ABC des katholischen Lebens

Den Ort der Läuterung nennen wir Fegefeuer

Das Fegefeuer ist wie ein Durchgang zum Himmel, der die Seelen erwartet, die nicht ohne Schuld und Sünde sind. Darum lohnt es sich, für die Toten zu beten.
Wir sollten das Fegefeuer dankbar annehmen
Foto: Pixabay | Wir sollten das Fegefeuer dankbar annehmen, in dem Wissen, dass wir auch nach dem Tod noch eine derartige Chance erhalten.

„Gäbe es das Fegefeuer nicht, müsste man es erfinden“, meinte der französische Jesuitenpater François Varillon. Diese Auffassung deckt sich nicht unbedingt mit dem kirchlichen Zeitgeist, der dasFegefeuer eher als eine höchst unangenehme und überholte Vorstellung empfindet, die möglichst rasch aus dem Repertoire der Verkündigung gestrichen werden sollte.

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Ein Ort der Möglichkeiten 

Einer der Gründe, warum das Fegefeuer einen so schweren Stand hat, besteht darin, dass sich ein entsprechendes Zeugnis in der Heiligen Schrift nicht findet, und sich diese Lehre daher auch erst recht spät entwickelt hat. Hinweise liefert das Neue Testament allerdings durchaus. So lehrt uns Jesus: „Wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt.“ (Matthäus 12,32) Das deutet darauf hin, dass auch noch in der zukünftigen Welt die Möglichkeit zur Sündenvergebung besteht. Dies kann aber weder in der Hölle geschehen, die allein ein Ort der Strafe ist, noch im Himmel, in den nur jene eintreten, die von Sünde befreit sind. Der Gedanke an einen dritten Ort, einen Ort der Läuterung, liegt also nahe.

Natürlich lässt sich auf einer solch vagen Aussage allein kein Lehrgebäude errichten. Vielmehr ist die Lehre vom Fegefeuer ein klassisches Beispiel für die nachträgliche Erläuterung einer bereits aktiven Kirchenpraxis. Das ist mitnichten eine Abwertung dieser Lehre, denn, wie Tucholsky sagen würde: „Das Volk versteht das meiste falsch, aber es fühlt das meiste richtig.“ Eben dieses richtige Gefühl für das Schicksal der Verstorbenen führte dazu, dass wir im zweiten Buch der Makkabäer lesen: „Er [Judas Makkabäus] veranstaltete eine Sammlung, an der sich alle beteiligten, und schickte etwa zweitausend Silberdrachmen nach Jerusalem, damit man dort ein Sünd-opfer darbringe. Damit handelte er sehr schön und edel; denn er dachte an die Auferstehung. Denn hätte er nicht erwartet, dass die Gefallenen auferstehen werden, wäre es überflüssig und sinnlos gewesen, für die Toten zu beten. Auch hielt er sich den herrlichen Lohn vor Augen, der für die hinterlegt ist, die in Frömmigkeit entschlafen.

Ein Ort der Reinigung

Ein heiliger und frommer Gedanke! Darum ließ er die Toten entsühnen, damit sie von der Sünde befreit werden.“ Bereits im ersten Jahrhundert haben Christen diese Praxis aufgenommen, wenngleich ohne theoretischen Überbau.

Aber was genau ist denn nun eigentlich das Fegefeuer? Werfen wir einen Blick in den Katechismus: „Wer in der Gnade und Freundschaft Gottes stirbt, aber noch nicht vollkommen geläutert ist, ist zwar seines ewigen Heils sicher, macht aber nach dem Tod eine Läuterung durch, um die Heiligkeit zu erlangen, die notwendig ist, in die Freude des Himmels eingehen zu können“ (1030). Das Fegefeuer ist also so etwas wie der Durchgang zum Himmel, vielleicht (cum grano salis) vergleichbar mit der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Bevor man in den Himmel aufsteigen kann, wird man noch ein letztes Mal auf Herz und Nieren geprüft, ob man nicht noch etwas bei sich trägt, dessen man entsagen muss, da es im Himmel nichts zu suchen hat.

Dieser Kontrollprozess kann langwierig und schmerzhaft sein, aber man darf ihn in der Gewissheit ertragen, dass er am Ende zum Ziel führt.
Wir sollten das Fegefeuer also nicht verwerfen, sondern dankbar sein, dass wir auch nach dem Tod noch eine derartige Chance erhalten. So gesehen hat François Varillon vielleicht Recht mit seiner anfänglichen Aussage. Nicht zufällig stammt sie aus seinem Buch „Freude am Glauben“.

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