Politiker brauchen wahrscheinlich nicht den Wink mit dem Zaunpfahl aus dem Matthäus-Evangelium, dass sie ihre Talente nicht vergraben sollen. Wer in der Hauptstadt ganz vorne mitspielen will, der verfährt schon ganz intuitiv nach dem Grundsatz: Wer spricht, kriegt Licht.
Auch in der Würzburger Residenz hatten Mittwochabend zwei potenzielle Kanzlerkandidaten die große öffentliche Bühne – zumal in prächtiger Kulisse, dem Kaisersaal, nomen est omen. Hendrik Wüst und Markus Söder – je mehr der Stuhl des Kanzlers zu wackeln scheint, umso interessanter die Frage: Wer will Kalif anstelle des Kalifen werden? Ein bei einem Christdemokraten nicht unwichtiges Kriterium: Was fällt dem Aspiranten zum „C“ ein?
Die Talente sind klar zu Söders Gunsten verteilt
Insofern war der Empfang der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Katholikentag auch eine Art rhetorisches Schaulaufen, bei dem Söder wie Wüst ihre Talente in dieser Frage unter Beweis stellen konnten. Der Zufall hatte sie zusammengebracht – oder doch vielleicht auch das konzeptionelle Geschick des Veranstalters? Söder sprach als bayerischer Gastgeber, Wüst als NRW-Landesvater, der nächste Katholikentag findet in Paderborn statt.
Um es kurz zu machen: Die Talente sind klar verteilt. In der Zeit, in der Wüst gerade einmal die offizielle Begrüßung aller Würdenträger im Saal abgeschlossen hat, hat Söder in seiner Rede schon fünf Witze gerissen. Wüst changiert mit seinen staatstragenden Anmerkungen zu Gefahren für die Demokratie und den Warnungen vor einer AfD-Regierungsbeteiligung mitunter nur haarscharf an der Phrase vorbei. Nach langem Vorlauf wird der Borkener zum Schluss dann doch etwas konkreter: Er fordert mehr Ernsthaftigkeit, mehr Kompromissbereitschaft und Kooperation. Und dann liefert er fast in einer Nebenbemerkung einen Einblick in sein Menschenbild: Er sei davon überzeugt, „die allermeisten Menschen sind offen und wollen das Gute“. Wenn da nicht die bösen Umstände wären.
Dass Wüst die Warnungen vor der AfD mit einer Erinnerung an den 30. Januar 1933 und dessen Folgen verbindet, also historische Umstände bemüht, um die Herausforderungen der Gegenwart hervorzuheben, schafft es zwar am Donnerstagmorgen in die Agenturmeldungen, ist aber weder sonderlich originell noch eigentlich erkenntnisfördernd. Es wirkt eher so: Wüst ist nicht nur Muttis Lieblingsschwiegersohn, er hat auch im Geschichtsunterricht aufgepasst. Was konzeptionell wirken soll, klingt stark nach Referentenentwurf. Beim Katholikentagspublikum gibt es freilich dafür freundlichen Applaus.
Nur der Glaube war es, der ihm helfen konnte
Söder ist hingegen der Frechdachs. Immer wieder sieht man Köpfe, die geschüttelt werden, als der fränkische Protestant redet. Zu sehr hat sich wohl beim Otto-Normal-Katholikentagsbesucher das Wort Robert Habecks vom „fetischhaften Wurstgefresse“ festgesetzt. Söder – und das zeichnet ihn als Rhetoriker eben aus – lässt sich von so etwas nicht beeinflussen. Nein, er wagt sogar, nicht wie die ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp – sie kam später, ging dafür früher – blutleer über die Zukunft des Sozialstaats zu referieren, der bayerische Ministerpräsident spricht über seinen persönlichen Glauben. Berichtet darüber, wie er gehadert habe, als seine Mutter früh starb.
Rückblickend aber erkennt er, dass es nur der Glaube war, der ihm helfen konnte. Er sei damals in einen Gebetskreis gekommen. Als einer der Teilnehmer an tödlichem Bauchspeicheldrüsenkrebs litt, sagte er ihnen: „Jesus Christus ist mein Halt und meine Hoffnung.“ Das, so Söder, habe ihn nachhaltig beeindruckt. Diese Hoffnung brauche die Gesellschaft. Und deswegen müssten Christen klar sagen, woran sie glauben: an Jesus Christus. Er treffe ja regelmäßig mit den Vertretern der Kirchen in Bayern zusammen. Da ging es dann zum Beispiel um Migration oder Flüchtlingspolitik. Das sei alles wichtig, aber er würde auch gerne von einem Bischof hören, dass der einfach mal sage, woran er denn glaube.
Auch ein Bischof sprach an diesem Abend, allerdings vor den zwei Ministerpräsidenten: Heiner Wilmer spielt Boccia. Der immer noch frische Vorsitzende der Bischofskonferenz berichtete, als er in Bonn gewohnt habe, sei er regelmäßig zum Haus von Konrad Adenauer nach Rhöndorf mit dem Fahrrad gefahren. In Erinnerung seien ihm die Boccia-Bahnen geblieben. Bei Boccia ging es darum, dass die kleinen Kugeln die große Kugel in Bewegung bringen. Das sei ein geradezu ikonisches Bild, so Wilmer. Darum gehe es beim Christentum auch.
Aktuell wird immer noch von allen kirchenpolitischen Lagerseiten darüber spekuliert, wie Wilmer denn nun einzuordnen sei. Wird er eine Art Leo für die deutsche Kirche? Was immer das dann auch konkret heißen mag. Seit diesem Abend gibt es nun eine neue Assoziation: Boccia ist auch ein strategisches Spiel, deswegen hatte der „alte Fuchs“ Adenauer seine Freude daran. Man kann darauf gespannt sein, wie Bischof Wilmer künftig „große Kugeln“ in Bewegung setzen wird.
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