"Starke Identität im Leiden gebildet"

Lesen Sie im Wortlaut die "Fliegende Pressekonferenz", die Papst Franziskus auf dem Rückflug von seiner Reise ins Baltikum gab. Darin ging der Papst auch auf das Akommen zwischen China und dem Vatikan ein.

Papst Franziskus: Fliegende Pressekonferenz
Auch in Argentinien seien viele Litauer, so der Papst. "Und sie bringen ihre Kultur und ihre Geschichte mit und sind stolz in dem doppelten Bemühen, sich in das neue Land zu integrieren und gleichzeitig ihre Identität zu bewahren." Foto: Ettore Ferrari (ANSA)

Greg Burke: Guten Abend, Heiliger Vater. Danke vor allem. Drei Länder in vier Tagen ist nicht ganz einfach, es ist ein wenig anstrengend… Es schien ein bisschen wie vier Länder in vier Tagen, weil es am ersten Tag die Überraschung mit China gab, also haben wir auch das gemacht: Wir haben uns China genähert. Versuchen wir, beim Thema zu bleiben – das haben wir schon oft gesagt – und über die Reise zu reden. Natürlich werden wir mit den Journalisten der besuchten Länder beginnen. Wir wollen bei der Pressekonferenz versuchen, über die Reise in die Baltischen Staaten zu reden. Ich weiß nicht, ob Sie vorher etwas sagen möchten…

Papst Franziskus: Zunächst möchte ich Euch für die Arbeit danken, die Ihr geleistet habt, denn auch für Euch sind drei Länder in vier Tagen nicht ganz einfach. Vor allem von einem Ort zu anderen zu fahren ist anstrengend. Ich danke Euch sehr für den Dienst, den Ihr den Menschen anbietet, indem Ihr über diese Reise berichtet, die das wichtigste ist: was dort geschehen ist… Es gab viel Interessantes bei dieser Reise und ich erwarte Fragen in dieser Richtung.

Greg Burke: Danke. Die erste ist  Saulena Žiugždaite, Bernardinai.LT aus Litauen.

Saulena Žiugždaite: Heiliger Vater, danke für diesen Moment und für die ganze Reise. Als Sie in Vilnius über die litauische Seele gesprochen haben, haben Sie gesagt, dass wir eine Brücke zwischen Osten und Westen sein sollen. Doch es ist nicht einfach, eine Brücke zu sein: Die anderen laufen immer über dich. Manche sagen, unsere Tragödie liege darin, dass wir auf der Brücke sind. Einer mag vielleicht sagen: „Es ist entschieden besser, ein Teil des Westens mit seinen Werten zu werden“. Wie haben Sie das gemeint? Was bedeutet es, eine Brücke zu sein?

Papst Franziskus: Es stimmt… Es ist offensichtlich, dass Ihr heute politisch zum Westen, zur Europäischen Gemeinschaft gehört, und Ihr habt viel getan, um in die Europäische Gemeinschaft einzutreten. Nach der Unabhängigkeit habt Ihr sofort alle Anforderungen erfüllt, die nicht einfach sind, und es ist Euch gelungen, in die Europäische Gemeinschaft einzutreten - das heißt eine Zugehörigkeit zum Westen. Ihr habt auch Beziehungen zur Nato: Ihr gehört zur Nato und das bedeutet Westen. Wenn Ihr nach Osten blickt, ist dort Eure Geschichte, eine harte Geschichte. Ein Teil der tragischen Geschichte kam auch aus dem Westen, von den Deutschen, von den Polen, aber vor allem vom Nationalsozialismus. Das kam aus dem Westen. Und was den Osten betrifft: vom russischen Reich.

Bücken zu bauen setzt Stärke voraus

Brücken zu bauen setzt Stärke voraus, erfordert Stärke. Nicht nur Stärke durch die Zugehörigkeit zum Westen – die Stärke verleiht – sondern auch Stärke durch Identität. Mir ist bewusst, dass sich die drei Baltischen Staaten immer in einer Situation der Gefahr befinden, immer. Die Angst vor der Invasion…. Denn die Geschichte selbst erinnert Euch daran. Und Sie haben recht, wenn Sie sagen, dass es nicht einfach ist, doch das ist eine Partie, die jeden Tag gespielt wird, ein Schritt nach dem anderen: durch Kultur, durch den Dialog…. doch es ist nicht einfach. Ich glaube, dass die Verpflichtung von uns allen darin besteht, Euch dabei zu helfen. Mehr noch als Euch zu helfen, Euch nahe zu sein, mit dem Herzen.

