„Was Gott vergeben hat, das hat Er auch vergessen.“ – Dieser Spruch ist so bekannt wie falsch. Er kann richtig verstanden werden: als Stilmittel, um die Größe der göttlichen Barmherzigkeit auszudrücken. Doch im wörtlichen Sinne ist er falsch. Gott ist ewig und unveränderlich. Er kann nicht vergessen. Übrigens kann Er auch nicht lernen. Das heißt auch: Gott kennt unsere Sünden, bevor wir sie begehen, Er kennt sie, nachdem wir sie begangen haben, und Er kennt sie auch, nachdem sie vergeben sind.
Adam und Eva haben sich nach dem Sündenfall vor Gott zu verstecken versucht – freilich ein unsinniges und aussichtsloses Unterfangen. Aber verständlich. Sie schämten sich. Scham ist die Furcht, gering geschätzt zu werden. Was könnte also größere Scham auslösen als die eigene Sünde im Angesicht Gottes? Umso mehr, wenn Gott diese niemals vergessen wird?
Man muss allerdings sagen, dass hier doch eher der Stolz spricht. Demut ist die Bereitschaft, im Einklang mit der Wahrheit zu leben. Wenn Stolz die Abwesenheit von Demut ist, dann basiert er auf einer Lüge. Zu wünschen, dass Gott sich an unsere Sünde tatsächlich nicht mehr erinnern möge, ist der Wunsch, Gott zu betrügen. Was ist nun aber eine gesunde Einstellung bezüglich unserer Sünden, da wir die Zeit schlecht zurückdrehen können?
Opfern für das größere Gut
Wir dürfen in einer Hinsicht beruhigt sein: Es ist keinem Menschen möglich, Gott tatsächlich zu schaden. Da wir aber zu seiner Ehre geschaffen wurden, ist die Sünde eine Art Diebstahl hinsichtlich der äußeren Verherrlichung Gottes. Weil Gott das unendliche Gut ist, ist es uns zwar unmöglich, unsere Schuld tatsächlich vollumfänglich zu bezahlen – doch in seiner unendlichen Barmherzigkeit hat Er den Schuldschein selbst am Kreuz ausgelöscht. Daher ist die gesunde Einstellung zu unseren Sünden nicht der Wunsch, Gott zu betrügen, indem wir uns verstecken, sondern vielmehr zuzulassen, dass Er an uns durch seine Barmherzigkeit verherrlicht wird. Dass die äußere Verherrlichung, die wir Ihm durch unseren Ungehorsam gestohlen haben, durch den Erweis der Herrlichkeit seiner Barmherzigkeit an uns wiedergutgemacht wird. Das ist das kleine Opfer, das wir bringen können.
Ein Opfer zu bringen heißt, ein kleineres Gut um eines größeren Gutes willen aufzugeben. Das kleinere Gut ist unser Stolz, der sich so gerne damit brüsten würde, sündenlos zu sein. Nun, der Zug ist abgefahren. Und selbst wenn er noch im Bahnhof stünde, wäre dies ohne die göttliche Gnade völlig undenkbar gewesen. Das größere Gut ist die Verherrlichung Gottes im Hinblick auf seine Barmherzigkeit.
Christus sagte der Frau am Brunnen, dass die wahren Anbeter im Geist und in der Wahrheit anbeten würden. Dies kann selbstverständlich auf den Kult des Neuen Bundes, das heilige Messopfer, ausgelegt werden. Aber es sagt auch etwas über die von uns geforderte Gesinnung aus. Sind wir bereit, Gott im Einklang mit der Wahrheit anzubeten – einschließlich der Wahrheit über uns selbst?
Die Autorin ist 22 Jahre alt, lebt in München und studiert katholische Theologie.
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