Bistum Münster

Wieder überwiegend männliche Opfer und eine hohe Dunkelziffer

Sozialanthropologisch und historisch gingen Wissenschaftler an das Missbrauchsgutachten für das Bistum Münster heran. Darin ist die Rede von über 600 Opfern und einer Dunkelziffer von mehr als 5000.
Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster
Foto: Guido Kirchner (dpa) | Der Historiker Thomas Großebölting spricht bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster.

Mehr als 600 Menschen wurden im Bistum Münster in den Jahren 1945 bis 2020 Opfer sexualisierter Gewalt durch mehr als 200 Kleriker. Nahezu flächendeckend in allen Dekanaten des Bistums Münster habe es, vorwiegend in der 1950er bis 1970er Jahren massive Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester, Diakone und Ordensleute aus der Diözese gegeben. Das hat ein fünfköpfiges Wissenschaftsteam um die Historiker Prof. Dr. Thomas Großbölting und Prof. Dr. Klaus Große Kracht seit Oktober 2019 herausgefunden. Die Gruppe arbeitete im Auftrag des Bistums Münster die Missbrauchsfälle der katholischen Kirche in der Diözese in diesem Zeitraum auf.

Sozialanthropologische und historische Herangehensweise

Im Gegensatz zu bisher veröffentlichten Gutachten anderer Bistümer war ihre Herangehensweise keine juristische, sondern eine sozialanthropologische und historische. Die Wissenschaftler informierten sich dabei in ihrer Hellfeldstudie, aus Archivmaterialien des Bistums, auf die sie unmittelbaren Zugang hatten und führten Interviews mit mehr als 60 betroffenen Frauen und Männern. 

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Die Dunkelziffer, also die Zahl der Opfer, die nicht bekannt geworden sind, schätzen die Wissenschaftler auf mehr als 5000. In mehr als 40 Prozent der erhobenen Taten missbrauchte ein Täter mehr als ein Opfer. Bei fünf Prozent der Beschuldigten sprechen die Gutachter sogar von Serientätern. Zwei Drittel der vom Missbrauch betroffenen waren männlich und in der Altersgruppe zwischen 10 und 14 Jahren. Gut die Hälfte von ihnen verfügte über eine enge kirchliche Bindung und waren als Messdiener oder in pfarrlichen Jugendgruppen engagiert. In jedem zehnten Fall nutzten die Täter nach den Feststellungen des Gutachtens konkrete Seelsorgesituationen, wie zum Beispiel die Beichte, zur Anbahnung eines näheren Kontakts, um anschließend ihre Straftaten zu begehen. 

Die meisten Täter blieben unbestraft

Der Umgang mit den Tätern stellt sich im Bistum Münster in gleicher Weise dar, wie in anderen Bistümern. In mindestens 145 Fällen hatten die jeweiligen Bistumsleitungen, so die Gutachter, Kenntnis von Missbrauchshandlungen bis hin zu strafrechtlichen Verurteilungen wegen Sexualdelikten. Strafrechtlich verfolgt wurden lediglich 15 Täter. Mehr als 90 Prozent der Kleriker, die einen Missbrauch verübt haben, gingen demnach straffrei aus. Seitens des Bistums gab es in 48 der festgestellten Fälle offenbar keine Reaktion, andere Kleriker wurden innerhalb des Bistums oder in eine andere Diözese versetzt.

Während die höchste Zahl der Ersttaten in den Jahre 1960 bis zur Mitte der 1970er Jahre erfolgten, war die Meldequote eher gering. Erst ab dem Jahre 2010 erhielt das Bistum von weiteren Delikten in einem größeren Umfang Kenntnis. Vorwürfe erheben die Gutachter gegen alle Münsteraner Bischöfe, die im Untersuchungszeitraum im Amt waren. Die Bischöfe Michael Keller (1947-1961), Joseph Höffner (1962-1969), Heinrich Tenhumberg (1969-1979) und Reinhard Lettmann (1980-2008) hätten weitere Taten dadurch möglich gemacht, dass sie bereits verurteilte Geistliche erneut in der Seelsorge eingesetzt hätten.

Unvollständige Aufarbeitung

Aber auch der jetzige Essener Bischof Franz Josef Overbeck habe in seiner Zeit als Weihbischof in Münster im Jahre 2009 den Fall eines beschuldigten Offizialatsmitarbeiters nicht der Missbrauchskommission vorgelegt. Dadurch sei eine Aufarbeitung der Vorwürfe aus dem Jahre 1997 nicht vollständig erfolgt.

Auch der amtierende Diözesanbischof Felix Genn, der der Präsentation nicht beiwohnte und das Gutachten im Anschluss überreicht bekam, habe, so die Gutachter, länger gebraucht, um seine Verantwortung angemessen wahrzunehmen. Er habe gegenüber den Gutachtern eingeräumt, Täter, die Reue gezeigt hätten, nicht mit der kirchenrechtlich gebotenen Strenge behandelt zu haben. Genn will sich am 17. Juni an die Medien wenden, um die Ergebnisse des Gutachtens zu kommentieren.

 

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