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EKD-Ratsvorsitzende Kurschus legt Ämter nieder

Annette Kurschus reagiert auf Vertuschungsvorwürfe in Zusammenhang mit Missbrauch. Ihre Stellvertreterin Kirsten Fehrs, Bischöfin von Hambug und Lübeck, übernimmt kommissarisch den Ratsvorsitz.
Rücktritt
Foto: picture alliance/dpa | Christoph Reichwein | Annette Kurschus sieht keine Alternative zu ihrem Rücktritt.

Deutschlands oberste Protestantin, Annette Kurschus, hat am Montag in Bielefeld ihren Rücktritt erklärt. Sie legt laut Berichten der katholischen Nachrichtenagentur (KNA) und der dpa ihre Ämter als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sowie als Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen nieder.

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Mehrfach waren zuvor Rücktrittsforderungen aufgrund von Vorwürfen wegen des Umgangs mit einem mutmaßlichen Fall sexualisierter Gewalt in ihrem ehemaligen Kirchenkreis gestellt geworden. So soll Kurschus als frühere Gemeindepfarrerin in Siegen einen Fall sexuell übergriffigen Fehlverhaltens vertuscht haben. Kurschus hatte dies dementiert und am Montag in einer Erklärung die Beschuldigung erneut zurückgewiesen. Wann über die Nachfolge von Kurschus entschieden wird ist noch offen.

Respekt vor dem Schritt

Kirsten Fehrs, Bischöfin von Hamburg und Lübeck und stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende, wird das Amt der Ratsvorsitzenden ab sofort kommissarisch führen. Für den Rat der EKD verbinde sich „mit dem Rücktritt von Annette Kurschus die Verpflichtung, den eingeschlagenen Weg bei Aufarbeitung und Prävention sexualisierter Gewalt konsequent weiter voranzugehen“ so Fehrs. 

Auch für Anna-Nicole Heinrich, Präses der Synode der EKD, zeige der Schritt "welchen Stellenwert konsequentes Handeln beim Thema sexualisierte Gewalt - gerade im Interesse der Betroffenen - für die evangelische Kirche hat“. Sie dankte Kurschus für die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Synode und Ratsvorsitzender. „Dein nachdenklicher Ton und deine klare Ausrichtung am Evangelium haben der Kirche in herausfordernden Zeiten gutgetan.“

Keine Alternative zum Rücktritt

Kurschus selbst habe eigenen Angaben zufolge keine Alternative zum Rücktritt gesehen, da sich die öffentliche Debatte um den Vorgang so sehr zugespitzt habe. Zu den Vorwürden sagte die nun ehemalige Ratsvorsitzende am Montag, „allein Homosexualität und die eheliche Untreue des Beschuldigten wahrgenommen“ zu haben.

Während ein Mitglied des Leitungsteams der Evangelischen Kirche von Westfalen, Michael Bertrams, der Protestantin letzte Woche den Rücken stärkte und  von unangemessenen Rücktrittsforderungen sprach sowie davon, dass man Kurschus nicht die Glaubwürdigkeit absprechen dürfe, nur weil sie sich nicht erinnern könne, erklärte der EKD-Rat, Kurschus gefährde die Arbeit des Beteiligungsforums. Dieser spiele bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen eine wichtige Rolle. Auch Opfer sexueller Gewalt hatten scharfe Kritik an Kurschus geübt und erklärt, diese sei für sie „nicht mehr tragbar“. 

Zeugen stellen Kurschuss' Aussagen in Frage

Kurschuss hatte erklärt, von dem Fall erst Anfang des Jahres erfahren zu haben, während Recherchen der „Siegener Zeitung“ ergeben haben sollen, dass sie über die Fälle bereits Ende der 1990er Jahre informiert worden sei. Die Zeitung beruft sich auf zwei Zeugen, denen zufolge in Kurschus‘ Garten über die Vorwürfe gegen den Mann gesprochen worden sei. Beide hätten ihre Aussagen eidesstattlich bekräftigt. Im Nachgang habe sich der Beschuldigte in einem Schreiben über die Anschuldigungen beschwert und rechtliche Schritte angedroht. Dies scheine Zweifel an Kurschus‘ Aussagen zu wecken, die zudem Patentante eines Kindes des Verdächtigen sein soll.

Kurschus ist nach Margot Käßmann die zweite Frau an der Spitze der EKD, die ihre leitenden Kirchenämter vorzeitig abgibt. Seit 2012 war sie Präses und damit leitende Geistliche der Evangelischen Kirche von Westfalen. 2021 wurde sie außerdem an die Spitze des EKD-Rates gewählt. Die EKD vertritt rund 20 Millionen Protestanten in den 20 lutherischen, reformierten und unierten Landeskirchen mit etwa 13.000 Kirchengemeinden.  DT/dsc

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