München

Seewald verteidigt Benedikt: Wegbereiter für Missbrauchsaufklärung

Benedikt XVI. habe sich stets für die Aufklärung und Aufarbeitung von Missbrauch eingesetzt, so Papst-Biograf Seewald in einem „Focus“-Beitrag. Benedikts Beratern wirft er „Dilettantismus“ und schlampige Arbeit vor.
Nach Ansicht Seewalds habe das Leben Joseph Ratzingers „eine Jahrhundertbiografie“ geschrieben.
Foto: Sung-Hee Seewald | Nach Ansicht Seewalds habe das Leben Joseph Ratzingers „eine Jahrhundertbiografie“ geschrieben.

Der Publizist und Benedikt-Biograf Peter Seewald hat den emeritierten Papst gegen die jüngsten Vertuschungsvorwürfe im Zuge des Münchner Missbrauchsgutachtens verteidigt. In einem ausführlichen Beitrag für das Magazin „Focus“ schreibt Seewald: „Fachleute sind sich einig: Es war Ratzinger, der als Präfekt und Pontifex den Weg für die Aufklärung sexuellen Missbrauchs geebnet und dafür gesorgt hat, dass die Vergehen aufgeklärt und geahndet werden.“ Als Präfekt der Glaubenskongregation habe Ratzinger auf die Verschärfung des kirchlichen Strafrechts gedrängt, um „vor allen Dingen auch schneller zugreifen zu können“ und den Opferschutz zu stärken. 

Ratzinger steht für "null Toleranz gegenüber den Schuldigen"

Seewald betont in seinem Text, der dieser Zeitung vorliegt, dass Ratzinger in der Vergangenheit immer wieder Problemlagen angesprochen und Verantwortung übernommen habe. „Selbst für Dinge, für die er keine Schuld trug.“ Als Papst Benedikt XVI. habe er dann bei unterschiedlichsten Gelegenheiten „seine Scham, sein Mitgefühl mit den Opfern sexuellen Missbrauchs durch Kleriker“ ausgedrückt und die Schuld der Kirche bekannt. Seine Marschroute sei gewesen: „Nähe und Verständnis für die Opfer, Sanktionen gegen Bischöfe, die ihre Pflichten vernachlässigen, Reform der Priesterseminare, Zusammenarbeit mit der zivilen Justiz, null Toleranz gegenüber den Schuldigen.“

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Nach Ansicht Seewalds habe das Leben Joseph Ratzingers „eine Jahrhundertbiografie“ geschrieben. „Es steht für das Werk eines der Großen unserer Zeit, der Fehler machte, der aber auch mutig wie kein anderer gegen die Verwässerung und Verfälschung der Botschaft Jesu kämpfte, vor den Gefahren der Moderne warnte, Antworten gab und dabei ein Vermächtnis hinterließ, das für Kirche und Glauben im 21. Jahrhundert von unersetzlichem Wert ist.“

„Dilettantismus in juristischen und medialen Fragen“

Gleichzeitig wirft der 67-jährige Journalist den vom Vatikan hinzugezogenen Beratern Benedikts „Dilettantismus in juristischen und medialen Fragen“ vor. Dass er in seiner 82-seitigen schriftlichen Einlassung zum Münchner Gutachten fälschlicherweise angegeben habe, an der Ordinariatssitzung im Januar 1980 nicht teilgenommen zu haben, bei der über die Unterbringung des Missbrauchspriesters H. im Erzbistum München entschieden wurde, gehe auf schlampige Arbeit seiner Berater zurück. Ein Mitarbeiter habe das Sitzungsprotokoll „schlampig gelesen“. Darin sei zwar der damalige Münchner Generalvikar, nicht jedoch Ratzinger als abwesend geführt. Benedikt selbst habe sehr wohl gegenüber seinem Stab erklärt, an der Sitzung teilgenommen zu haben, betont der Papst-Biograf. 

Dilettantismus sieht Seewald auch darin, dass offensichtlich weder Benedikt noch seinem Stab klar gewesen sei, „dass die Dimension des Falles die ganze Weltkirche betreffen würde“ und dass es in der schriftlichen Einlassung vor allem nicht um juristische Spitzfindigkeiten gehen könne. Vielmehr sei es um einen Text gegangen, „der auch an die Öffentlichkeit gehen würde und deshalb eine Botschaft enthalten müsse, die Scham, Mitgefühl mit den Opfern und Verantwortung für das eigene Versagen und das von Verantwortlichen der Kirche enthalten müsse“.

Benedikt gezielt im Visier der Gutachter

Der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), die mit der Erstellung des Gutachtens beauftragt war, hält Seewald die Absicht vor, Joseph Ratzinger gezielt ins Visier zu nehmen: „Die Ankündigung eines 350 Seiten starken „Sondergutachtens“ für lediglich fünf der insgesamt 74 Jahre des Untersuchungszeitraums signalisierte, wen die Anwälte ins Visier nehmen wollten: Joseph Ratzinger“. Alle anderen Fälle mitsamt der damit verbundenen Opfer seien in den Hintergrund getreten. 

„Der Schaden ist gewaltig“, urteilt Seewald über die Entwicklungen nach Veröffentlichung des Gutachtens. „Für die Opfer von Missbrauch, die sich verhöhnt fühlen. Für die Reputation der katholischen Kirche in Deutschland, die das Heer der flüchtenden Mitglieder kaum noch überblicken kann. Nicht zuletzt für die Anhänger der Linie Benedikts, die die Stärkung sogenannter Reformkräfte und damit eine weitere Abkehr von überlieferten Glaubensgrundsätzen befürchten müssen.“  DT/mlu

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