Militärseelsorger an der Front in der Ukraine

Pater Andriy Zelinskyy SJ, griechisch-katholischer Militärseelsorger in der Ukraine, spricht über seine Aufgaben an der Front.
Internationale Soldatenwallfahrt 2022
Foto: Franziska Harter | Ukrainische Delegation bei der Internationalen Soldatenwallfahrt 2022. Pater Andriy Zelinskyy hilft Soldaten, den Mut und den Blick für das Schöne und Gute an der Front nicht zu verlieren.

Mitten im Krieg, zwischen Zerstörung, Hass, Grausamkeiten und Tod setzte sich Pater Andriy Zelinskyy als Militärseelsorger für Liebe, Schönheit und Versöhnung ein. Wenn das Herz offenbleibe für das Gute, könne das Böse nicht übermächtig werden, sagt Pater Zelinkskyy. Er hilft Soldaten, den Glauben in schwierigen Zeiten zu bewahren und damit trotz allem einen Sinn im Leben zu sehen. Wichtig für ihn ist es, Zeuge der Wahrheit zu sein, die sich in Christus offenbart hat und die Herz-zu-Herz-Verbindungen zu Menschen aufrechtzuerhalten, auch - oder gerade - im Krieg.

Pater Zelinskyy, wie hat sich die Rolle der Militärgeistlichen seit Beginn des Krieges verändert?

Für uns hat der Krieg schon 2014 begonnen. Ich war damals der erste offiziell zugelassene Militärseelsorger, habe drei Jahre lang an der Front im Donbass verbracht und besuchte dort die Soldaten an den verschiedenen Stellungen. Das ist jetzt anders, da die Frontlinien sehr dynamisch sind. Direkt an den Brennpunkten können Militärgeistliche also nichts tun, weil diese zu instabil sind. Sie können aber in der Nähe bleiben.

Den Soldaten zu helfen, sich ihre Menschlichkeit zu bewahren, das ist unsere Aufgabe als Militärseelsorger. Ein menschliches Wesen zu sein, bedeutet, wir selbst zu werden. Wir werden wir selbst, wenn wir unsere Freiheit nutzen, wenn wir Entscheidungen treffen. Das macht uns zu dem, der wir sind. Der Seelsorger muss den Menschen helfen, besser zu werden. Das ist sehr wichtig für uns: Dass unsere Soldaten als bessere Männer und Frauen von den Schlachtfeldern zurückkommen und nicht als gebrochene Menschen.

ukrainische Delegation
Foto: Andriy Zelinskyy | Die ukrainische Delegation auf der Internationalen Soldatenwallfahrt, in Begleitung des griechisch-katholischen Militärbischofs Mykhaylo Koltun.

Wie können Sie die Soldaten dabei unterstützen?

Es gibt vier wichtige Merkmale der Menschlichkeit, besonders im Kontext von Gewalt: Das Gute wählen, die Wahrheit suchen, für Gerechtigkeit kämpfen und die Schönheit betrachten.

Schönheit? An der Front?

Es bedeutet, selbst im Nebel der Grausamkeiten das Herz offenzuhalten für das Schöne und Gute. Sonst wird das beinahe Böse unbesiegbar und breitet sich überall aus. Deswegen ist es so entscheidend, seine Menschlichkeit nicht zu verlieren, denn durch sie sind wir zur Verzeihung bereit. Ein Verteidiger ist ein Krieger mit Liebe im Herzen. Es ist schwer, nicht zu hassen, wenn man tagtäglich vergewaltigte Frauen und getötete Kinder sieht. Aber ich versuche unseren Soldaten immer zu sagen: Wenn einer von uns aus Hass in den Krieg zieht, dann hat er den Kampf schon verloren. Beim Sieg geht es um die Zukunft, die wir aufbauen wollen, um die Gemeinschaft, in der wir als freie Menschen leben wollen. Wer mit Hass vergiftet ist, kann nicht aufbauen, sondern nur zerstören.

Was bedeutet der Glaube für Ihre Soldaten?

Sie durchleben schwierige Momente, in denen man nirgendwo mehr Hoffnung findet, außer im Glauben. Glaube ist eine Quelle von Sinn. Ein Mensch, der Sinn findet, schafft es durch sehr viele Schwierigkeiten hindurch. Der Glaube gibt der Realität ihren Sinn und erklärt sie. Wenn man sie mit den Augen des Glaubens betrachtet, fügt sich alles zusammen. Man versteht, was man hier tut, warum man hier steht. Menschen ohne Glauben verlieren in dieser Situation des Krieges leicht jede Orientierung. Sie haben nichts mehr, worauf sie sich stützen können, keine Ideen und keine Ideale.

Welche Botschaft bringen Sie nach Lourdes mit?

