Vatikanstadt

Priester bevorzugt impfen? Eine Gewissensfrage

Der Appell von Kardinal Stella, Priester als Teil einer besonderen „Risikogruppe“ einzuschätzen, leuchtet zwar ein. Doch die These ist gewagt. Eine notorisch antiklerikal eingestellte Öffentlichkeit toleriert nicht einmal scheinbare Privilegien für Priester.
Coronavirus - Impfung in Köln Chorweiler
Foto: Oliver Berg (dpa) | Es wäre fragwürdig, Priestern einer Überreglementierung zu unterwerfen und die Impfung unausgesprochen zur Pflicht zu machen.

Die These ist gewagt: Kardinal Stella, Präfekt der vatikanischen Kleruskongregation, hat die Behörden aufgefordert, Priester bevorzugt gegen Corona zu impfen. Als Seelsorger, so argumentiert Stella, verrichteten Priester einen „sozial nützlichen“ Dienst, der anerkannt werden müsse.

Nicht jeder Geistliche hat sich heroisch der Pandemie gestellt

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Der Appell des Kardinals, Priester als Teil einer besonderen „Risikogruppe“ einzuschätzen, dürfte ohne weiteres einleuchten: Schon das hohe Durchschnittsalter des Klerus legt das in unseren Breiten nahe. Schwieriger zu vermitteln ist Kardinal Stellas – auf die italienischen Bistümer – bezogene Einschätzung, dass „Hunderte Kleriker im Kampf gegen die Pandemie ihr Leben gegeben hätten“.

Dies lässt sich keineswegs auf alle Ortskirchen übertragen. Im Gegenteil: In Europa beschlich manchen Gläubigen mitunter der Eindruck, dass auch im Klerus mancher seine persönliche Ruhe dem Kampf gegen die pandemiebedingten Widrigkeiten vorzog. Zweifellos hat sich mancher Geistliche heroisch der Coronakrise gestellt und in Altenheimen und Krankenhäusern nichts unversucht gelassen, um den Menschen seelsorglich beizustehen. Angesichts des mehr oder minder leidenschaftlich geführten Verteilungskampfes um den kostbaren Impfstoff bleibt die Entscheidung, sich impfen zu lassen, aber eine Gewissensfrage.

Es kann gute Gründe zur Zurückhaltung geben

Es kann selbst innerhalb der Zielgruppe 70 plus gute Gründe zur Zurückhaltung geben. Eine notorisch antiklerikal eingestellte Öffentlichkeit toleriert nicht einmal scheinbare Privilegien für Priester. Mehr als ein Bischof, der sich auf Empfehlung der Behörden frühzeitig impfen ließ, um der Bevölkerung ein gutes Beispiel zu geben, erhielt umgehend die Quittung in Form hämischer öffentlicher Reaktionen  - und zwar selbst dann, wenn er aufgrund seines Alters grundsätzlich an der Reihe war.

Es wäre auch fragwürdig, Priestern einer Überreglementierung zu unterwerfen und die Impfung unausgesprochen zur Pflicht zu machen. Die Gläubigen sollen sich auch auf das gebildete Gewissen der Priester verlassen dürfen.

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