Greg Burke: Danke, Heiliger Vater. Die nächste Frage kommt von Gints Amolins, Latvijas Radio (Lettland).

Gints Amolins: Guten Tag, Heiliger Vater. In den Baltischen Staaten haben Sie häufig über die Bedeutung der Wurzeln und der Identität gesprochen. Aus Lettland und auch aus Litauen und Estland sind viele Menschen in wohlhabendere Länder gegangen und viele schlagen andernorts Wurzeln. Zudem gibt es - wie in Europa im allgemeinen – demographische Probleme durch die niedrige Geburtenrate. Was können und sollten unter diesen Umständen unsere Länder, die Führer unserer Länder und auch jeder persönlich also tun? Wie ist dieses Problem einzuschätzen?

Papst Franziskus: In meiner Heimat habe ich keine Menschen aus Estland und Lettland kennengelernt, während – relativ gesehen – die Einwanderung aus Litauen sehr groß ist. In Argentinien sind viele Litauer. Und sie bringen ihre Kultur und ihre Geschichte mit und sind stolz in dem doppelten Bemühen, sich in das neue Land zu integrieren und gleichzeitig ihre Identität zu bewahren. Bei ihren Festen finden sich die traditionellen Kleider, die traditionellen Lieder, und immer wenn sie können, kehren sie zu einem Besuch in ihre Heimat zurück… Ich denke, dass der Kampf, ihre Identität zu bewahren, sie sehr stark macht. Und das habt Ihr: Ihr habt eine starke Identität. Eine Identität, die sich im Leiden gebildet hat, in der Verteidigung und in der Arbeit, in der Kultur.

Die Rückkehr zu den Wurzeln ist wichtig

Und was kann man tun, um die Identität zu schützen? Die Rückkehr zu den Wurzeln, das ist wichtig. Identität ist etwas Altes, aber sie muss vermittelt werden. Identität ist Teil der Zugehörigkeit zu einem Volk, und die Zugehörigkeit zu einem Volk muss vermittelt werden. Die Wurzeln müssen den neuen Generationen vermittelt werden, über die Erziehung und über den Dialog, vor allem zwischen den alten und den jungen Menschen. Ihr müsst das tun, denn Eure Identität ist ein Schatz. Jede Identität ist ein Schatz, aber verstanden als Zugehörigkeit zu einem Volk. Das fällt mir dazu ein, ich weiß nicht, ob das Ihre Frage beantwortet…

Greg Burke: Danke, Heiliger Vater. Und jetzt Evelyn Kaldoja, Postimees (Estland).

Evelyn Kaldoja: Danke. In der heutigen Predigt haben Sie gesagt, dass es Menschen gibt, die schreien und mit Waffengewalt und Truppenaufgeboten - et cetera, et cetera - drohen. Angesichts dessen, wo wir uns befinden, waren auf demselben Platz Soldaten der Nato, die zur Sicherung nach Estland gesandt wurden. Viele haben an die Situation an den Ostgrenzen Europas gedacht. Sind Sie besorgt über die Spannungen in dieser Region und für die Katholiken, die an den Grenzen zu Europa wohnen?

Papst Franziskus: Die Bedrohung durch Waffen. Die internationalen Waffenausgaben heutzutage sind skandalös. Man hat mir gesagt, dass man mit dem, was in einem Monat für Waffen ausgegeben wird, alle Hunger leidenden Menschen auf der Welt für ein Jahr mit Nahrung versorgen könnte. Ich weiß nicht, ob das wahr ist. Es ist schrecklich. Die Waffenindustrie und der Waffenhandel - auch der Waffenschmuggel - gehören zu den schlimmsten Formen moralischer Korruption. Davor gibt es die Logik der Verteidigung. David war in der Lage, mit einer Schleuder und fünf Steinen zu siegen, doch heute gibt es keine Davids. Ich glaube, dass man zum Schutz eines Landes ein vernünftig handelndes und nicht aggressives Verteidigungsheer braucht.

