USA

Erfülltes Leben mit einem Schatten

Eine US-Studie bescheinigt katholischen Priestern in den Vereinigten Staaten eine hohe Zufriedenheit mit ihrem Leben. Viele befürchten allerdings unbegründete Anzeigen wegen Missbrauchs.
Grund zur Freude haben diese Geistlichen in St. Louis
| Grund zur Freude haben diese Geistlichen in St. Louis: Die Zufriedenheit in ihrer Berufsgruppe ist trotz aller Schwierigkeiten bemerkenswert.

"Ich fühle mich überaus erfüllt in meinem Leben als Priester. Einfach den Menschen zu dienen, sie zu lieben. In der Lage zu sein, Christus für sie zu sein. Es ist einfach ein sehr schönes Leben.“ Die Aussage eines Diözesanpriesters untermauert die Zufriedenheit unter Priestern in den Vereinigten Staaten, die in der Umfrage „Wohlbefinden, Vertrauen und Maßnahmen in einer Zeit der Krise: Highlights aus der Nationalen Studie über katholische Priester“ festgestellt wurde. Je nach der angewandten Untersuchungsmethode empfinden ihr Leben als „vollauf zufriedenstellend“ 82 beziehungsweise 77 Prozent der Priester sowie 83 beziehungsweise 82 Prozent der Bischöfe. „Das Gefühl von Sinn und Zweck, das Priester in ihrer Berufung finden, trägt entscheidend zu ihrem Wohlbefinden bei“, schlussfolgert die Studie, die vom 15. Februar bis zum 30. Juni 2022 durchgeführt und kürzlich veröffentlicht wurde.

Zufriedenheit und Erfüllung, aber auch Belastungen

Die von Forschern der „Catholic University of America“ geleitete Untersuchung ist die größte Befragung unter US-amerikanischen Priestern, die in den letzten 50 Jahren durchgeführt wurde. Sie besteht aus zwei Teilen, einem „quantitativen“ und einem „qualitativen“ Teil, und stützt sich auf die Datenbank „Official Catholic Directory“. Im ersten Teil entnahm das Meinungsforschungsinstitut Gallup aus den in der Datenbank aufgelisteten 26 807 Priestern proportional nach der Region und der Größe der Diözese eine Zufallsstichprobe von 10 000 Priestern. Ihnen wurde ein Fragebogen zugeschickt. Von ihnen füllten die Umfrage 3 516 Priester aus 191 Diözesen und Eparchien aus, was eine Rücklaufquote von 36 Prozent bedeutet. 131 US-Bischöfe antworteten (Rücklaufquote von 67 Prozent).

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Über die „quantitative“ Gallup-Umfrage hinaus wurden mit mehr als hundert US-amerikanischen Priestern ausführliche Interviews geführt. Diese „qualitative Datenerhebung“ wurde von Tricia Bruce von der „University of Notre Dame“ geleitet. In den Interviews fanden sich trotz Zufriedenheit und Erfüllung auch zahlreiche Hinweise auf Herausforderungen und Belastungen. Darunter sind die Folgen der Krise durch den sexuellen Missbrauch durch Geistliche in der katholischen Kirche zu nennen, die in den letzten zwei Jahrzehnten Spuren hinterlassen und insbesondere das Vertrauen zwischen Laien und Geistlichen erheblich erschüttert hat.

Geistliche befürworten Null-Toleranz-Politik

Im Jahr 2002 führte die Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten eine Reihe von Verfahren zum Schutz von Kindern und Jugendlichen ein, die in die sogenannte „Dallas-Charta“ aufgenommen wurden. Die Charta legt eine Null-Toleranz-Politik fest. Dies bedeutet: Bei einem einzigen sexuellen Missbrauch eines Minderjährigen wird der Geistliche dauerhaft aus dem Dienst entfernt.

In der Umfrage wurden die Priester auch nach ihrer Meinung über die „Dallas-Charta“ und die Null-Toleranz-Politik befragt, die damit vor zwanzig Jahren eingeführt wurde. Die meisten der befragten Geistlichen befürworten sie; sogar 90 Prozent sind der Ansicht, dass ihre Diözesen über eine starke Kultur der Kindersicherheit und des Kinderschutzes verfügen. Fast 70 Prozent der Diözesanpriester sehen sie als positiven Beweis für die Werte der Kirche und als wichtig für die Wiederherstellung des Vertrauens in einer breiten Öffentlichkeit. Dennoch halten 40 Prozent der Priester die Null-Toleranz-Politik für zu hart.

Angst vor falschen Beschuldigungen

Viele Geistliche befürchten, dass es im gegenwärtigen Klima allzu leicht geworden ist, Priester fälschlicherweise des sexuellen Missbrauchs zu beschuldigen. Eine einzige Anschuldigung kann, selbst wenn sie sich als falsch erweist, den Ruf eines Priesters dauerhaft zerstören. Bemerkenswert ist, dass 82 Prozent der Geistlichen befürchten, fälschlicherweise des sexuellen Missbrauchs beschuldigt zu werden.

