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Was Gregor der Große ins Stammbuch schrieb

Was Gregor der Große den Bischöfen ins Stammbuch schrieb.
Heiliger Gregor der Große auf einem Kirchenfenster
Foto: Gregory A. Shemitz (KNA) | Ein buntes Glasfenster zeigt den heiligen Gregor den Großen am 6. Dezember 2017 in Amityville (USA).

In den vergangenen Jahren hörte man gelegentlich die Empfehlung an die Hirten der Kirche, sich „unter die Herde zu mischen“ und „den Geruch der Schafe anzunehmen“. Man versteht ungefähr, was damit positiv gemeint ist. Allerdings kann sich die Aufgabe eines Hirten sicher nicht darin erschöpfen, wie ein Schaf zu riechen. Wichtiger erscheint eine Weisung, die ein Papst vor mehr als 1 400 Jahren an die Adresse kirchlicher Amtsträger richtete, und sie gewinnt ihre Stärke besonders daraus, dass er dabei die Differenz zwischen Hirte und Herde betont: „Ein Vorsteher muss das Volk in seinem Verhalten so weit übersteigen, wie sich das Leben des Hirten von dem seiner Herde unterscheidet. Er soll also sorgsam ermessen, wie groß seine Verpflichtung zur richtigen Lebensführung ist, da er als Maßstab gilt, wenn das Volk als seine Herde bezeichnet wird.“

Wie der Hirte sein muss

Diese Sätze finden sich in der „Pastoralregel“ (Regula pastoralis) Gregors des Großen (circa 540-604), in der er zu Beginn seines Pontifikats im Jahre 590 festhielt, „wie der Hirte sein muss“. Als Adressaten seiner Regel hatte Gregor primär Bischöfe im Sinn, doch inhaltlich lässt der Text sich zu großen Teilen auch auf normale Priester und weltliche Herrscher anwenden. Nicht zuletzt deshalb war dem Werk eine erfolgreiche und weitausgebreitete Wirkungsgeschichte beschieden. Der englische König Alfred der Große arbeitete selbst an der Übersetzung der Regel ins Altenglische mit. Besondere Bedeutung gewann die Pastoralregel in den karolingischen Kirchenreformen, aber auch in anderen Krisen- und Reformepochen der Kirche griff man darauf zurück.

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Noch moderne Päpste wie Johannes XXIII. und Johannes Paul II. haben die Lektüre dieser einem hierarchischen Kirchenbild verpflichteten Regel empfohlen. Der Trierer Patristiker Michael Fiedrowicz legt diesen wertvollen Text nun in einer zweisprachigen Ausgabe vor, die er mit einer ausführlichen Einleitung versehen hat, in der alle historischen und geistesgeschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge in meisterhafter Gründlichkeit erschlossen werden. Der inhaltliche Reichtum der Schrift lässt sich hier nur andeuten, und ebenso wenig kann hier erörtert werden, welche Ratschläge Gregors eher epochengebunden sind und welchen unzweifelhaft überzeitliche Geltung zukommt.

Tugenden sind für Weiheamt ein Muss

Dass Gregor seine Ratschläge zunächst einmal in einen bestimmten historischen Kontext hinein formulierte, macht er selbst deutlich. Der Papst spricht konkret an, welche Gefährdung sich aus der hohen Stellung der Kirche in seiner Zeit ergibt, in der die Herrschaft des Christentums schon zur Selbstverständlichkeit geworden war: Dass viele nur deshalb nach einem geistlichen Leitungsamt strebten, weil sie sich davon Ehren und materielle Vorteile erhofften. Gregor erkennt aber auch eine andere, entgegengesetzte Gefahr: Wer für solche Ämter geeignet sei, dürfe sich ihnen nicht unter dem Vorwand der Demut oder aus Liebe zu einem beschaulichen Leben entziehen.

Wenn es um die Eignung zu hohen kirchlichen Ämtern geht, nimmt Gregor infolgedessen eine klare Scheidung der Geister vor: „Wer reich an Tugenden ist, soll nur unter Zwang zum Leitungsamt kommen, wer aber keine Tugenden besitzt, soll nicht einmal durch Zwang hinzutreten.“ Eindringlich betont er, dass Lehre und Leben kirchlicher Führungspersonen zusammenpassen müssen: „Als Gesetz für die Verkündiger gilt, im eigenen Leben das zu verwirklichen, wovon sie mit dem Wort überzeugen wollen. Die Autorität des Wortes geht verloren, wenn die Stimme nicht durch das Tun unterstützt wird.“

Bischof darf nicht bloß Manager sein

Karitatives Wirken ist ihm wichtig, da er darin eine Vorbedingung dafür erblickt, dass die Glaubensverkündigung auf offene Ohren stößt: „denn fast schon zu Recht lehnt die Herde es ab, die Predigt innerlich aufzunehmen, wenn der Hirte die Sorge um äußere Hilfeleistung vernachlässigt“. Dabei gilt für Gregor aber immer ein Primat des Geistlichen, dem die irdischen Aktivitäten unterzuordnen sind. Der Bischof als bloßer Manager oder gar als unablässig seine Meinung zu allen möglichen Themen kundtuender Möchtegernpolitiker entspricht sicher nicht seinem Modell.

Einen Schwerpunkt bilden die Ratschläge zur rechten Verkündigung. Ausführlich geht Gregor darauf ein, wie man Predigten im Hinblick auf verschiedene Publikumsgruppen gestalten muss, wobei er aber wohl nicht davon ausging, dass man tatsächlich im pastoralen Alltag klar geschiedene Zuhörerschaften vor sich hatte. Gregors Gesamthaltung in dieser Schrift lässt sich als gesunder Mittelweg verstehen. Mittelweg bedeutet hier jedoch gewiss nicht Mittelmäßigkeit. Die Ziele, die der Papst setzt, bleiben anspruchsvoll, wie es der Botschaft des Evangeliums entspricht.

Meister der allegorischen Bibelauslegung

In seinem exegetischen Umgang mit der Heiligen Schrift erweist sich Gregor als Meister der allegorischen Bibelauslegung. Was auch immer man gegen diese aus heutiger Sicht auch einwenden mag, sie gewährleistet doch besonders mit Blick auf das Alte Testament und das mosaische Gesetz, dass dieses kein toter, im Historischen verharrender Text bleibt, sondern einen konkreten und lebensrelevanten Sinn gewinnt. Dass Gregor dabei manchmal vielleicht doch zu fantasievoll vorgeht, lässt sich verkraften.

Gregors Pastoralregel könnte auch heutigen Bischöfen und anderen kirchlichen Amtsträgern eine Hilfe dabei sein, ihr Hirtenamt verantwortungsvoll auszuüben. Man darf davon ausgehen, dass gerade diejenigen, die solche Nachhilfe am Nötigsten hätten, wahrscheinlich nicht nach dieser „Pastoralregel“ greifen werden. Aber das ist wohl das unvermeidliche Schicksal jeder Art von Ratgeberliteratur.

Gregor der Große, Regula Pastoralis/Pastoralregel, herausgegeben und kommentiert von Michael Fiedrowicz. Carthusianus-Verlag, Fohren-Linden 2022, Hardcover, 400 Seiten, ISBN 978-3-941862-29-6, EUR 36,90

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