Zunächst einmal kommen wir hierher, um für unsere Soldaten zu beten. Für uns sind Soldaten aber kein abstraktes Konzept, sondern Menschen, die wir kennen. Hier kämpft nicht Berufsarmee gegen Berufsarmee, sondern jeder, der kämpfen kann, kämpft. Das ist etwas, was Europa seit 80 Jahren vergessen hat, denn ein solches Ausmaß an Gewalt hat Europa schon lange nicht mehr erlebt.

Deshalb sind wir auch hier: um zu versuchen zu erklären, worum es in diesem Krieg geht und was die Ukraine gerade erlebt! Das Grausamste an diesem Krieg ist seine Absurdität. Putin hat einfach entschieden, dass die Ukraine nicht existiert und versucht, seine Konstruktion der Wirklichkeit nun der Welt aufzudrücken. Er baut eine Parallelwelt auf und viele Menschen glauben ihm, auch in Europa. Für uns macht es deshalb auch keinen Sinn, dass in Europa so viele Menschen von Versöhnung sprechen. Die Ukraine will nichts von Russland, sie will einfach nur in Frieden und Freiheit leben, sonst nichts.

 

Andriy Zelinskyy
Foto: Pater Andriy Zelinskyy SJ | Pater Andriy Zelinskyy SJ war drei Jahre lang als Militärseelsorger an der Front im Donbass.

Aber braucht es nicht irgendeine Art von Versöhnung in der Zukunft?

Wir haben nichts gegen das russische Volk! Wir haben schon immer mit ihnen zusammengelebt. Was bedeutet Versöhnung, wenn ein friedliches Volk von einem übermächtigen Aggressor angegriffen wird? Es würde bedeuten, dass wir ihre Position akzeptieren, wenigstens in Teilen. Und das wäre Selbstmord! Dann gäbe es vielleicht Frieden, aber uns gäbe es nicht mehr.

Trotzdem ist Versöhnung möglich. Aber dafür muss der unrechtmäßige Angreifer sagen: Es tut mir leid. Es gibt keine Versöhnung ohne Reue. Das gilt auch für die Beichte! Versöhnung ist nur als Ergebnis von Reue möglich. Der Sünder muss seine Schuld anerkennen. Kein Frieden, keine Versöhnung ohne Reue.

Worum geht es denn in diesem Krieg?

Die internationalen Institutionen haben in dem Moment versagt, in dem Öl- und Gaspreise wichtiger wurden als ein menschliches Leben. Ein menschliches Leben ist heute, im 21. Jahrhundert, weniger wert als Öl und Gas! Und genau das steht in diesem Krieg auf dem Spiel: das menschliche Leben als solches! Und deshalb geht dieser Krieg die ganze Welt etwas an. Es ist leider viel zu leicht, den Fernseher auszumachen und sich damit zu trösten, dass sich das Ganze weit weg abspielt. Wir haben Gesellschaften herangezogen, die keinen Respekt vor dem menschlichen Leben haben. Jetzt bezahlen wir für unsere Nachlässigkeit.

Was kann die Kirche tun?

Nur ein moralisch verantwortlicher, das heißt ein freier Mensch kann eine friedliche Gesellschaft aufbauen. Die Rolle der Kirche ist es, die moralischen Grundlagen zu geben. Sie hilft, den Menschen zu erlösen, der bereits von Gott, der Mensch geworden ist, erlöst wurde. Die Rolle der Kirche ist und bleibt ein und dieselbe: Sie muss die Wahrheit bezeugen! Die Wahrheit, die uns ein für alle Mal in der Person Jesu Christi offenbart wurde. Sie darf keine Politik auf Kosten der Wahrheit machen. Für den Frieden zu beten, ist nicht genug. Man muss aktiv für den Frieden eintreten. Das bedeutet, den Mund aufzumachen und die Menschen auf ihre Freiheit und damit ihre moralische Verantwortung hinzuweisen.

Was hat der Krieg mit Ihnen persönlich gemacht?

Ich bin seit 2006 Militärseelsorger. Im Laufe der Jahre habe ich viele Soldaten kennengelernt. Mit vielen von ihnen und ihren Familien habe ich Kontakt gehalten, sie verheiratet, ihre Kinder getauft. Ich bin ein Teil ihrer Lebensgeschichten. Im Krieg haben wir uns wiedergetroffen. Ich musste so viele von ihnen begraben. Und ihre Freunde. Und es werden immer mehr. Das Leben beginnt, sich wie ein Schatten anzufühlen. Denn es besteht zu einem Großteil aus ihrer Anwesenheit. Wenn jemand geht, dann nimmt er sich selbst aus deinem Herzen und es wird jedes Mal ein bisschen leerer. Aber ich will kein Mitleid, denn diese menschlichen Verbindungen sind der größte Schatz in meinem Leben.

Lesen Sie weitere Hintergründe zu den jüngsten Entwicklungen zwischen Kardinal Woelki und der "Bild"-Zeitung in der kommenden Ausgabe der "Tagespost".

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