Legitim und vernünftig, ein Heer zu haben, um die Grenzen zu schützen

Vernünftig handelnd und nicht aggressiv. So ist die Verteidigung legitim; und es ist auch eine Ehre, die Heimat so zu verteidigen. Das Problem ist, wenn sie aggressiv wird, nicht vernünftig, und Grenzkriege geführt werden. Für Grenzkriege haben wir zahlreiche Beispiele: nicht nur in Europa, Richtung Osten, sondern auch in anderen Kontinenten. Es wird um Macht gestritten, um ein Land zu kolonisieren. Das beantwortet meiner Meinung nach Ihre Frage. Angesichts einer Welt, die Hunger leidet, ist die heutige Waffenindustrie ein Skandal. Zweitens: es ist legitim und vernünftig, ein Heer zu haben, um die Grenzen zu schützen - denn das ist eine Ehre -, wie es legitim ist, einen Hausschlüssel zu haben. Zum Schutz.

Greg Burke: Danke, Heiliger Vater. Die nächste Frage kommt von der deutschen Gruppe: Stefanie Stahlhofen (KNA).

Stefanie Stahlhofen: Heiliger Vater, bei der ökumenischen Begegnung in Talinn haben Sie gesagt, dass die jungen Menschen angesichts der Missbrauchsskandale keine eindeutige Verurteilung seitens der katholischen Kirche sehen. In Deutschland ist gerade heute eine neue Untersuchung über den sexuellen Missbrauch und wie die Kirche viele Fälle behandelt hat erschienen.

Papst Franziskus: Darüber werde ich später sprechen. Erst werde ich die Fragen über die Reise beantworten. Danke. Das ist die Regel. Doch es wird die erste Frage nach denen über die Reise sein.

Greg Burke: Bleiben wir bei der Reise… Ein Journalist vom litauischen Fernsehen.

Edvardas Spokas: In allen drei Staaten haben Sie sich für die Öffnung ausgesprochen: Öffnung, was die Migranten betrifft, Öffnung, was die Mitmenschen betrifft. Doch in Litauen hat es zum Beispiel eine Diskussion darüber gegeben, dass Sie nach Ihrer Landung vor dem Flugzeug von einem Mädchen begrüßt wurden, das nicht gerade litauisch aussah. Sie war zum Teil italienisch, mit etwas dunklerer Haut… Meine Frage lautet: hören die Menschen in den Baltischen Staaten von Ihnen nur das, was sie hören wollen, oder hören sie auf das, was Sie ihnen zu sagen versuchen? Hören sie Ihre Botschaft über die Öffnung?

Papst Franziskus: Die Botschaft über die Öffnung für Migranten hat in Eurem Volk eine ziemlich gute Aufnahme gefunden. Es gibt keine starken populistischen Herde, nein. Auch die Esten und die Letten sind offene Völker, die die Migranten integrieren wollen, aber nicht auf massive Weise, weil das nicht geht, sondern mit der Besonnenheit der Regierung. Mit zweien der drei Staatsoberhäupter haben wir darüber gesprochen. Das Thema wurde von ihnen angesprochen, nicht von mir. Sie werden sehen, dass die Begriffe „Aufnahme“ und „Öffnung“ in den Ansprachen der Präsidenten häufig vorkommen. Das deutet auf einen Wunsch nach Weltoffenheit hin, in dem Maße, in dem das möglich ist und in dem Raum, Arbeit et cetera zur Verfügung gestellt werden können; in dem Maße, in dem sie integriert werden können und – das ist ganz wichtig – in dem Maß, in dem sie keine Bedrohung der eigenen Identität darstellen. Es sind drei Dinge, die ich über die Migration der Völker verstanden habe. Und das hat mich sehr berührt: besonnene und wohlüberlegte Öffnung. Ich weiß nicht, ob Sie etwas anderes denken.

Edvardas Spokas: Meine Frage bezog sich darauf, wie Ihre Botschaft rezipiert worden ist.

Papst Franziskus: Ich glaube, man hat sie verstanden. In dem Sinne, wie ich es gesagt habe. Denn heute ist das Problem der Migranten in aller Welt – und nicht nur die Migration in andere, sondern auch innerhalb der Kontinente – ein schweres Problem. Es ist nicht einfach, es zu untersuchen. In jedem Land, an jedem Ort hat es andere Merkmale.

