Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Totengräber der Pietät

Gerade die Bestattungskultur sagt viel über den Zivilisationsgrad einer Region aus. Ein Kulturverlust zeichnet sich dieser Tage in Rheinland-Pfalz ab.
Urnen im Regal
Foto: IMAGO/Daniel Scharinger (www.imago-images.de) | In Rheinland-Pfalz sollen die Friedhofspflicht und die Sargpflicht künftig bei Erdbestattungen entfallen. Urnen können künftig auch in Privatgärten, in Rhein oder Mosel versenkt werden.

Pietät und Menschenwürde enden nicht am Sterbebett. Gerade die Bestattungskultur sagt viel über den Zivilisationsgrad einer Region aus. Ein Kulturverlust zeichnet sich dieser Tage in Rheinland-Pfalz ab. Dort will sich die Landesregierung mit dem deutschlandweit liberalsten Bestattungsgesetz dem Zeitgeist öffnen und dem Individualismus der Menschen Rechnung tragen. Die Friedhofspflicht und die Sargpflicht sollen künftig bei Erdbestattungen entfallen. Urnen können künftig auch in Privatgärten, in Rhein oder Mosel versenkt werden, Leichen in ein Tuch gehüllt und begraben werden.

Lesen Sie auch:

Ein Spielfeld makabrer Möglichkeiten

Hier eröffnet sich ein Spielfeld makabrer Möglichkeiten: Zu Diamanten gepresste Totenasche und Urnen im Kellerregal sind nun denkbar. Auch wenn der Gesetzgeber einen Schutzmechanismus in Form einer Totenfürsorgeverfügung vorsieht, ohne die automatisch die Friedhofspflicht gilt, leuchten die Bedenken der Kirchenvertreter ein: Der beflügelnde Effekt auf die Esoterikszene und Sekten ist ebenso zu berücksichtigen wie schlichtes menschliches Versagen: Die pfälzische Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst brachte das Problem präzise auf den Punkt: Sie wolle sich nicht vorstellen, dass der Diamantanhänger aus der Totenasche verloren gehe.

Das Gesetz folgt einer makabren Logik einer Kultur des Todes, vor der die Päpste seit Jahrzehnten warnen. Das Bewusstsein für die Würde des menschlichen Lebens ist von Gesetzgebern und Lobbyisten seit Jahrzehnten untergraben worden; die Entchristlichung der Gesellschaft hat ihren Teil dazu beigetragen. Wo die natürliche Hemmschwelle vor Abtreibung und Euthanasie verloren geht, zählt der menschliche Leib auch nach seinem Tod nicht mehr viel. Die radikal individualistische Gesellschaft maßt sich an, ungeborenen Kindern und pflegebedürftigen Alten das Recht auf Leben abzusprechen, sofern diese die eigene Lebensplanung stören. Wo sich der lebende Mensch der Diktatur des Lifestyles zu beugen hat, ist er auch als Toter nicht mehr vor ihr sicher.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Regina Einig Schwangerschaftsabbruch Sterbehilfe

Weitere Artikel

Michel Houellebecqs neuer Gedichtband ist ein gnostischer Gesang gegen die Schrecken der Gegenwart. Doch die deutsche Übersetzung scheitert an der Sprachmagie des Originals.
20.09.2026, 17 Uhr
Ute Cohen

Kirche

Das Bischofstreffen in Rom zur Familienpastoral stößt auf wenig Interesse bei den Medien. Grund ist die Art und Weise, wie die Versammlung gelenkt und gesteuert wird.
10.10.2026, 12 Uhr
Guido Horst
Papstjubel und Protestwut: Hunderttausende Franzosen gingen zuletzt aus verschiedenen Gründen auf die Straßen. Eins hat sie dennoch vereint.
09.10.2026, 11 Uhr
Elisabeth Hüffer
Johannes Zehe, früher Geiger und seit 2023 Regens für die Priesterausbildung im Erzbistum, wird an diesem Samstag im Mariendom zum Bischof geweiht.
09.10.2026, 14 Uhr
Dorothea Schmidt
Statt mit Erfahrungsberichten begann das Bischofstreffen in Rom dann doch mit theoretischen Erörterungen zu dem nachsynodalen Schreiben zu Ehe und Familie von Papst Franziskus.
08.10.2026, 09 Uhr
Guido Horst