US-Theologe: Kirche in größter Krise seit Reformation

Nach der Intervention des Vatikan bei der Herbstvollversammlung der US-Bischöfe steht nach Ansicht des US-Theologen Massimo Faggioli beim kommenden Bischofstreffen im Februar anlässlich der Missbrauchskrise noch mehr auf dem Spiel.
Kirche in größter Krise seit Reformation
Foto: Jonathan Newton / Pool (The Washington Post) | Lastet nach der Intervention von Papst Franziskus bei der Vollversammlung der US-Bischöfe noch mehr Verantwortung auf dem Vatikan, die Misbrauchskrise aufzuarbeiten? Der Papst hier bei seinem USA-Besuch im Jahr 2015.

Nach der jüngst zu Ende gegangenen Herbstvollversammlung der US-Bischofskonferenz sieht der amerikanische Theologe Massimo Faggioli den Vatikan in noch größerer Verantwortung, die Missbrauchskrise in der katholischen Kirche aufzuarbeiten. Nach der Entscheidung von Papst Franziskus, die US-Bischöfe bei ihrem Treffen nicht über neue Maßnahmen zum Umgang mit der Missbrauchskrise abstimmen zu lassen, stehe beim kommenden Treffen der Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen weltweit noch mehr auf dem Spiel. Dies erklärte Faggioli dem amerikanischen katholischen Online-Magazin „Crux Now“. Das mit Spannung erwartete Treffen soll im Februar im Vatikan stattfinden.

Intervention des Vatikan "mutig und unpopulär"

Die Intervention des Vatikan bezeichnete Faggioli, der das Institut für Theologie und Religionswissenschaften an der katholischen Villanova-Universität im US-Bundesstaat Pennsylvania leitet, als „mutig und unpopulär“. Denn die amerikanischen katholischen seien momentan sehr frustriert. Bei der Herbstvollversammlung in Baltimore waren die US-Bischöfe dem Willen des Papstes gefolgt, obwohl sie eigentlich einen Verhaltenskodex für Priester verabschieden sowie ein Komitee von Laien zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen ins Leben rufen wollten.

Die Enthüllungen über sexuellen Missbrauch in den Reihen der Kirche bezeichnete Faggioli als deren größte Krise seit der Reformation. Im Angesicht wachsender politischer, theologischer und geopolitischer Konflikte sei eine institutionelle Reform der Kirche notwendig. Eine Rollenverteilung auf Kirche und Staat, die der Kirche die Verantwortlichkeit für die Religion und dem Staat jene für die Politik zuschreibt, sei nicht mehr zeitgemäß.

Missbrauchskrise kein Kampf zwischen Liberalen und Konservativen

Die aktuelle Krise sei zudem noch komplizierter, da man sie nicht ideologisch als Kampf zwischen Liberalen und Konservativen oder Reformern und Bewahrern des Status Quo darstellen könne. Eine theologische Reflexion sei daher umso notwendiger: „Was bedeutet diese Krise für das Selbstverständnis der Kirche, der Sakramente, der Liturgie und das Verhältnis von Kirche und Staat?“ Eine derartige Reflexion habe noch kaum begonnen und sei vor allem die Aufgabe einer jüngeren Generation von Katholiken.

DT/mlu

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