Es ist wieder Fastenzeit, und wie jedes Jahr stellt sich die Frage: Worauf soll ich in den vierzig Tagen vor Ostern verzichten? Diese Frage hatte mich tatsächlich eine ganze Weile beschäftigt; eigentlich trage ich sie schon seit der letzten Fastenzeit mit mir herum. So war es doch gar nicht erstaunlich, dass die Themen Fasten und Verzicht über das letzte Jahr immer wieder auf der Suche nach dem eigenen geistlichen Weg aufkamen. War das Zufall oder vielleicht ein himmlischer Wink mit dem Zaunpfahl? Ich machte mich jedenfalls daran, mehr über das Thema Fasten herauszufinden – aus einer christlichen Perspektive. Was ist Fasten eigentlich? Wie geht das konkret? Wo liegen die Fallstricke dieser Praxis?
Meine „Reise“ in die Welt des Fastens führte mich zunächst ins frühe Christentum. Hier hatte ich schon zu anderen Themen wertvolle Hinweise gefunden, hier fühle ich mich nicht selten „zuhause“. Von der Didache über die Kappadokischen Väter gelangte ich in die ägyptische Wüste und zu Johannes Cassian. Es folgte daraufhin ein wenig zeitgenössische Literatur zu dem Thema.
Schnell wurde mir klar, dass mein bisheriges Bild vom Fasten eine Auffrischung nötig hatte. Fasten als Form der Diät und Gewichtsabnahme – viel weiter gingen meine Gedanken zu dem Thema nicht. Der christliche Blick auf den Verzicht öffnete plötzlich ganz neue Perspektiven. Ich begann, das Fasten als eine vor allem geistliche Übung zu sehen, als einen Verzicht auf alles, was uns von Gott trennt. Bei dem bekannten Benediktinerpater Anselm Grün las ich diesbezüglich folgenden spannenden Gedanken: „Im Fasten begegne ich mir selbst, begegne ich den Feinden meiner Seele, dem, was mich innerlich gefangen hält. […] Das Fasten deckt mir auf, wer ich bin. Es zeigt mir meine Gefährdungen und gibt mir an, wo ich den Kampf aufnehmen muss.“ Fasten ist demnach in den fortdauernden Prozess der persönlichen Umkehr einzuordnen. Es geht darum, durch den Verzicht einen inneren Freiraum zu schaffen, der die Auseinandersetzung mit Gott ermöglicht. Im Alltag werden die Probleme in der eigenen Gottesbeziehung häufig überdeckt. Wir sind den ganzen Tag beschäftigt, immer bietet sich die Gelegenheit zur Ablenkung. Mit dem Fasten lassen sich solche „Störfaktoren“ gezielt „abschalten“. Dadurch wird der Blick klarer und die Arbeit kann beginnen.
Den „goldenen Mittelweg” finden
Was mich in meiner Naivität bei meiner Lektüre besonders überrascht hatte, war der Fokus vieler Autoren nicht in erster Linie auf den Verzicht, sondern viel eher auf die Maßhaltung. Mit der Zeit begann dieser Gedanke in mir zu arbeiten und mehr und mehr Sinn zu ergeben. „Unmaß“ geht in beide Richtungen. Es gibt nicht nur maßlosen Konsum, sondern auch maßlosen Verzicht. Es geht beim Fasten eben gerade darum, Maß zu halten und den „goldenen Mittelweg“ zu finden.
Beeindruckt hat mich, wie schon die frühen Mönche in Bezug auf das Fasten und die Maßhaltung Rücksicht auf die individuelle Lebenssituation nahmen. Nicht jeder hat beispielsweise die gleichen körperlichen Voraussetzungen für den Verzicht auf Nahrungsmittel. Wir alle sind an die uns gegebenen Möglichkeiten gebunden und durch unsere Biografie geprägt.
Mir wurde schlussendlich bewusst, dass ich einen zu engen Blick auf das Thema Verzicht hatte. Fasten ist kein Selbstzweck, kein Fall von „alles oder nichts“. Es ist ein Prozess, ein Weg, der mit kleinen Schritten gegangen wird. Lieber zunächst etwas vorsichtiger reduzieren, als zu übertreiben, lautet das Motto. Um sich vor dem eigenen Übermut zu schützen, kann der Rat vertrauter Personen hilfreich sein. Nicht selten kann der klare Blick eines anderen Menschen den Weg der richtigen Entscheidung ebnen. Das gilt sowohl für den Umfang des Verzichts als auch für seinen Inhalt.
Der Autor hat Altertumswissenschaften studiert und betreibt mit seiner Frau einen Online-Shop.
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