Pfarrei mit Zukunft

St. Gertrud in Herzogenrath: Authentische Katholizität und Freundschaft als Erfolgsrezept

Kein Pfarreirat, dafür ein Apostolatsforum: Traditionsbewusste und zugleich herzliche Seelsorge bewährt sich in St. Gertrud in Herzogenrath.  
St. Gertrud in Herzogenrath
Foto: ANDREAS DUEREN | Zweimal wöchentlich bietet die Pfarrei St. Gertrud ewige Anbetung an. Ein weiteres Markenzeichen der Pfarrei sind die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiten, die sich zum Beispiel im "Apostolatsforum", in der Kirchenmusik ...

 St. Gertrud in Herzogenrath ist schon durch die überschaubare Größe eine Ausnahmeerscheinung: Vor zwanzig Jahren fusionierten dort drei Gemeinden. Eingebettet in eine „Gemeinschaft von Gemeinden“ wird hier dennoch der persönliche Draht untereinander in der Pfarrei großgeschrieben. Pfarrer Guido Rodheudt und die Gläubigen sind familiär zusammengewachsen. „Wenn er vor 21 Jahren nicht gekommen wäre, wäre Vieles anders. Wir sind froh, dass wir so eine traditionsbewusste Ausrichtung haben. Zum Glück hat er Mitstreiter gefunden“, sagt Klaus Puhl, seit langem im Kirchenvorstand für die Bauprojekte der Pfarrei zuständig.  Ein Konzept mit Pastoralteam, das Priester und hauptamtliche Laien faktisch auf eine Stufe stellt, wird von den Gläubigen in St. Gertrud abgelehnt.

Verlässlichkeit und Katechese sind Markenzeichen

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Andrea Nell vom Apostolatsforum – die neu gegründete Nachfolgeinstitution des Pfarreirats – hebt die katechetische Ausrichtung der Pfarrei hervor: Das Angebot Gaudete, ein stattlicher und stabiler Kreis von Jugendlichen und jungen Erwachsene ab 16 Jahren oder die Kinderchorarbeit seien nicht nur ein Treff oder gemeinsames Singen, „sondern in erster Linie Katechese. Wenn ich geistliche Lieder singe, will ich wissen, ob die Kinder verstanden haben, was sie singen.“
Dass der Messbesuch in St. Gertrud über dem Bistumsdurchschnitt liegt, führt sie auf die Kontinuität zurück: „Das Angebot ist gleichbleibend und man weiß immer, welcher Priester da ist und was einen liturgisch erwartet.“ Verlässlichkeit sei ein großer Pluspunkt gegenüber anonymen Großpfarreien. Auch beim Laienapostolat setzt sie auf Beständigkeit, damit der Funke des Glaubens überspringen kann: „Es müssen Personen zuverlässig da sein“, so ihre Erfahrung. Es werde in Zukunft noch wichtiger, dass man sich kenne. Das gilt sowohl für die Ortsansässigen als auch für diejenigen, die die Gemeinde als Wahlpfarrei ausgesucht haben. „Wir brauchen Ebenen, auf denen man sich noch begegnen kann. Und das geht am besten da, wo schon etwas gewachsen ist und wo es unmissverständlich zu finden ist.“

Unter der Woche gibt es viele Angebote

Dass die Pfarrei die Sakramentalität der Kirche widerspiegelt, ist in Herzogenrath Teil des Erfolgsrezepts. Nicht nur der überdurchschnittliche Messbesuch und das Faktum, dass das Messopfer überraschungsfrei gefeiert wird, sind bemerkenswert. Auch zu Tageszeiten, zu denen in anderen Pfarrkirchen gähnende Leere herrscht, finden sich hier Beter ein. Beispiel Markttag: Donnerstagsvormittags kommen an einem Werktag unter Coronabedingungen knapp zwanzig Gläubige zur eucharistischen Anbetung mit anschließendem Rosenkranz und Zwölf-Uhr-Messe, darunter etliche in der Altersgruppe unter 50 – musikalisch gestaltet mit Orgel- und Vokalmusik durch die örtlichen Kirchenmusiker und ab und an eine Lobpreisgruppe der Polnischen Mission. Kirchenmusik ist in St. Gertrud auch ein Teil des Apostolats und wird daher durch den Kantor und seine Frau auf hohem Qualitätsniveau angeboten.

„Ich sehe viele Chancen in der alltäglichen Arbeit in der Pfarrei durch die klare und kontinuierliche Zuordnung von Hirte und Herde“, stellt Pfarrer Rodheudt fest. Nur so könne man etwas Nachhaltiges aufbauen. Dieses uralte Konzept gelingt nicht nur in territorialer Hinsicht. „Wenn da, wo ,katholisch‘ draufsteht auch ,katholisch‘ drin ist, führt das Menschen zusammen, die genau das suchen.“ Das Katholischsein mit der Weltkirche ohne Sonderwege kommt bei auch fremdsprachigen Katholiken an. Besonders die polnischsprachigen Gläubigen fühlen sich in St. Gertrud heimisch.

