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Ostern: No risk, no fire!

Wer Christus nur als Idee kennt, hat Ostern noch nicht erlebt. Ostern ist Begegnung, die entflammen möchte. Der Auferstandene sucht keine Zuschauer – er sucht Zeugen.
Ostern
Foto: IMAGO/Christian Ender (www.imago-images.de) | Ostern ist keine Erinnerung an ein Feuer – es ist das Feuer selbst. Und dieses Feuer sucht Menschen, die sich entflammen lassen.

Für uns Kinder war Ostern vor allem eines: Spannung, Erwartung und Aufatmen. Die Christmette in der Dunkelheit, das lodernde Osterfeuer, das in der Nacht die Gesichter erhellte und wärmte — und am Morgen das feierliche Frühstück mit geweihten Speisen, wie es in der polnischen Tradition lebendig geblieben ist. Der Tisch, der nach Stille und Fasten nun von Fülle und Freude überbordend war. Endlich war die Fastenzeit vorbei!

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Ungefähr so muss es auch den Jüngern ergangen sein — nur viel gewaltiger. Es begann unscheinbar: Maria Magdalena tritt an das leere Grab, begegnet Jesus im Garten, begreift, glaubt, läuft mit einigen anderen Frauen zu den Aposteln und berichtet ihnen von der Auferstehung ihres Herrn. Niemand glaubt ihr zunächst. Das Lukasevangelium hält es nüchtern fest: „Diese Worte erschienen ihnen wie leeres Geschwätz und sie glaubten ihnen nicht.“ (Lk 24,11) Trotzdem ist ihr Wort wie eine Zündschnur. Petrus und Johannes laufen zum Grab — sie sehen und glauben. Dann begegnet der Auferstandene weiteren Jüngern — auf dem Weg nach Emmaus, im verschlossenen Obergemach, am See von Tiberias. Jünger für Jünger, Herz für Herz entzündet dieses Feuer, bis es zur Explosion der Freude wird: Christus lebt. Er ist wahrhaftig auferstanden! 

Wo ist das Feuer heute?

Papst Benedikt XVI. nannte die Auferstehung Jesu die größte „Mutation", den „absolut entscheidendsten Sprung in ganz Neues hinein" in der gesamten Geschichte. Doch wo ist dieses Feuer heute? Vielerorts wirkt Ostern, als wäre es Pflichttermin im Kirchenjahr, aber doch zu schön, um ihn unter den Tisch fallen zu lassen, wobei Ostern für viele vor allem wegen der Ostereiersuche beliebt ist. Das darf auch sein. Aber wenn es darauf reduziert wird — aktuellen Umfragen zufolge wissen viele gar nicht mehr, was Christen an Ostern feiern, religiöse Inhalte spielen für viele keine Rolle mehr —, ist es nur ein „Herumgeeiere“ um den Kern des Osterfestes und das Kerygma: Christus ist gestorben und wieder auferstanden! Er hat uns erlöst und er lebt!

Ist diese Botschaft vielleicht zu selbstverständlich geworden, zu vertraut, als dass sie noch begeistern könnte? Möglich. Wahrscheinlicher ist aber etwas anderes: Wir haben verlernt, nach einem lebendigen Glauben zu suchen. Viele können sich kaum vorstellen, dass sie Jesus wirklich begegnen können. Wir begnügen uns mit einer Christus-Idee, tragen Kreuz und Auferstehung als Wissen im Kopf — aber haben aufgehört zu glauben, dass Jesus uns wirklich begegnen will, und zwar als lebendige Person. Für den heiligen Bernhard von Clairvaux war es die „höchste Philosophie", Jesus nicht nur zu kennen, sondern als Gekreuzigten zu lieben. Und frei nach Augustinus gilt: Nur wer selbst brennt, kann andere entzünden.

