Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Studie zu sexueller Gewalt in EKD und Diakonie

Evangelische Kirche: Mehr Missbrauchsopfer als erwartet

Die 9.355 Missbrauchsopfer bei EKD und Diakonie zeigen nach Angaben der Wissenschaftler nur die „Spitze der Spitze des Eisbergs“.
Missbrauch in evangelischer Kirche
Foto: picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte | Auch Betroffenen waren an der ersten umfassende Studie zu sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche in Deutschland und in der Diakonie beteiligt.

Mit Hochrechnungen zufolge mindestens 9.355 Kindern und Jugendlichen, die seit 1946 missbraucht worden sind, verzeichnet die evangelische Kirche höhere Opferzahlen als erwartet. Das ergab eine Studie, die Wissenschaftler heute nach vierjähriger Forschungsarbeit in Hannover vorgestellt haben, über die die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) berichtete. Nach Angaben der Wissenschaftler zeigt die Untersuchung nur die „Spitze der Spitze des Eisbergs“. 

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Ausgegangen sind die Forscher von 900 Opfern. Die Zahl der Beschuldigten liegt den Hochrechnungen zufolge bei 3.497, darunter sind rund ein Drittel Pfarrer oder Vikare. Die kommissarische EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs erklärte dazu: Sie habe „vieles erwartet, aber das Gesamtbild hat mich doch erschüttert“. 

Alle Mitarbeiter der evangelischen Kirche im Blick

Während für die katholische MHG-Studie 38.000 Personalakten durchforstet worden waren, haben die für die EKD-Studie zuständigen Wissenschaftler 4.300 Disziplinarakten, 780 Personalakten sowie rund 1.320 weitere Unterlagen gesichtet. Wie vorab bekannt wurde, konnten die Wissenschaftler in erster Linie Disziplinarakten — keine Personalakten — auswerten.

Lediglich eine Landeskirche habe Zahlen sowohl aus Disziplinar-  als auch aus Personalakten übermittelt. Im Gegensatz zur MHG-Studie haben die Protestanten alle Beschäftigten der evangelischen Kirche in den Blick genommen, also auch Heimerzieher, Kirchenmusiker oder ehrenamtliche Jugendleiter.

Überwiegend männliche Opfer

Wie schon in der katholischen Kirche, handelt es sich auch bei den Opfern der protestantischen Kirche mit 64,7 Prozent überwiegend um männliche Opfer. Auch die Täter waren zu 99,6 Prozent Männer, davon waren drei Viertel bei ihrer ersten Tat verheiratet. Laut der Studie waren die meisten Taten sogenannte "Hands-on-Handlungen". Das sind Körperkontakte, die von nicht notwendigen körperlichen Hilfestellungen im Sportunterricht bis hin zur Penetration reichen.

Fehrs, die auch Bischöfin im Sprengel Hamburg ist, beklagte, dass man in Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen weggeschaut habe.  Sie sprach von Versagen und davon, dass man Betroffenen nicht gerecht geworden sei. Wörtlich sagte sie: „Wir haben sie zur Tatzeit nicht geschützt und wir haben sie nicht würdig behandelt, als sie den Mut gefasst haben, sich zu melden.“ Es gebe „täterschützende Strukturen" in der evangelischen Kirche. Darüber hinaus drängte Fehrs auf eine Dunkelfeldstudie, die sich auf die gesamte Gesellschaft beziehen müsse.

Auch Betroffene wurden beteiligt

Die 2020 in Auftrag gegebene Studie hat die EKD rund 3,6 Millionen Euro gekostet. Sie enthält sechs Teilstudien, in denen Ursachen und Besonderheiten von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche untersucht wurden. Auch Betroffene haben sich beteiligt.

Der Betroffenen-Sprecher des Beteiligungsforums, Detlev Zander, hatte bereits vor Veröffentlichung der Studie gefordert, „dass man die Betroffenen anständig entschädigt und sie nicht abspeist“. Entschädigungsleistungen orientieren sich laut EKD an Schmerzensgeldzahlungen und liegen in der Regel zwischen 5.000 und 50.000 Euro. 

Studienleiter empfiehlt höhere Anerkennungsleistungen für Betroffene 

Studien-Koordinator Martin Wazlawik, Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Hannover, empfahl, die Anerkennungsleistungen für Betroffene deutlich zu erhöhen. Außerdem regte er an, dass evangelische Kirche und Diakonie einheitliche Standards im Umgang mit Missbrauchsfällen und Betroffenen entwickeln und sowohl unabhängige Ansprechpartner als auch eine unabhängige Ombudsstelle einrichten sollten. Lange Zeit habe es keine verbindlichen Regelungen gegeben, wie mit Missbrauchsfällen umzugehen sei, monierte er. 

Der Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch kündigte an, Verantwortung zu übernehmen und „die gesamte Praxis und Kultur der Arbeit in unserem Verband, in unseren Einrichtungen und Diensten zu prüfen - und wo es nötig ist, auch tiefgreifend zu verändern“.

Ziel der Studie war es, ein Gesamtanalyse evangelischer Strukturen und systemischer Bedingungen vorzunehmen, die sexualisierte Gewalt begünstigen und ihre Aufarbeitung erschweren. Als Dachorganisation von 20 Landeskirchen vertritt die EKD bundesweit 19,2 Millionen evangelische Christinnen und Christen.  DT/dsc

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