Im Interview sagte ein Priester: „Das Leben in ständiger Angst vor einer lebensbedrohenden Anschuldigung legt definitiv einen Schleier über das Priesteramt. Und ehrlich gesagt glaube ich, dass das bei den meisten Priestern der Fall ist. Denn die lebensverändernde Anschuldigung muss nicht auf einer realen Grundlage beruhen. Wissen Sie, sie kann einfach aus einem dreijährigen Gedächtnistraining oder aus einer Therapie kommen und auf nichts beruhen, was wirklich passiert ist. Und trotzdem ist man verloren. Das weiß doch jeder.“

Vertrauen der Priester in Bischöfe gesunken

Mit dieser diffusen Angst geht bei den Diözesanpriestern auch die Befürchtung einher, dass sie von ihrer Diözese und ihrem Bischof im Stich gelassen würden, sollten sie zu Unrecht beschuldigt werden. Nur 51 Prozent gaben an, dass sie davon ausgehen, in einem solchen Fall vom Bischof Rückhalt zu erhalten. Bei den Ordenspriestern meinen hingegen 86 Prozent, dass ihre Ordensoberen sie in einer solchen Situation unterstützen würden.

Insgesamt ist das Vertrauen der Priester in ihre Bischöfe in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich gesunken. Im Durchschnitt haben laut der Umfrage 49 Prozent der Diözesanpriester Vertrauen in ihren Bischof, wobei das durchschnittliche Vertrauensniveau in den einzelnen Diözesen sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Diözesanpriester haben ein deutlich geringeres Vertrauen in ihre Bischöfe als Ordenspriester in ihre Oberen.

Keine wirklichen Führungspersönlichkeiten

Das Vertrauen in die US-Bischöfe im Allgemeinen ist unter den Priestern insgesamt gering: Nur 24 Prozent äußern Vertrauen in die Führung und Entscheidungsfindung seitens der Bischöfe im Allgemeinen. Ein Befragter sagte: „Ich vertraue den meisten Bischöfen eigentlich nicht, um ehrlich zu sein. Ich werde ihnen allen großen Respekt entgegenbringen. Und wenn ich in ihrer Diözese wäre, würde ich wirklich versuchen, ihnen zu dienen. Aber wenn ich mir viele Bischöfe in den Vereinigten Staaten ansehe ... würde ich sagen, dass ich eine insgesamt negative Meinung von den US-Bischöfen habe ... Sie sind keine wirklichen Führungspersönlichkeiten ... Sie versuchen vielmehr häufig, die Karriereleiter zu erklimmen.“

Mit dem sinkenden Vertrauen in die Bischöfe geht auch das Wohlbefinden des jeweiligen Priesters deutlich zurück: Diejenigen Priester, die Vertrauen in ihren Bischof haben, erreichen 87 Prozent auf dem „Harvard Flourishing Index“ – die Priester, die wenig Vertrauen in den Bischof haben, kommen lediglich auf 77 Prozent auf demselben Index. Unter den „Schlussfolgerungen“ der Studie heißt es: „Es gibt heute vielleicht keine dringendere pastorale Herausforderung für Bischöfe als die Wiederherstellung des Vertrauens nach der Missbrauchskrise. Wege zu finden, um das Vertrauen ihrer eigenen Priester wiederherzustellen und zu stärken, ist ein großer Teil dieser Herausforderung, eine Herausforderung, die Auswirkungen auf alle Katholiken hat.“

Burnout unter Priestern

Die Studie untersucht darüber hinaus, inwieweit die Geistlichen zum Burnout im priesterlichen Dienst tendieren. Für die Untersuchung wurden drei Indikatoren aus der Studie „Flourishing in Ministry“ des Psychologen Matt Bloom aus der Universität Notre Dame übernommen. Laut der Umfrage wiesen 45 Prozent der Priester mindestens ein Symptom von Burnout im Dienst auf, wobei sich die Verteilung zwischen Diözesan- (50 Prozent) und Ordenspriestern (33 Prozent) ungleich ausnimmt.

Allerdings zeigten nur neun Prozent ein schweres Burnout. Interessant ist darüber hinaus die Verteilung nach Altersgruppen: Weist eine überwiegende Mehrheit der über 75-jährigen Geistlichen kaum Anzeichen von Burnout auf, so finden sich bei den unter 45-Jährigen deutliche Symptome: In dieser Altersgruppe zeigen 60 Prozent der Diözesan- und mehr als 40 Prozent der Ordenspriester mindestens ein Symptom von Burnout auf.

Die Autoren der Studie  fassen die Ergebnisse der Untersuchung mit den Worten zusammen: „Es ist keine leichte Aufgabe, die Verfolgung der Ziele der Dallas-Charta, ein sicheres Umfeld zu schaffen, um Heilung, Versöhnung und Gerechtigkeit für die Opfer von sexuellem Missbrauch durch Geistliche zu ermöglichen und Missbrauchstäter und Mittäter zur Rechenschaft zu ziehen, mit der Unterstützung von Priestern und einem ordnungsgemäßen Verfahren zu vereinbaren. Allerdings verlangt die Gerechtigkeit, dass die Kirche Unschuldige schützt – auch unschuldige Priester.“

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José García Bischöfe Jesus Christus

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