich mit der Zeit herausstellt oder nicht. Die Pflege und die Sakralität der Liturgie ist dann auch oft Grund für den Eintritt bei uns, sowie die kirchentreue theologische Ausbildung und vor allem das Gemeinschaftsleben. 

"Außerdem nehmen wir den Auftrag des zweiten Vatikanums sehr ernst,
nämlich zusammen mit dem Gottesvolk zu beten, bei Laudes und Vesper."

Ihre Gemeinschaft entstand nach dem zweiten vatikanischen Konzil, gleichzeitig spielt Latein in der Liturgie bei Ihnen eine Rolle. Wie geht die Gemeinschaft liturgisch mit diesem Spannungsbogen um? 

Da besteht insofern keine Spannung, da wir nicht nach der alten Form des römischen Ritus feiern. Daher sind wir durch das Motu proprio nicht wirklich betroffen. Wir bemühen uns sehr um eine feierliche und sakrale Liturgie, mit besonderer Aufmerksamkeit für den gregorianischen Gesang und die lateinische Sprache, was schon in unserer Ausbildung einen hohen Stellenwert hat. Dies ist eine große Unterstützung für das Gemeinschaftsleben und auch eine innere Quelle für das persönliche geistliche Leben. Außerdem nehmen wir den Auftrag des zweiten Vatikanums sehr ernst, nämlich zusammen mit dem Gottesvolk zu beten, bei Laudes und Vesper. Dabei ist die lateinische Sprache eine verbindende Sprache, da hier nicht nur einheimische Deutsche, sondern auch viele Gläubige mit anderen kulturellen und sprachlichen Hintergründen zusammen beten. Das ist keine „monastische“, sondern eine pastorale Aufgabe für uns. Übrigens finde ich als Franzose das deutsche Liedgut unvergleichlich schön. Das muss auch zur Liturgie dazu gehören und immer wieder gepflegt werden!  

„Die neuen geistlichen Gemeinschaften
sind heute die Zukunft der Kirche.“

Worin sehen Sie Ihre wichtigste missionarische Aufgabe hier in Neviges?

Wir begegnen hier vielen Menschen, die wirklich den Wunsch haben, Christen zu sein. Das kenne ich aus Frankreich in einem solchen Maß nicht, wo es für die meisten gar nicht erst in Frage kommt, als Christ zu leben. Das ist in Neviges anders. Doch die Auffassung vom Christsein ist oft sehr unterschiedlich. Daher bemühen wir uns um eine Vertiefung des christlichen Lebens und eine intensive Glaubensvermittlung durch die Katechese. Es gibt hier überall guten Willen und ein großes Verlangen nach Innerlichkeit, aber zugleich auch einen großen Mangel an Grundkenntnissen über den Glauben und eine ungenügende Wertschätzung des Wortes Gottes. Dies führt zu einer gewissen religiösen Unsicherheit, die sich in zwei extremen Haltungen ausdrücken kann: eine manchmal nicht sehr aufgeklärte Frömmigkeit oder umgekehrt und als Reaktion darauf, ein Misstrauen und Skepsis gegenüber der katholischen Lehre und Tradition. Unsere Aufgabe als Priester ist es, durch Predigt und Katechese unsere Gemeinde in der Mitte des Glaubens zusammenzubringen.

Mir hat mal ein Priester gesagt: „Die neuen geistlichen Gemeinschaften sind heute die Zukunft der Kirche.“ Was ist an Ihrer Gemeinschaft zeitgemäß und zukunftsorientiert?

Hier komme ich wieder auf den Geist des heiligen Martin zurück, der weniger im Ordensleben, sondern vielmehr in einer familiären Lebensweise begründet liegt. Wir Mitbrüder leben wie in einer Familie. Wir beten gemeinsam, tauschen uns aus, kochen und essen zusammen und verbringen daher sehr viel Zeit miteinander. Diese Familie wollen wir auch sein für die vielen Familienlosen, die zu uns in die Kirche kommen und Geborgenheit und Heimat suchen. Egal ob Geschiedene, Flüchtlinge, Suchende, Zugezogene, Witwen oder Alleinlebende. Die Türen sind offen – das ist die Zukunft! Das ist keine theoretische Weltoffenheit, wie so oft in Deutschland vorzufinden, sondern eine echte familiäre Gemeinschaft im Alltag. So kann dann auch ein tieferes Verständnis für den Priester entstehen, der nämlich Kirche ganz praktisch als Familie und brüderliche Gemeinschaft vorlebt.

Wo sehen Sie Ihre Gemeinschaft St. Martin in 20 Jahren?

Da können wir nur auf die nächsten zehn Jahre blicken, weil das genau eine neue Generation von Priesteramtskandidaten ist. Wir haben in diesem Jahr rund 25 Seminaristen aufgenommen, von denen einige deutschsprachig sind. Wenn sich unsere Gemeinschaft in der deutschsprachigen Pastoral bewährt und der Ruf seitens der Ortsbischöfe erfolgt, ohne den nichts geht, dann könnten wir zukünftig, wenn Gott will, der Kirche im deutschsprachigen Gebiet noch mehr Priester zur Verfügung stellen!


Schiffsbauer - Visionen für die Kirche 2040: Junge „Tagespost“-Autoren sprechen mit Akteuren aus Pastoral und Neuevangelisierung über Wege und Perspektiven für das geistliche Leben in unserem Land.

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