Nach Tod von Pell und Benedikt

„Niemand kann sie heute ersetzen“

Der emeritierte Erzbischof von Philadelphia Charles Chaput spricht über die Lücke, die Benedikt XVI. und Kardinal George Pell in der Kirche hinterlassen haben.
Der emeritierte Erzbischof von Philadelphia, Charles Chaput
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Sowohl Benedikt als auch Kardinal Pell seien „Verachtung, Groll und offene Lügen“ entgegengebracht worden, so Chaput. Denn „die Wahrheit zu sagen, polarisiert“.

Der 1988 zum Bischof geweihte, 2011 zum Erzbischof von Philadelphia ernannte Charles Chaput, dessen altersbedingten Rücktritt Papst Franziskus im Januar 2020 annahm, bezeichnet den Tod des emeritierten Papstes Benedikt XVI. und des australischen Kardinals George Pell als „schweren Verlust“ für die Kirche, weil sie „in bemerkenswerter Weise wortgewandte, treue christliche Intelligenz“ verkörpert hätten: „Niemand in der gegenwärtigen Führung der Kirche hat die Fähigkeit, sie zu ersetzen“, so Chaput im Gespräch mit dem US-amerikanischen Online-Portal „The Pillar“. Sowohl Benedikt als auch Kardinal Pell seien „Verachtung, Groll und offene Lügen“ entgegengebracht worden, auch von Menschen, die sich selbst als Christen bezeichneten, sogar innerhalb der Kirche. Denn „die Wahrheit zu sagen, polarisiert“. 

Konzil als Erfahrung von "Kontinuität und Reform"

Joseph Ratzinger und George Pell – so der emeritierte Erzbischof weiter – hätten das Zweite Vatikanische Konzil als „eine Erfahrung von Kontinuität und Reform“ angesehen. Heute sei eine zentrale Frage, ob das „Zweite Vatikanum eine organische Entwicklung und Reform des kirchlichen Lebens oder ein Bruch mit der Vergangenheit und ein Neuanfang“ gewesen sei. Wer es als Bruch mit der Vergangenheit ansehe, scheine „jeden Gedanken an eine authentische Entwicklung der Lehre auszuschließen“.

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Auf die Frage, ob es stimme, dass einige US-Bischöfe – und darunter auch der Vorsitzende der Bischofskonferenz – gegen Papst Franziskus oder gegen dessen Kirchenführung eingestellt seien, antwortet Charles Chaput, dass die „Achtung vor dem Heiligen Vater“ eine „Forderung der christlichen Liebe und der kindlichen Treue“ sei – allerdings ohne „Unterwürfigkeit oder Lobhudelei“.

Die US-amerikanischen Bischöfe seien immer, so auch jetzt, loyal gegenüber Rom. „Ernsthafte lehrmäßige Bedenken in eine Persönlichkeitsdebatte zu verwandeln“, sei eine bequeme Art, den eigentlichen Fragen auszuweichen, „die behandelt werden müssen“. Dies zeuge ebenfalls von Unkenntnis der Kirchengeschichte: „Päpste, auch große, kommen und gehen, ebenso wie Bischöfe und einfache Christen. Worauf es ankommt, ist die Treue zur katholischen Lehre, koste es, was es wolle – und dafür gibt es keine Ausreden.“

Chaput: „Ich liebe den Heiligen Vater“

Zu seiner persönlichen Einstellung sagt Erzbischof Chaput: „Ich liebe den Heiligen Vater.“ Er habe ihm imponiert, als sich die beiden 1997 bei der Sonderversammlung der Bischofssynode für Amerika in Rom kennengelernt hätten. Für die Kirche sei entscheidend, „dass er sein Amt erfolgreich ausüben kann“. Eine „respektvolle Bemerkung“ möchte er jedoch machen: Es gebe keine gesunde Ehe, wenn man nicht bereit sei, die Wahrheit zu sagen, und ihr ehrlich zuzuhören. Das Gleiche gelte für die Kirche: „Jeder, der eine Führungsposition innehat und nicht bereit ist, unangenehme Wahrheiten anzuhören, muss seine Einstellung zur Realität ändern.“

Deutliche Kritik äußert der emeritierte Erzbischof an der Synodalität: „Die Behauptung, das Zweite Vatikanische Konzil habe irgendwie die Notwendigkeit der Synodalität als ständiges Merkmal des kirchlichen Lebens impliziert, ist einfach falsch. Das Konzil hat das nie auch nur annähernd angedeutet.“ Er selbst sei Mitglied der Bischofssynode 2018 gewesen, als das Thema „auf manipulative Art auf die Tagesordnung geschmuggelt wurde“. Er könne sich an Diskussionen im Ständigen Rat der Bischofssynode erinnern, dem er seit 2015 angehört habe, „über die Schwierigkeit, ein weiteres ökumenisches Konzil abzuhalten, weil es heute so viele Bischöfe gibt“. Er wäre jedoch „sehr vorsichtig mit der Vorstellung, dass die Synodalität irgendwie den Platz eines ökumenischen Konzils im Leben der Kirche einnehmen kann“. In der Kirche gebe es keine Tradition, „dass Bischöfe ihre persönliche Verantwortung für die Weltkirche an eine kleinere Zahl von Bischöfen delegieren“. Deshalb sollte eine solche Entwicklung sehr sorgfältig geprüft werden.  DT/jg

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