Bayonne

Frankreich: Kontroverse um das Beichtgeheimnis

In Frankreich steht das Beichtgeheimnis unter Beschuss: Bischof Aillet von Bayonne äußert sich in "L'Incorrect" zu dem heftigen Konflikt.
Bedeutung der Beichte
Foto: imago images | Der Priester, der das Beichtgeheimnis verletzte, so Aillet, werde der schwersten Strafe unterworfen, die es in der Kirche gibt: „Er wird exkommuniziert und in den Laienstand zurückversetzt."

In Frankreich ist eine Debatte über das Beichtgeheimnis ausgebrochen. Verteidiger der katholischen Lehre sehen sich Angriffen gegenüber, die meinen, „nichts steht über den Gesetzen der Republik“. Auslöser für die Auseinandersetzung zwischen staatlichen Vertretern und Verteidigern der katholischen Lehre war eine Äußerung des Vorsitzenden der französischen Bischofskonferenz und Erzbischofs von Reims, Éric de Moulins-Beaufort am 6. Oktober - nach der Veröffentlichung des Berichts über die sexuellen Missbräuche innerhalb der katholischen Kirche Frankreichs. Vor dem Mikrofon von France Inter erklärte der Prälat, dass „das Beichtgeheimnis über den Gesetzen der Republik steht“. Demgegenüber erwiderte der französische Innenminister Gérard Darmanin: „Nichts steht über den Gesetzen der Republik“ und zitierte den Erzbischof zu sich. 

Beichtgeheimnis ist keine "berufliche Schweigepflicht"

In einem Interview mit dem französischen Magazin „L''Incorrect" erläutert der Bischof von Bayonne, Marc Aillet, das katholische Glaubensverständnis. Es gehe bei dem Beichtgeheimnis dem Wesen nach nicht um eine „berufliche Schweigepflicht“, die unter bestimmten Umständen rechtlich aufgehoben werden dürfe, vor allem wenn es sich um einen schweren Verstoß handle: „Doch das Beichtgeheimnis ist ganz anderer Natur: Es ist die kirchenrechtliche Garantie für die Vertraulichkeit und Freiheit der Beziehung des Pönitenten zu Gott selbst – und nicht nur zu einer medizinischen Fachkraft für Moral. Der Priester hat nicht die Oberhand über dieses Gewissensverhältnis der Person, die sich bei ihrer Bitte um Vergebung an Gott wendet. Daher kann man nicht daran rühren. Der Priester ist bei diesem Verhältnis nicht der Gebieter; er ist der Diener, das Werkzeug dieses ganz besonderen Verhältnisses vom Menschen zu Gott. Man ist da weit über eine rein soziale Beziehung hinaus“.

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Die französische Republik habe, führt Bischof Aillet weiter aus, das Beichtgeheimnis stets respektiert (wie es auch Erzbischof Moulins-Beaufort unterstrichen habe), das „die Gewissensfreiheit berührt. Die Kirche steht im Dienst des Gewissens. Das könnte in der heutigen Welt nicht mehr verstanden werden, insbesondere bei den Skandalen, die uns erschüttern“. Schließlich garantiere der erste Verfassungsartikel nicht nur die Religions- sondern auch die Gewissensfreiheit. Der Pönitent komme nicht zu einem Priester wie zu einer Fachkraft, die die Möglichkeit hätte, alle seine Probleme zu lösen: Er gehe zum Priester, „um zum Herrn selbst zu gehen, der die Quelle der inneren Heilung durch den Priester ist“.

Aillet: Staat besitzt keine Autorität über die Kirche

Bischof Aillet betont gegenüber "L'Incorrect" zudem, dass er über die Replik des Innenministers „vor allem überrascht“ gewesen sei. Wenn sich ein Bischof über etwas äußere, das dem religiösen Bereich angehöre, der ja grundsätzlich vom Staat getrennt sei, der keinerlei Autorität über die Kirche besitze, so scheine es Aillet „unnormal, dass er ‚einbestellt‘ werde, um dem Innenminister gegenüber Rechenschaft abzulegen. Erzbischof de Moulins-Beaufort zog es vor, von einer ‚Einladung‘ zu sprechen. Eine ‚Einladung‘ zur Diskussion, zum Austausch und zum Dialog schiene mir tatsächlich als etwas Normaleres. Wenn der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz vom Beichtgeheimnis spricht, redet er von etwas, was dem religiösen Bereich angehört, der allein in seiner Verantwortung steht. Er ist kein einfacher Beamter des Staates und in diesem Sinne hat er auch nicht als solcher einbestellt zu werden“.

Der Priester, der das Beichtgeheimnis verletzte, so fährt Aillet fort, werde darüber hinaus der schwersten Strafe unterworfen, die es in der Kirche gibt: „Er wird exkommuniziert und in den Laienstand zurückversetzt. Doch all das ist in unserer Gesellschaft schwer zu begreifen“. In einer immer säkularer werdenden Gesellschaft verstünden die meisten Menschen nicht mehr, was ein religiöser Fakt ist: „Der Missbrauchsbericht löst einen Trubel aus, bei dem die Leute nicht mehr das Prinzip des Beichtgeheimnisses verstehen, das sie mit dem Gesetz des Schweigens oder dem des „Familiengeheimnisses“ in Verbindung bringen, und glauben, dass die Kirche noch immer versucht, Dinge zu verheimlichen, während sie es ja ist, die diesen Bericht in Auftrag gab“.  DT/ks

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