Zwei Werktagsmessen sind stets in außerordentlicher Form

Tägliches Messopfer – davon zwei Werktagsmessen wöchentlich in der außerordentlichen Form – kein zelebrationsfreier Tag für den Pfarrer, zweimal wöchentlich eucharistische Anbetung, Rosenkranz, ausgedehnte Beichtgelegenheiten, gemeinsame Wallfahrten und eine Fülle von Angeboten für alle Generationen: vom Apostolatsforum, über Kirchenmusik, Bibelkreis, monatliche Montagsgespräche bis zum Pfadfinderstamm „Thomas Morus“ der KPE und der Sakramentsbruderschaft.

Erstkommunions-, Firm-, und Hochzeitsvorbereitung wird sehr ernst genommen

Das zieht: „Wir müssen uns keine Gedanken machen, wie wir an Leute herankommen. Sie kommen von selber, weil sie suchen – besonders den normalen Katholizismus mit verlässlicher Liturgie und Verkündigung“, berichtet Pfarrer Rodheudt. „Viele Menschen kommen aus der Umgebung, weil sie in ihren Heimatgemeinden die authentische Kirchlichkeit vermissen. Sie mischen sich mit denen, die hier leben. Da ergeben sich viele Querverbindungen, bei denen sich auch Auswärtige hier engagieren.“ Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen sind immer wieder Chancen, aus einem Seelsorgewunsch einen Neuanfang zu machen. Wird ein Kind getauft, nehmen zwei Mitglieder des Apostolatsforums an der Feier teil und sprechen die Familie des Täuflings persönlich an, um eine Urkunde und ein Fläschchen Weihwasser als Erinnerung zu überreichen und sie willkommen zu heißen. Einmal im Jahr werden die Familien erneut zu einem Segensgottesdienst eingeladen. Das Echo ist positiv.

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Dazu gehört auch die Erfahrung, dass sich eine intensive Vorbereitung auf die Erstkommunion auszahlt. Die Latte liegt in St. Gertrud höher als in anderen Aachener Pfarreien: Vor der ersten heiligen Kommunion liegt die Katechese mit selbst erstellten und maßgeschneiderten Materialien und die Sonntagspflicht mit Stempelsystem: Bis zu fünfzig Prozent der Kommunionkinder werden Ministranten, berichtet Andrea Nell. „Und wenigstens während der Jahre, in denen sie ministrieren, kommen auch die Eltern mit zur Sonntagsmesse.“

Keine Stuhlkreisdiskussionen

Die Filialkirche St. Marien ist eine beliebte Hochzeitskirche, weswegen die wenigsten, die hier heiraten, aus der Pfarrei stammen. Als Starthilfe gibt Pfarrer Rodheudt den Paaren, die oft kaum Glaubenserfahrung mitbringen, ein Gebet für Brautpaare mit nach Hause. Außerdem arbeitet die Gemeinde mit der „Initiative christliche Familie“ zusammen, die junge Paare begleitet. Als Starthilfe gibt es fünf Sonntagnachmittage mit jungen Ehepaaren als Referenten samt Abendessen. „Das Format Vorträge und Paargespräche ist angemessener als eine Stuhlkreisdiskussion – das wollen die Männer nicht“ schmunzelt Pfarrer Rodheudt.

Es wird auf ehrenamtliches Engagement gesetzt

Dank Jugendlicher, die sich in Aachen für die Initiative „Nightfever“ engagierten, konnte das Ewige Gebet in St. Gertrud von mehreren Stunden zur 24-Stunden-Aktion ausgebaut werden.
Auffallend ist in Herzogenrath das entspannte Miteinander von Priester und Laien: „Jeder hat sein Charisma“, unterstreicht Pfarrer Rodheudt. Die Abwesenheit hauptamtlicher Laien vermisst deswegen in St. Gertrud niemand – im Gegenteil, sie spornt zum ehrenamtlichen Engagement an. Jeden Sonntag betet die Gemeinde nach den Fürbitten der Messe um geistliche Berufe. Seither hat sich bei einigen jungen Männern diesbezüglich einiges bewegt.
Dass Liturgie in Herzogenrath kein Experimentierfeld ist, hat sich auch und gerade bei Kindern und Jugendlichen bewährt. Pfarrer Rodheudt und seine Katechetinnen erleben, dass das Erlebnis Eucharistie in St. Gertrud eine Haltung begünstigt und einen „religiösen Aggregatszustand“ entstehen lässt, der sich auch dann halte, wenn Kinder älter werden und sie dann auch Phasen der Lauheit durchmachen. „Wenn ich sie dann wieder treffe, etwa zur Firmvorbereitung, können sie auf etwas zurückgreifen und sind anschlussfähig“, berichtet Pfarrer Rodheudt. Das schreibt er nicht sich selbst zu. „Die Liturgie predigt aus sich und formt die Menschen zur Gottesverehrung, wenn sie echt ist. Ich muss im Grunde gar nicht so viel machen.“

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