Greg Burke: Danke, Heiliger Vater. Mit den Fragen über die Reise sind wir fertig.

Papst Franziskus: Gut. Ich möchte Euch etwas über einige Punkte der Reise sagen, die ich mit besonderer Eindringlichkeit erlebt habe.

Die Tatsache Eurer Geschichte, der Geschichte der Baltischen Staaten: eine Geschichte von Invasionen, Diktaturen, Verbrechen, Deportationen… Als ich das Museum in Vilnius besucht habe: „Museum“ ist ein Begriff, der an den Louvre denken lässt… Nein. Jenes Museum war ein Gefängnis, ein Gefängnis, in das die Gefangenen aus politischen oder religiösen Gründen gebracht wurden. Und ich habe Zellen von der Größe dieses Sitzes gesehen, in denen man nur stehen konnte, Folterzellen. Ich habe Orte der Folter gesehen, wohin man die Gefangenen nackt brachte – bei der Kälte, die in Litauen herrschen kann – und Wasser über sie schüttete. Und dort blieben sie Stunden über Stunden, um ihren Widerstand zu brechen. Und dann habe ich den Saal, die große Halle der Exekutionen betreten. Die Gefangene wurden mit Gewalt dorthin gebracht und mit einem Schlag in den Nacken getötet; dann wurden sie über ein Förderband nach draußen transportiert und auf einen Lastwagen geladen, der sie in den Wald warf. Es wurden mehr oder weniger vierzig Menschen am Tag getötet. Am Ende waren es etwa fünfzehntausend, die dort umgebracht worden sind. Das gehört zur Geschichte Litauens, aber auch der anderen Länder.

"Ich sage euch, dass es mit der Grausamkeit nicht vorbei ist"

Das, was ich gesehen habe, war in Litauen. Dann bin ich an den Ort des Großen Ghettos gegangen, wo tausende von Juden umgebracht worden sind. Am selben Nachmittag war ich am Denkmal zur Erinnerung an die Verurteilten, Ermordeten, Gefolterten, Deportierten. An jenem Tag – ich sage Euch die Wahrheit – war ich vollkommen erschüttert: es hat mich dazu gebracht, über die Grausamkeit nachzudenken. Doch ich sage Euch – auf Grundlage der Informationen, die wir heute haben -, dass es mit der Grausamkeit nicht vorbei ist. Dieselbe Grausamkeit ist heute in vielen Haftanstalten anzutreffen, in vielen Gefängnissen. Auch die Überbelegung eines Gefängnisses ist eine Methode der Folter, eine Weise, ohne Würde zu leben. Ein Gefängnis, heute, das nicht vorsieht, dem Inhaftierten eine Perspektive der Hoffnung zu geben, ist schon eine Folter. Dann haben wir im Fernsehen die Grausamkeiten der ISIS-Terroristen gesehen: jener jordanische Pilot, der bei lebendigem Leib verbrannt wurde, jene koptischen Christen, die auf einem Strand in Libyen enthauptet wurden und viele andere. Die Grausamkeit ist heute nicht vorbei. Es gibt sie auf der ganzen Welt. Und diese Botschaft möchte ich Euch als Journalisten geben: das ist ein Skandal, ein schwerer Skandal unserer Kultur und unserer Gesellschaft.

Etwas anderes, das ich in diesem drei Ländern gesehen habe, ist der Hass [des vorhergehenden Regimes] auf die Religion, welche es auch sei. Der Hass. Ich habe einen Jesuitenbischof gesehen – in Litauen oder Lettland, ich weiß es nicht mehr genau – der nach Sibirien deportiert worden war, zehn Jahre, dann in ein anderes Konzentrationslager… Jetzt ist er alt, lächelt…  Viele Männer und Frauen sind, weil sie ihren Glauben verteidigt haben, der ihre Identität war, nach Sibirien deportiert worden und nicht zurückgekehrt; oder sie sind ermordet worden. Der Glaube dieser drei Länder ist groß, es ist ein Glaube, der gerade aus dem Martyrium hervorgeht, und das ist etwas, das Ihr vielleicht gesehen habt, als Ihr mit den Menschen geredet habt, wie Ihr Journalisten das tut, um etwas über das Land zu erfahren.

