Ein Samstagmorgen in Paris: Eben haben die anliegenden Türme von Saint-Sulpice sechs Uhr geschlagen. Normalerweise würde die Stadt noch schlafen. Heute aber nicht. Hier herrscht Ausnahmezustand. In den Straßen kommt jetzt kein Auto durch. Überall sind junge Menschen, die sich so dicht drängen wie beim Einlass im Fußballstadion. Aus der Menge ragen Fahnen auf und Lautsprecher für die Durchsagen: „Franzosen bitte rechts, internationale Pilger links entlang.“ Um 6.50 Uhr beginnt heute die Chartres-Wallfahrt mit einer Messe in Saint-Sulpice, der zweitgrößten Kirche in Paris. Maximal 5.000 der insgesamt 20.000 Chartres-Pilger sind darin dabei. Der Rest folgt unter dem freien Pariser Himmel, wo die Sonne eben aufgegangen ist, einer Live-Übertragung. Wo man hinschaut, knien Pilgergruppen vor großen Leinwänden andächtig auf dem Asphalt. Daneben stehen Sanitätswagen, hinter denen Priester stehend Beichte hören.
Ein Mädchen aus Deutschland begrüßt flüsternd sichtlich begeistert ihre Pfadfinderfreundinnen. Sie tragen blaue Blusen und dunkelblaue, lange Röcke. Ein praktisches Outfit, das gegen Sonne schützt. Denn heute wird es so heiß, dass der Wallfahrtsveranstalter „Notre Dame de Chrétienté“ immer wieder vor Hitzeschlägen warnt und in diesen drei Tagen 120 Tonnen Wasser in 1,5-Liter-Flaschen verteilt. Die ältere Schwester des Mädchens studiert in Würzburg und steht neben ihr. Es ist ihre siebte Chartres-Wallfahrt; schon als Kind sei sie mitgelaufen, erklärt sie später im Gespräch mit der „Tagespost“. Trotz der nächtlichen Busfahrt wirken beide jungen Frauen erwartungsfroh und ausgelassen – wie die meisten der überwiegend jungen Pilger. „Für mich ist Paris-Chartres jedes Jahr ein absoluter Höhepunkt, worauf ich mich ewig freue. Es ist die perfekte Mischung: Die Erfahrung schweißt zusammen; man kommt ins Gespräch mit Freunden und interessanten neuen Menschen, die man sonst nie getroffen hätte. Die geistlichen Impulse geben einem für lange Zeit einen Aufwind im Gebetsleben“, sagt die Studentin. Schon jetzt weiß sie: „Nächstes Jahr werde ich wieder mitkommen, es wieder bereut haben, wenn ich übermüdet in Paris ankomme und am Ende wieder wochenlang daran zurückdenken.“