Kleine Gebete, große Wunder

Die Begegnung mit Christus bleibt nicht ohne Wirkung. Die Begegnung mit dem Auferstandenen verändert, erneuert, ermutigt und stärkt. Besonders eindrücklich zeigen dies Zeugnisse von Muslimen des Nahen Ostens. Viele erzählen, wie ihnen im Traum ein leuchtender Mann erschienen ist, den sie als Jesus erkennen. Aber auch hierzulande berichten Menschen von Heilungen und Wundern: Krebszellen verschwinden, Schmerzen verschwinden, Menschen erfahren Befreiung von Ängsten und Depressionen, erleben einen unerklärlichen Frieden.

Kleine Gebete haben nicht selten große Wunder bewirkt, denn Christus selbst ist es, der durch seine Jünger handelt. „Wir gehen nicht zugrunde, weil es keine Wunder gibt, sondern weil uns das Staunen fehlt", sagte einst G.K. Chesterton. Es scheint, als hätten Wissenschaft und Verstand, auch wenn beide wichtig und Geschenke Gottes sind, unseren Blick auf das Übernatürliche getrübt. Ein Glaube, der nur noch Regeln abhakt, sieht die Person Jesus und sein Wirken nicht. Er sieht die Institution, aber nicht den lebendigen Gott. Er sieht das Grab, aber nicht den, der es verlassen hat.

Der Glaube ist eine Begegnung

Doch was bleibt, wenn Christus mehr Idee als Gegenüber ist? Ein System von Überzeugungen, das man teilen oder ablehnen kann, das aber niemanden verwandelt. Und genau hier liegt womöglich auch die Wurzel einer tiefen kulturellen Verständnislosigkeit: Wer Christus nicht als lebendige Person erfahren hat, kann schlichtweg nicht nachvollziehen, was Gläubige meinen, wenn sie von Begegnung, von Wundern, von Heilung im Namen Jesu sprechen oder die christliche Anthropologie bejahen. Es sind verschiedene Erfahrungswelten. Und keine noch so kluge Argumentation überbrückt diesen Graben. Nur die Begegnung selbst kann das. Benedikt XVI. erklärte in seiner Enzyklika „Deus Caritas est“: Der Glaube ist keine Theorie oder eine große Idee, „sondern die Begegnung mit ... einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt".

So war es damals bei Maria Magdalena, so ist es heute. Als Maria Magdalena den Aposteln erzählte, dass das Grab leer sei und Jesus lebe, nahmen sie sie nicht ernst. Das ist heute nicht anders. Und darum gilt heute dasselbe wie damals für Petrus und Johannes: Jeder Mensch muss selbst hingehen, selbst sehen, sich persönlich überzeugen. Kein Zeuge kann den anderen von Ostern überzeugen, davon, dass Jesus wirklich lebt und auch heute Wunder wirkt. Er schläft nicht in den Seiten alter Bücher, sondern liebt es auch heute zu heilen, Menschen zu berühren und ihnen neue Hoffnung und neues Leben zu schenken.

„Gib weiter, was dir geschenkt wurde"

Christus ist die Fülle. Gottes Geist weht, wo er will. Er ist wie der Wind: unsichtbar, aber erfahrbar. Die Welt wartet nicht bloß auf bessere Argumente für den Glauben. Sie wartet auf Menschen, die verinnerlicht haben, wovon sie sprechen und die bezeugen können: Ich habe ihn erlebt. Er lebt. Er heilt. Er sendet. Diese Botschaft ist keine Aktennotiz, die nach Bedarf kopiert werden kann – sie muss gelebt werden. Dann springt sie von Herz zu Herz, wie ein Feuer, das in der Dunkelheit weitergetragen wird.

Weder Gremien noch Strategiepapiere, weder Synoden noch Sitzungen werden die Erde neu entflammen. Aber Zeugen können es. Ostern ist keine Erinnerung an ein Feuer – es ist das Feuer selbst. Und der Auferstandene sucht neues Holz: Menschen, die sich Christus zur Verfügung stellen, sich der eigenen Identität in Christus bewusst sind und in Seinem Namen wagen, was aus eigener Kraft nicht möglich ist: Menschen für Christus zu begeistern, zu heilen und zu neuen Jüngern zu machen. No risk, no fire. Wie buchstabiert man „Glauben“ noch? R-I-S-I-K-O! Christus braucht keine perfekten Werkzeuge — er braucht mutige Zeugen.

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