Es herrscht eine wahre Ökumene

Diese so wichtige Glaubenserfahrung hat außerdem eine besondere Erscheinung in diesen Staaten hervorgebracht: ein ökumenisches Leben, das es in dieser Verbreitung in anderen Ländern nicht gibt. Es herrscht eine wahre Ökumene: Ökumene zwischen Lutheranern, Baptisten, Anglikanern und auch Orthodoxen. Wir haben das gestern bei der ökumenischen Begegnung in der Kathedrale in Riga in Lettland gesehen: etwas Großartiges: Geschwister, einander nahe, gemeinsam in einer einzigen Kirche…, einander nahe. Die Ökumene hat dort Wurzeln geschlagen.

Dann gibt es ein anderes Phänomen in diesen Staaten, das unbedingt untersucht werden muss und vielleicht könnt Ihr durch Euren Beruf viel Gutes tun, wenn Ihr dies untersucht: das Phänomen der Weitergabe der Kultur, der Identität und des Glaubens. Gewöhnlich fand die Weitergabe über die Großeltern statt. Warum? Weil die Eltern arbeiteten, der Vater und die Mutter mussten arbeiten und – sowohl im sowjetischen als auch im nationalsozialistischen Regime - in die Partei eingegliedert und auch zum Atheismus erzogen werden. Doch die Großeltern haben den Glauben und die Kultur zu vermitteln gewusst. In der Zeit, in der in Litauen die litauische Sprache verboten war – sie war aus den Schulen entfernt worden – nahmen sie, wenn sie zum Gottesdienst gingen - sei es der evangelische oder der katholische - die Gebetsbücher, um zu sehen, ob sie in litauischer oder in russischer oder deutscher Sprache waren. Und viele – eine Generation in jener Epoche – haben die Muttersprache von den Großeltern gelernt: es waren die Großeltern, die ihnen beibrachten, in der Muttersprache zu schreiben und zu lesen. Das macht uns nachdenklich, und ein Artikel oder eine Fernsehsendung über die Weitergabe der Kultur, der Sprache, der Kunst und des Glaubens in Zeiten der Diktatur und der Verfolgung wäre etwas Schönes. Man konnte nichts anderes denken, denn alle Kommunikationsmittel, von denen es in jener Zeit noch nicht viele gab – das Radio –, waren unter staatlicher Kontrolle. Wenn eine Regierung diktatorisch wird oder werden will, dann bringt sie als erstes die Kommunikationsmittel in ihre Hand.

Auf diese Dinge wollte ich hinweisen.

Jugendlichen sind über Scheinheiligkeit der Erwachsenen empört

Und jetzt zur heutigen Begegnung mit den Jugendlichen. Die Jugendlichen sind empört: Ich leite hier zu der ersten Frage über, die sich nicht auf das Thema der Reise bezog. Die Jugendlichen sind über die Scheinheiligkeit der Erwachsenen empört. Sie sind über Kriege empört, sie sind über Widersprüche empört, sie sind über Verdorbenheit empört. Unter die Verdorbenheit fällt das, worauf Sie hingewiesen haben: der sexuelle Missbrauch. Es stimmt, dass die Kirche angeklagt wird. Wir alle wissen das, wir kennen die Statistiken, ich werde hier nicht darauf eingehen. Doch auch wenn nur ein einziger Priester einen Jungen oder ein Mädchen missbraucht hätte, wäre das immer noch etwas Ungeheuerliches, weil jener Mann von Gott erwählt war, um das Kind zum Himmel zu führen. Ich verstehe, dass die jungen Menschen über diese so schwere moralische Verdorbenheit empört sind. Sie wissen, dass es das überall gibt, doch in der Kirche ist es umso empörender, weil sie die Kinder zu Gott führen und nicht sie zugrunde richten soll.