Der Schlusssegen ist erteilt, die Chapitres (Pilgergruppen) sammeln sich. Jetzt wird es körperlich anspruchsvoll. Es geht heraus aus Paris, durch die Straßen im Haussmann-Stil mit hell-beigefarbenen Steinfassaden auf die Feldwege der weiten, grünen Äcker. Heilige Ursula, heiliger Otto, heiliger Don Bosco: Jedes der 420 Chapitre hat einen Namenspatron. 21 davon kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, mit 690 Pilgern darin. In diesem Jahr gibt es 1.700 ausländische Pilger, etwa aus Vietnam, Kroatien, Slowenien, Schottland und England. „Frankreich, diese Erde Mariens, empfängt uns“, fasst es ein brasilianischer Priester zusammen. Sogar US-Amerikaner sind angereist. „Wir traditionellen Katholiken fühlen uns in den USA manchmal sehr alleine“, meint ein Pilger aus Colorado. Doch immerhin: Es ist „ihr“ amerikanischer Kardinal Raymond Leo Burke, der am Pfingstmontag die Abschlussmesse in Chartres zelebriert. Bis dahin fehlen allerdings knappe 100 Kilometer.
10 Kilometer Menschenkette
Drei Rosenkränze betet jedes Chapitre pro Tag, auf Latein, Französisch oder in der eigenen Sprache. Zwischendrin folgen Heiligenlitaneien, spirituelle Vorträge und Volkslieder, teilweise von Gitarren begleitet. Die Pilger aus der Bretagne haben Dudelsäcke dabei. Fahnen kennzeichnen die Länder und Regionen; immer wieder sieht man traditionelle Kleidung. Manche Österreicher laufen in Dirndl und Lederhosen, ein Niederländer in traditionellen Holzschuhen. Im Chapitre St. Ursula ergreift ein Seminarist das Mikrofon. Er komme aus Slowenien und studiere nun in Wigratzbad. „Aber jetzt rede ich nicht mehr über mich; das wäre crynch“, sagt er humorvoll und erklärt den Sinn der Marienweihe. Fest stehe: Wenn man Maria sein Leben weiht, dann ändert das alles.
Der Pilgerzug ist zehn Kilometer lang – und scheint endlos, wenn man von Anhöhen aus Gelegenheit hat, einen Blick darauf zu werfen. Dazu passt das diesjährige Motto: „Ihr werdet meine Zeugen sein bis an die Enden der Erde.“ Mit jedem Jahr kommen mehr Menschen zur Wallfahrt. 20.000 Pilger sind es dieses Mal. Der Veranstalter sieht einen Zusammenhang mit dem Anstieg der Neutaufen in Frankreich: „Die Konversionen häufen sich. Die Blogs, Internetseiten und Social-Media-Accounts zu Glaubensthemen zeugen davon, wie sehr die Menschen nach der Wahrheit dürsten.“ Eine junge Pilgerin kann das bezeugen: „Für mich war der Höhepunkt die Anbetung am zweiten Abend. Da konnte ich persönlich mit Gott sprechen“, berichtet sie im Gespräch mit dieser Zeitung.

Vermehrt sind es jüngere Menschen, die sich aktiv für den Glauben interessieren. Auch hier: Der durchschnittliche Chartres-Pilger ist 21 Jahre alt. „Die ganz alten Dinge ziehen die Jüngsten an“, erklärt ein französischer Priester vor laufender Kamera. Er meint die außerordentliche Form des römischen Ritus, in dem alle Messen während der Wallfahrt gefeiert werden.
Die Wallfahrt ist der Beginn
Das Tagespensum fordert heraus: Über 30 Kilometer legen die Pilger am ersten Tag zurück, fast 40 Kilometer am zweiten und den Rest der Strecke am dritten. Übernachtet wird in Gruppenzelten, Aufstehen ist um 5 Uhr, Loslaufen gegen 6 Uhr. 10 Hektar sind die Zeltplätze groß. Sie erinnern an kleine Dörfer. In den Schlangen vor der Essensausgabe und den Sanitäranlagen steht man teilweise 40 Minuten an. Zu essen gibt es hauptsächlich kleine Baguettes, zusammengezählt um die 81.000. Deswegen bringt jeder Pilger eigene Konservendosen, Würstchen und Süßigkeiten mit. Egal, wie viel man trinkt und sich mit Sonnencreme einschmiert: Stundenlanges Wandern, oft in der prallen Sonne, verlangt einiges ab. Am Wegesrand brechen immer wieder Pilger zusammen, die von Sanitätern verarztet werden.

Am Montagmittag kommt der Moment, auf den alle hingefiebert und von dem die erfahrenen Pilger geschwärmt haben: der Einzug im kleinen Wallfahrtsort Chartres. Durch eine Allee geht es hinauf zur Kathedrale. Letzte Kraftreserven werden aufgewendet, humpelnde Pilger fangen plötzlich an zu rennen, man singt laut das „Lauda Jerusalem“. Es ist Pfingsten, das Ziel erreicht. Doch eigentlich geht es jetzt erst richtig los: „Denn mit der Wallfahrt ist es nicht beendet. Diese Pilgerschaft soll uns auf unserer täglichen Pilgerschaft helfen“, sagt ein Kölner Diözesanpriester. Davon spricht auch Kardinal Burke in seiner Abschlusspredigt: „Die Wallfahrt bringt die Gnade, die es ermöglicht, die Prüfungen des alltäglichen Lebens in Christus freudig anzunehmen und Gott ein Opfer des Lobes darzubringen.“

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