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Aufarbeitung geschieht durch Konfrontation, nicht durch Verdrängung 

In einem Internatsgymnasium im niederrheinischen Goch soll ein Gedenkfenster des verstobenen Bischofs Janssen wegen seines Umgangs mit sexuellem Missbrauch entfernt werden. Doch das birgt die Gefahr des Vergessens und öffnet der Zensur die Tür. 
Heinrich Maria Janssen, ehemalige Bischof von Hildesheim
Foto: Wolfgang Weihs (dpa) | Ein Gedenkfenster des ehemaligen Bischofs von Hildesheim, Heinrich Maria Janssen, hier ein Archivbild aus Dezember 1982, soll entfernt werden.

Es ist ein weltweiter Trend: was aus heutiger Perspektive als Unrecht empfunden wird und oftmals auch ist, soll am Besten komplett aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht werden: so wird „Asterix und Obelix“ wegen Rassismus den Flammen übergeben, Statuen von Kolonialherren werden aus dem gleichen Grund weltweit von ihren Sockeln gestoßen.

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Gedenkfenster entfernen

Diese Entwicklung zeigt sich nun auch um einen früheren Bischof des Bistums Hildesheim: Es soll ein Gedenkfenster, das den ehemaligen Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen abbildet, aus dem bischöflichen Internatsgymnasiums Collegium Augustinianum Gaesdonck im niederrheinischen Goch entfernt werden. Dafür haben sich zwei „Leistungskurse Religion“ der Schule ausgesprochen. Der Schulrektor begrüßt die Entscheidung: „Es hat uns gezeigt, dass die jungen Leute mit der schwierigen Situation umzugehen wissen."

Das Missbrauchsgutachten des Bistums untersuchte die Amtszeit des verstorbenen Bischofs von 1957 bis 1982. Darin werden ihm Versäumnisse im Umgang mit Sexualstraftätern in der Diözese, sowie gravierende Mängel in der Führung der Personalakten zur Last gelegt. Der Vorwurf, Bischof Janssen selbst habe sexuellen Missbrauch verübt, konnte nicht bestätigt werden.

Gefahr des Vergessens

Hinter der Entfernung von unliebsamen Denkmälern steht wohl die Ansicht, damit würden die Personen geehrt oder man identifiziere sich gar mit ihnen. Doch Denkmäler sind in erster Linie Erinnerungen an Personen, die die Geschichte geprägt haben. Auch die dunklen Kapitel gehören zur Geschichte eines Landes oder einer Institution – ob es einem gefällt oder nicht. Nur wer der Vergangenheit Raum gibt und sich mit ihr auseinandersetzt, verhindert, dass sie sich in Zukunft wiederholt. Verdrängen hingegen birgt die Gefahr des Vergessens.

Vergangenheit zensiert

Die Frage ist zudem: Bleibt es dabei, dass „nur“ historische Personen und Werke, die als ethisch unvertretbar angesehen werden, verdrängt werden? Letztlich birgt die Mentalität des Auslöschens, was heute nach vermeintlicher Mehrheitsansicht als inakzeptabel erscheint, auch die Gefahr, dass gegenwärtige Meinungsäußerungen, die als politisch inkorrekt angesehen werden, der Zensur zum Opfer fallen. Von der Zensur unliebsamer Personen aus der Vergangenheit zur Zensur unliebsamer Personen aus der Gegenwart ist es nur ein kleiner Schritt, der das große Recht der Meinungsfreiheit gefährdet. 

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