Die Jugendlichen versuchen, Erfahrungen zu sammeln. Die Begegnung mit den Jugendlichen heute war ganz klar: Sie wollen, dass man ihnen zuhört. Sie wollen, dass man ihnen zuhört. Sie wollen keine vorgefertigten Formulierungen. Sie wollen keine Begleitung, die Weisungen erteilt. Der zweite Teil dieser Frage, die als erste nicht die Reise betraf, bezog sich darauf, dass „die Kirche die Dinge hier nicht entsprechend handhabt, um sich von dieser moralischen Verdorbenheit zu reinigen“. Nehmen wir etwa den Bericht aus Pennsylvania. Wir sehen, dass es Ende der siebziger Jahre viele Priester gab, die moralisch verdorben waren. In jüngerer Zeit sind diese Zahlen dann zurückgegangen, weil die Kirche gemerkt hat, dass sie auf eine andere Weise kämpfen musste. Früher wurden diese Dinge vertuscht. Sie wurden auch zu Hause vertuscht, wenn der Onkel die Nichte vergewaltigte, wenn der Vater die Kinder vergewaltigte: es wurde vertuscht, weil es eine riesengroße Schande war. Dies war die Denkweise der vergangenen Jahrhunderte und des vergangenen Jahrhunderts.

"Habe nach Verurteilung nie Gnadengesuch unterschrieben"

Hier ist ein Prinzip, das mir sehr hilft, die Geschichte zu interpretieren: ein historisches Ereignis muss mit der Hermeneutik der Zeit interpretiert werden, in der sich dieses Ereignis zugetragen hat, nicht mit einer heutigen Hermeneutik. Der Indigenismus etwa. Es hat viele Ungerechtigkeiten, viel Gewalttätigkeit gegeben. Doch das kann nicht mit der heutigen Hermeneutik interpretiert werden, wenn wir ein anderes Bewusstsein haben. Ein letztes Beispiel: die Todesstrafe. Auch der Vatikan als Staat – als er Kirchenstaat war – hatte die Todesstrafe. Der letzte wurde um das Jahr 1870 enthauptet, ein Verbrecher, ein junger Mann. Doch dann wächst das moralische Bewusstsein, das moralische Bewusstsein wächst. Es ist wahr, das es immer Hintertürchen gibt, es gibt immer versteckte Todesurteile: du bist alt, du störst, ich gebe dir deine Medikamente nicht… und dann heißt es „er ist von uns gegangen“. Das ist ein – soziales – Todesurteil von heute. Doch ich glaube, dass ich damit eine Antwort gegeben habe. Die Kirche: ich nehme das Beispiel Pennsylvanias. Seht Euch den Umfang an und Ihr erkennt, wann die Kirche begonnen hat, sich dessen bewusst zu werden. Sie hat ihr Möglichstes getan. Und in der letzten Zeit habe ich viele, viele Verurteilungen erhalten, die die Glaubenskongregation ausgesprochen hat, und gesagt: „Weiter, weiter“. Ich habe nach einer Verurteilung nie, wirklich nie ein Gnadengesuch unterschrieben. Das ist nicht verhandelbar, es ist nicht verhandelbar.

Greg Burke: Antonio Pelayo, „Vida nueva”, Antena 3 (Spanien).

Antonio Pelayo: Heiliger Vater, vor drei Tagen wurde ein Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Regierung der Volksrepublik China unterzeichnet. Können Sie uns dazu, zum Inhalt, einige zusätzlichen Informationen geben? Denn einige chinesische Katholiken, vor allem Kardinal Zen, beschuldigen Sie, die Kirche nach so vielen Jahren des Leidens an die kommunistische Regierung Pekings verkauft zu haben.Was antworten Sie auf diese Anschuldigung?

Papst Franziskus: Es handelt sich um einen jahrelangen Prozess, einen Dialog zwischen der vatikanischen und der chinesischen Kommission, um die Ernennung der Bischöfe zu regeln. Das vatikanische Team hat viel geleistet. Ich möchte einige Namen nennen: Erzbischof Celli, der geduldig hingefahren ist, Dialoge geführt hat, zurückgekommen ist… über Jahre! Dann Pater Rota Graziosi, ein einfacher Kurienmitarbeiter von 72 Jahren, der als Priester in einer Pfarrgemeinde tätig sein wollte, doch in der Kurie geblieben ist, um bei diesem Prozess zu helfen. Und dann Kardinalstaatssekretär Parolin, der ein sehr gottesfürchtiger Mann ist, aber auch eine besondere Hingabe für die Lupe besitzt. Er studiert alle Dokumente auf Punkt und Komma und Akzente… Und das gibt mir sehr große Sicherheit. Und dieses Team mit diesen Eigenschaften ist vorangegangen.

