Ehevorbereitung

Ehevorbereitung: Es geht um mehr als den Blumenschmuck

Eine gute Ehevorbereitung kann Scheidungen und Eheannullierungen vorbeugen, meint Markus Graulich als ehemaliger Richter an der Rota Romana.
Ein Brautpaar faltet während ihrer Trauung in einer katholischen Kirche die Hände. Rottweil Baden-Württemberg Deutschla
Foto: IMAGO/Silas Stein (www.imago-images.de) | Das Recht auf Ehe sei kein absolutes, sagt Markus Grlaulich, "seine Ausübung kann von bestimmten Spielregeln abhängig gemacht werden, die letztlich Hilfestellungen für eine gelingende Ehe sind".

Viele schlittern in eine Ehe hinein - und trennen sich dann. Im Gespräch erklärt Markus Graulich, wie eine Ehe geingen kann, was zu einer Vorbereitung gehört und warum diese so wichtig ist udn wann ein Priester ene Eheschließung verweigern kann.

Herr Prälat, im Vorwort zum neuen Vatikan-Dokument über das Ehekatechumenat bezeichnet der Heilige Vater eine intensive Ehevorbereitung als ein „Gegenmittel, dass die Vermehrung ungültiger Eheschließungen verhindert“.

Eine gute Ehevorbereitung ist in der Tat ein wichtiges Element zum Gelingen einer Ehe, auch wenn sie natürlich keine absolute Garantie für eine glückliche Ehe geben kann. Eine Eheschließung ist ja dann nichtig, wenn bestimmte Voraussetzungen nicht vorhanden sind oder die Grundeinstellung der beiden Eheleute nicht dem entspricht, was den Ehekonsens ausmacht. In der Praxis haben wir es bei Ehenichtigkeitsverfahren oft mit Situationen zu tun, in denen sich die Eheleute nie wirklich mit dem Ehekonsens auseinandergesetzt haben. Als ich noch in der Pfarrei tätig war, habe ich Paaren, die sich auf die Ehe vorbereiteten, daher den Ehekonsens in Form von Fragen gegeben. Sie sollten die Fragen zuerst für sich alleine durchgehen, sie dann gemeinsam und schließlich mit mir besprechen. Da wurde oft deutlich, dass sie sich zum Beispiel die Frage nach Kindern oder danach, was Unauflöslichkeit bedeutet, nie vorher gestellt hatten.

Aus welchen Gründen werden Ehen denn heute häufig für nichtig erklärt?

Der klassische römische Ehefall sieht folgendermaßen aus: Das Paar lernt sich als Teenager kennen, hat bald intime Beziehungen und zieht zum Studium zusammen. Wenn die Beziehung nicht mehr gut funktioniert, heiratet es in der Hoffnung, dass sich die Beziehung dadurch bessern würde. Das Ganze endet dann ein Jahr später in einem Ehenichtigkeitsverfahren. In Amerika gab es dazu schon vor Jahren Untersuchungen, die als „Sliding versus Deciding“-Theorie bekannt wurden: Die These ist, dass Menschen, die auf dem skizzierten Weg in eine Ehe hinein-„schlittern“, anstatt sich bewusst für die Ehe zu entscheiden, mit höherer Wahrscheinlichkeit in ihrer Beziehung unzufrieden sind. Das voreheliche Zusammenleben ist also keine Garantie für ein späteres harmonisches Eheleben, sondern im Gegenteil: An die Ehe werden dann riesige Erwartungen gestellt, die aber nicht erfüllt werden. Gleichzeitig hat man sich oft nicht mit den Grundlagen der Ehe auseinandergesetzt. Vor diesem Hintergrund muss es übrigens schon erstaunen, dass die einzige Reaktion, die in Deutschland auf die Leitlinien zum Ehekatechumenat zu hören war, ein Aufschrei war, weil das Dokument voreheliche Enthaltsamkeit fordert.

Wie müsste eine Ehevorbereitung aussehen, um das Risiko von Eheannullierungen zu verringern?

Der neue Leitfaden des Dikasteriums für Laien, Familie und Leben zum Ehekatechumenat gefällt mir sehr gut. Er teilt die Ehevorbereitung ein in drei Phasen: eine vorkatechumenale Phase, eine katechumenale Phase, die etwa mit der Verlobung beginnen kann und die Begleitung in den ersten Ehejahren. Früher konnte man davon ausgehen, dass die vorkatechumenale Phase in Familie und Pfarrei geschieht. Das ist heute nicht mehr so. Deswegen sollten heute in der Ehevorbereitung auch Glaubensfundamente geklärt werden. Die Ehe ist zwar nicht nur ein Sakrament, sondern auch ein „natürlich Ding“, aber es zeigt sich, dass man die Ehe und die Anforderungen, die sie auch für nicht katholische Menschen mit sich bringt, aus dem Glauben heraus besser verstehen und leben kann. Zur Stärkung des Glaubens müsste in der vorkatechumenalen Phase auch ein Bemühen um die Stärkung der religiösen Praxis gehören, vor allem in Bezug auf Gottesdienstbesuch und Empfang der Sakramente.

