Zahlen sind nicht alles, aber auch nicht nichts. Und diese hier sind erfreulich. Am vergangenen Wochenende haben verschiedene geistliche Gemeinschaften und Diözesen anlässlich des Geburtstagsfests der Kirche im deutschsprachigen Raum und in Europa wieder Zehntausende Menschen versammelt. Die Zeichen stehen überall auf Wachstum. Bei der Wallfahrt von Paris nach Chartres im außerordentlichen Ritus gehört es mittlerweile zum Procedere, dass das Anmeldesystem kurz nach Eröffnung des Anmeldezeitraums vor Überlastung zusammenbricht und die Warteliste gefühlt so lang ist wie die gesamte Pilgerkolonne, nämlich zehn Kilometer. Knapp 22 000 Menschen pilgerten dieses Jahr insgesamt nach Chartres – mehr ist laut den Veranstaltern logistisch nicht zu stemmen. Auch die Pfingstfestivals der Loretto-Gemeinschaft versammelten dieses Jahr an 30 Veranstaltungsorten in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz an die 20 000 Menschen – letztes Jahr waren es „noch“ 12 000.
Über die Gründe für diesen deutlichen Anstieg kann Maximilian Oettingen, der Leiter der Loretto-Gemeinschaft, nur Mutmaßungen anstellen. Aber klar ist für ihn: Der Heilige Geist hat seine Finger im Spiel. Im Interview mit der „Tagespost“ nennt er außerdem weitere Faktoren: „Wir haben historisch-soziologisch betrachtet eine Generation vor uns, die sich unvoreingenommener mit dem Glauben beschäftigt, als das bei der 68er-Generation der Fall war, die eher eine Protesthaltung gegenüber dem Glauben hatte. Außerdem kann man sich heute über die digitalen Medien – Podcasts, Youtube und so weiter – auf eine Weise über den Glauben informieren und sich eine Meinung bilden, wie das vor einigen Jahren noch nicht der Fall war. Und drittens: Gerade jüngere Menschen – aber nicht nur – reagieren auf Angebote, die authentisch sind, bei denen das Äußere und das Innere übereinstimmen. Das gilt auch für den christlichen Kontext.“
Die „tradismatische“ Querfront kirchlicher Bewegungen von der charismatischen Erneuerung bis hin zu den Anhängern des außerordentlichen Ritus hat dabei eines gemeinsam: „Jesus ins Zentrum stellen, darum geht es“, meint Oettingen. „Ich glaube, das ist es, was die Chartres-Wallfahrt sich bemüht zu tun und was auch wir versuchen: den Herrn in den Mittelpunkt stellen. Interessanterweise in unterschiedlicher Weise, aber doch ist bei uns beiden Christus im Zentrum.“ Dass es um Gott geht und nicht um Zugehörigkeit zu einer bestimmten Form des römischen Ritus, bestätigt auch ein junger Diözesanpriester aus dem Erzbistum Köln, der dieses Jahr die Chartres-Pilger aus Deutschland begleitet hat, gegenüber dieser Zeitung: „Es ist eine große Freude, mit so vielen jungen Menschen mitpilgern zu können. Der Geist dieser Tage, das sind nicht die vielen Zeitgeister, die herumschwirren. Sondern es ist der Heilige Geist, der im Mittelpunkt steht.“
Anbetung, Jüngerschaft, Sendung
Auch andernorts hat an Pfingsten der Geist geweht: 6000 Menschen nahmen beispielsweise an der viertägigen 197. Regensburger Diözesanfußwallfahrt teil – eine Rekordzahl seit Corona. Die 111 Kilometer zwischen Regensburg und der Gnadenkapelle legten laut dem Bistum dieses Jahr auch besonders viele junge Teilnehmer zurück. Bischof Voderholzer lief die letzten Kilometer selbst mit und feierte in Altötting ein Pontifikalamt mit den Pilgern. Auf der Internationalen Militärwallfahrt nach Lourdes beteten 15 000 Soldaten aus aller Welt gemeinsam mit ihren Angehörigen um Frieden. In Jambville im Nordwesten von Paris kamen 12 000 Schüler aus der Pariser Region zu einem geistlichen Treffen zusammen.
Maximilian Oettingen warnt allerdings davor, Aufbruch und Erneuerung allein an Zahlen festzumachen. „Zahlen machen Lärm und bedienen den Narzissmus. Jesus hat mit ganz wenigen Leuten begonnen, ihnen viel Zeit gewidmet, und daraus ist etwas entstanden, das Wirkung hatte. Ich glaube, der Schlüssel für die Ausbreitung des Reiches Gottes liegt darin, dass wir einen starken Fokus auf den Herrn haben und Räume schaffen, in denen Menschen ihn anbeten können. Aus dieser Beziehung zu ihm heraus beginnt dann etwas zu wachsen.“ Anbetung, Jüngerschaft und Sendung: Wenn diese drei Dinge zusammenkämen, dann würden auch irgendwann die Zahlen wachsen – ein Zeichen, dass der Heilige Geist wirke, so Oettingen. „Und das scheint gerade zu passieren, an ganz verschiedenen Orten und in vielen verschiedenen Ländern.“
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