Vom heiligen Antonius dem Großen (251–356) ist das sogenannte „Bogen-Gleichnis“ überliefert. Dort heißt es, dass der Wüstenvater einmal mit anderen Mönchen scherzte und eine unbeschwerte Unterhaltung führte. Als ein Jäger des Weges kam, nahm dieser Anstoß am Verhalten der Mönche, da es nicht der asketischen Lebensweise entspreche. Antonius legte dem Jäger ein Gleichnis vor, indem er ihn aufforderte, seinen Bogen zu spannen. Als der Jäger darauf eingegangen war, wiederholte der Heilige seine Aufforderung. Beim dritten „Spanne den Bogen!“ sagte der Jäger endlich: „Wenn ich den Bogen über das Maß spanne, dann bricht er.“ Daraufhin löste Antonius das Gleichnis auf: Mit dem geistlichen Leben sei es wie mit dem Bogen. Wenn der Mensch zu großer und dauerhafter Anspannung ausgesetzt sei, würde er brechen. Daher sei es laut dem Heiligen von Zeit zu Zeit notwendig, die Strenge zu lockern und kleine Pausen einzulegen.
Wer sich heutzutage auf den geistlichen Weg begibt, wird schnell merken, dass die Weisheit des heiligen Antonius über die letzten siebzehn Jahrhunderte nicht an Gültigkeit verloren hat. Wie der Sportler nicht den ganzen Tag und vor allem nicht immer mit voller Leistung trainieren kann, so kann auch der „Athlet Christi“ nicht ununterbrochen geistliche Höchstleistungen erbringen und neue Impulse aufnehmen. Es braucht also auch hier Pausen. Aber wie soll man diese Entspannung gestalten?
Einfach den Fernseher, einen Streaming-Dienst oder YouTube anschalten und sich von der nächstbesten Sendung berieseln zu lassen, ist augenscheinlich keine besonders gute Idee. Ich denke schon, dass Freizeitgestaltung mit dem Glauben und dem daraus gebildeten Gewissen kompatibel sein muss. Die Bibel zuschlagen, nur um sich den Antihelden anzusehen, der zwar sympathisch in Szene gesetzt wird, aber doch nur aus Rachsucht handelt – passt das zusammen?
Die göttliche Vorsehung rettet
Mit Blick auf unser Bücherregal wollte ich also noch einmal ein paar Klassikern eine Chance geben, die bisher ungelesen geblieben sind. „Die vergessene Welt“ von Arthur Conan Doyle war zwar spannend, aber doch teilweise zu brutal und moralisch fragwürdig. Also wagte ich mich an die Werke von Jules Verne. Meine noch immer andauernde literarische Reise begann mit absoluten Klassikern wie „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ oder „20. 000 Meilen unter den Meeren“. Sofort merkte ich, dass Gott in den von Jules Verne geschaffenen Welten einen festen Platz innehat und geradezu erfrischend präsent ist.
In Momenten der Not wenden sich Jules Vernes Helden ganz selbstverständlich mit ihren Bitten an den Schöpfer. In „Die Kinder des Kapitäns Grant“ ist es die göttliche Vorsehung, welche die Protagonisten wieder und wieder aus scheinbar ausweglosen Situationen herausführt. Die Figuren wissen, dass der Erfolg ihrer Unternehmungen am Ende nicht von ihrer eigenen Leistung, sondern von Gottes Willen abhängt. Sehr spannend war für mich auch der Roman „Der Kurier des Zaren“. Die Hauptfigur Michael Strogoff sieht sich nicht nur dem russischen Zaren, seinem irdischen Auftraggeber, sondern auch Gott verpflichtet. Wenn ihn ansonsten nichts auf seinem Weg aufhalten kann, so doch die letzte Bitte eines sterbenden Freundes, für ihn zu beten. Strogoff zeigt wahren Heldenmut, der aus Pflichtbewusstsein und nicht aus Zorn erwächst. Der Kurier und seine Begleiterin Nadja sind echte Vorbilder christlicher Tugend.
Als Gewährsmann für Jules Verne möchte ich Papst Leo XIII. aufbieten, der als bekennender Bewunderer den französischen Schriftsteller 1884 zu einer Audienz empfing und Vernes literarisches Werk segnete. Welche zwanglose Lektüre könnte „katholischer“ sein?
Der Autor hat Alte Geschichte studiert und betreibt zusammen mit seiner Frau einen Online-Shop.