Dann müssten systematisch die einzelnen Punkte des Ehekonsenses durchgegangen werden: Was bedeutet es, den Anderen anzunehmen? Was heißt „nach reiflicher Überlegung und aus freiem Entschluss“? Wie frei bin ich? Ist es nicht vielleicht doch die Oma, die eigentlich will, dass wir heiraten und dafür eine neue Küche in Aussicht stellt? Was ist unsere Motivation? Was bedeutet es, vor Gottes Angesicht, also kirchlich zu heiraten? Was heißt „bis der Tod uns scheidet“? Was bedeutet, die Kinder annehmen, die Gott uns schenken will? All diese Fragen muss man mit den Paaren durchbuchstabieren, damit sie wissen, worauf sie sich einlassen. Heute müsste man dann auch zusätzlich über Themen wie künstliche Befruchtung sprechen und warum sie aus katholischer Sicht keine Lösung für ungewollte Kinderlosigkeit ist.

Wie nehmen Sie die Situation in Deutschland wahr?

In Deutschland wird seit Jahrzehnten auf Katechese und Glaubensunterweisung nur wenig Wert gelegt. Selbst die Kommunions- und Firmvorbereitung besteht nur in wenigen Fällen aus wirklicher katechetischer Vermittlung. Natürlich gibt es auch gute Angebote seitens einiger Diözesen und geistlicher Gemeinschaften; die sind aber in der Regel nicht verpflichtend. Dagegen habe ich oft erlebt, dass die Ehevorbereitung aus einem einzigen Treffen mit dem Traupriester besteht, in dem es vor allem um Musik und Blumen, also Äußerlichkeiten der Hochzeitsfeier geht.

Ist es dann nicht sehr fragwürdig, wenn – wie es in Deutschland vorkommt – ein Priester, einem Paar bei der Trauung assistiert, obwohl er Zweifel hat, ob sie eine gültige Ehe schließen?

Ein Priester, der einem Paar bei der Trauung assistiert, obwohl er weiß, dass die Ehe nicht gültig zustande kommt, ist an der gescheiterten Ehe mitschuldig. Wenn man als Priester Zweifel an der Gültigkeit einer Ehe hat, muss man es eigentlich ablehnen, das Paar zu trauen. Einmal kam ein Paar zu mir, das sich kirchlich trauen lassen wollte, die Scheidung aber nicht ausschloss. Ich habe es dann abgelehnt, sie zu trauen; der Generalvikar hat auf die Beschwerde des Paares hin meine Sichtweise unterstützt. Später haben sie woanders kirchlich geheiratet und waren ein halbes Jahr später getrennt. Papst Franziskus hat übrigens ein Kurzverfahren für Fälle eingeführt, bei denen die Nichtigkeit einer Ehe sicher feststeht. Dies wäre ein Beispiel dafür. Wenn der Generalvikar und ich damals unsere Ablehnung schriftlich formuliert hätten, dann hätte das Paar mit den beiden Schreiben beim Ortsbischof ohne jeglichen Prozess eine sofortige Eheannulierung erreichen können.

Umgekehrt fühlen sich Priester in solchen Fällen auch hilflos. Wenn sie die Trauung ablehnen, dann geht das Paar halt in den Nachbarort.

Ja, der Gedanke dahinter ist oft: Wenn ich Nein sage, dann gehen sie zu jemand anderem. Wenn ich sie traue, dann kann ich ihnen vielleicht noch ins Gewissen reden. Um aus dieser Zwickmühle herauszukommen, müsste es Mindeststandards in der Ehevorbereitung geben, um die man sich nicht herumdrücken kann. Tatsächlich gibt es ein Recht auf Eheschließung: Wer nicht rechtlich gehindert ist, zum Beispiel durch eine bereits bestehende Ehe, der hat ein Recht auf Eheschließung, auch auf die kirchliche. Aber dieses Recht ist kein absolutes, seine Ausübung kann von bestimmten Spielregeln abhängig gemacht werden, die letztlich Hilfestellungen für eine gelingende Ehe sind. Menschen müssen sich auch die Frage gefallen lassen, warum sie eine kirchliche Eheschließung wollen, wenn es sie nicht interessiert, was die Kirche zur Ehe zu sagen hat. Ich glaube, je anspruchsvoller wir in der Vorbereitung sind, desto eher lassen sich Eheannullierungen vermeiden.

Da hört man bereits den Vorwurf, durch eine anspruchsvolle Ehevorbereitung schränke man den Zugang zum Sakrament auf einen „heiligen Rest“ ein.

Ja, es wird ja gerne als Argument angeführt, dass ein niederschwelliger Zugang zur Ehe Menschen die Möglichkeit bietet, neu mit der Kirche anzuknüpfen. Wir also Menschen wieder in die Kirche holen. Aber genau das passiert ja gerade nicht. Die Zeremonie in der Kirche ist für viele nur ein Element dieses wichtigen Tages, und nicht die Priorität. Ich glaube, man zieht Menschen dann wieder an, wenn ein gewisser Anspruch dahintersteht. Die Menschen dürfen ruhig merken, dass es um mehr geht als die 500€-Spende für den Blumenschmuck.

Markus Graulich ist Untersekretär des Dikasteriums für die Gesetzestexte. Zuvor war er mehrere Jahre als Richter an der Rota Romana tätig. Gemeinsam mit Ralph Weimann hat er 2015 mit „Im Glauben das ,Ja‘ wagen“ ein Buch zur Ehevorbereitung herausgegeben.

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