Bei Friedensverhandlungen verlieren beide Seiten etwas

Ihr wisst, dass, wenn man eine Friedensvereinbarung schließt oder Verhandlungen führt, beide Seiten etwas verlieren. Das ist die Regel. Beide Seiten. Und man macht weiter. Dieser Prozess ist so verlaufen: zwei Schritte voran, einer zurück, zwei voran, einer zurück…. Dann sind Monate vergangen, ohne dass man miteinander geredet hätte, und dann…. Das sind die Zeiten Gottes, die der chinesischen Zeit ähnlich sind: langsam… Das ist Weisheit, die Weisheit der Chinesen. Die Situationen der Bischöfe, die in Schwierigkeiten waren, sind Fall für Fall untersucht worden, und am Ende sind die Dossiers auf meinem Schreibtisch angekommen. Ich war der Verantwortliche für die Unterschrift im Fall der Bischöfe.

Was das Abkommen betrifft, kamen die Entwürfe auf meinen Schreibtisch, es wurde geredet, ich habe meine Vorstellungen geäußert, die anderen diskutierten und machten weiter. Ich denke an den Widerstand, an die Katholiken, die gelitten haben: es ist wahr, sie werden leiden. Ein Abkommen ist immer mit Leiden verbunden. Doch sie haben einen großen Glauben und sie schreiben, sie lassen Botschaften ankommen, die erklären, dass das, was der Heilige Stuhl, was Petrus sagt, das ist, was Jesus sagt. Das heißt der „Märtyrerglaube“ dieser Menschen geht heute voran. Sie sind großartig. Un das Abkommen wurde von mir unterzeichnet, die Bevollmächtigungsschreiben, um jenes Abkommen zu unterzeichnen. Ich bin der Verantwortliche. Dia anderen, die ich erwähnt habe, haben länger als zehn Jahre gearbeitet. Das ist nichts Improvisiertes, es handelt sich um einen Weg, einen echten Weg.

"Bischöfe aus aller Welt haben geschrieben, sie beten für mich"

Noch eine einfache Anekdote und ein geschichtlicher Fakt, zwei Dinge, bevor wir Schluss machen. Als da jenes berühmte Kommuniqué eines ehemaligen Apostolischen Nuntius war, haben mir die Bischöfe aus aller Welt geschrieben und gesagt, sie stünden mir nahe und beteten für mich. Auch die chinesischen Gläubigen haben mir geschrieben, und dieses Schreiben trug die Unterschrift vom Bischof der – sagen wir einmal – traditionellen katholischen Kirche und vom Bischof der patriotischen Kirche: gemeinsam, alle beide, und die Gläubigen der beiden Kirchen. Für mich war das ein Zeichen Gottes. Und das zweite: wir vergessen, dass in Lateinamerika – Gott sei Dank ist das vorbei! - dreihundertfünfzig Jahre lang die Könige von Portugal und Spanien die Bischöfe ernannt haben. Der Papst übergab nur die Jurisdiktion. Wir vergessen den Fall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie: Maria Theresia war es leid, die Bischofsernennungen zu unterschreiben und überließ dem Vatikan die Jurisdiktion. Andere Zeiten, Dank sei Gott, mögen sie sich nicht wiederholen! Doch im aktuellen Fall geht es nicht um die Ernennung: es ist ein Dialog über die möglichen Kandidaten. Die Sache findet in einem Dialog statt. Doch die Ernennung kommt aus Rom, die Ernennung kommt vom Papst, das ist klar. Und wir beten für die Leiden einiger Menschen, die nicht verstehen oder viele Jahre des Untergrunds hinter sich haben.

Ich danke Euch sehr! Man sagt uns, das Abendessen sei fertig und der Flug dauert nicht lange. Vielen Dank! Vielen Dank für Eure Arbeit. Und betet für mich.

Greg Burke: Wir danken Ihnen, Heiliger Vater. Gesegnete Mahlzeit und angenehme Ruhe!

Übersetzt aus dem Italienischen von Claudia Reimüller

DT