Dresden

Wenn der Bischof eine Missionsstation verbaut

Mit der geplanten Schließung der St.-Benno-Buchhandlung droht nicht nur ein Buchladen, sondern ein Leuchtturm des katholischen Lebens in Dresden zu verschwinden.

Muss die Benno-Buchhandlung schließen?
Dresden: Die St.-Benno-Buchhandlung im Schatten von Hofkirche und Frauenkirche ist Teil der Identität vieler Katholiken. Foto: Arno Burgi (dpa-Zentralbild)

Entschuldigen Sie bitte, gibt es diese Kerze auch mit einem anderen Sternzeichen?“ – Dass sich nicht allen Besuchern der Dresdner Altstadt die Fisch-Symbolik einer Taufkerze erschließt, liegt nahe.

Im Bischofshaus zwischen Schloss und Hofkirche ist seit 1999 die fast letzte katholische Buchhandlung auf dem Gebiet der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik beheimatet, deren Mitarbeiter verständnisvoll nicht nur Bücher und Devotionalien verkaufen, sondern auch Glauben und Kirche erklären. „Häufig kommen Kunden, die erstmals zu einer Erstkommunion oder Firmung eingeladen sind und gar nicht so richtig wissen, was da eigentlich passiert“, erklärt Christiane Königsmann, die seit 2001 die Buchhandlung leitet. „Wir wollen die Menschen vorbereiten, ihnen erklären, was wir da eigentlich feiern und ihnen mehr mitgeben als nur ein Geschenk.“ Das Geschäft wirkt inmitten der Innenstadt wie eine kleine Missionsstation.

Dombuchhandlung ist Teil der Identität der Dresdner Katholiken

Die St.-Benno-Buchhandlung wurde 1925 kurz nach der Wiederbegründung des Bistums Meißen als „Dombuchhandlung“ in Bautzen gegründet und errichtete auf Drängen von Bischof Heinrich Wienken in den fünfziger Jahren eine Niederlassung in Dresden. „Der damalige Bischof Heinrich war überzeugt, dass in eine Großstadt wie Dresden eine katholische Buchhandlung gehöre“, berichtet Edmund Königsmann, der die Buchhandlung seit 1964 leitete, bevor er sie seiner Tochter übergab.

Damals war es nicht einfach, eine katholische Buchhandlung mitten in der DDR aufzubauen. Der Bischof aber „ordnete an“, dass seine Vorgängerin dies anzugehen habe – trotz aller Widrigkeiten und Verhinderungsversuchen der SED. Es gelang, dass die Buchhandlung das katholische Leben prägen konnte – auch im Untergrund. „Als Kind musste ich mal einen Messkelch über die tschechische Grenze schmuggeln, eingewickelt in Geschirrhandtücher“, berichtet Christiane Königsmann. Über die Benno-Buchhandlung war es gelungen, geheim geweihten Neupriestern liturgische Geräte zu beschaffen, die jedoch nicht einfach so über die Grenze gebracht werden durften. „Die Rucksäcke von Kindern wurden eben nicht kontrolliert“, verrät Vater Edmund mit einem verschmitzten Grinsen.

Innerhalb des Bistums Dresden-Meißen ist die Buchhandlung eine Institution: In einigen Pfarreien gibt es bis heute jährlich einen Büchertisch, um auch Katholiken in entlegeneren Regionen des Bistums den Zugang zu christlichen Büchern zu ermöglichen, Veranstaltungen wie die der Katholischen Akademie werden mit Büchertischen begleitet, und der Laden in der Dresdner Schloßstraße ist vielen Katholiken ein Stück Heimat. „Hier geht es nicht darum, dass wir Kunden wie am Fließband behandeln, sondern sie als Menschen ernst zu nehmen – viele kommen auch einfach mal so, weil sie ein Gespräch suchen“, so die Inhaberin. „Ebenso begegnen uns hin und wieder Menschen, die Glaube und Kirche nicht kennen, aber auf der Suche sind und die den Mut haben, bei uns einfach mal nachzufragen.“

Täglich erreichen uns Anfragen: Was können wir noch tun? Wie können wir die Schließung verhindern?

Auch Schicksalsschläge teilen Menschen mit den vier Mitarbeitern. „Das ist schon auch ein Stück Seelsorge, aber dafür sind wir eine katholische Buchhandlung.“ Auch die enge Verbindung zur Dompfarrei zeichnet das Geschäft aus. Wer Literatur und Ansichtskarten der Hofkirche sucht, findet sie nur hier – auch können die Mitarbeiter Auskunft geben: Wann wird Messe gefeiert? Wie finde ich denn den Dompfarrer?

Lernt man die Bedeutung der Benno-Buchhandlung für das katholische Leben der Diaspora kennen, versteht man die Reaktionen auf die Mitte Oktober bekannt gegebene Ankündigung der Schließung zum 9. Januar: „Ich bin völlig überwältigt. Mit so einer großen Anteilnahme habe ich nicht gerechnet. Täglich erreichen uns Anfragen: Was können wir noch tun? Wie können wir die Schließung verhindern? Viele haben Briefe an das Bistum und den Bischof geschrieben.“

Neben der ohnehin nicht leichten Situation von Buchhandlungen in Zeiten des Internethandels und von Corona hat auch das veränderte Miteinander mit dem Bistum als Vermieter zur Kündigungs-Entscheidung geführt. „Wir hatten viele Jahre eine richtig schöne Gemeinschaft im Bischofshaus, doch seit einiger Zeit leben wir im Status des ,Fremdmieters‘, wie der Hausverwalter uns nennt.“

Bereits seit Jahren gerät die Buchhandlung unter finanziellen Druck

So wurde erst der Tiefgaragen-Stellplatz gekündigt, der inmitten der Altstadt zum Be- und Entladen des Lieferfahrzeugs wichtig war.

Auch die Miete sollte bereits vor Jahren kräftig erhöht werden aufgrund der attraktiven Innenstadt-Lage. Durch den Hausumbau seit letztem Jahr fällt zusätzlich die eigene Toilette und der Lagerraum weg, der dringend gebraucht wird. Baufahrzeuge und Container stehen vor dem Eingang des Ladens. Seit dem Frühjahr funktioniert die Lüftung nicht mehr, so dass im Sommer wieder Temperaturen von 34 Grad Celsius im Geschäft erreicht wurden.

Auch über das Haus hinaus sei das Verhältnis inzwischen ein anderes als noch vor wenigen Jahren. Frau Königsmann habe sich um Gespräche mit dem Bistum bemüht, sei aber stets nur vertröstet worden. Eine an den Bischof gerichtete persönliche Einladung zum Besuch der Buchhandlung bleibt seit mehreren Jahren unbeantwortet. Das alles führte zur Entscheidung für die Kündigung. Über eine Pressemitteilung verkündete das Bistum danach, man habe der Buchhandlung nicht weiter entgegenkommen können.

Das Bistum will nicht helfen

„Für mich war nach einer langen Zeit der Unsicherheit und vieler Konflikte damit eine Entscheidung gefallen“, so Königsmann, „doch hatte ich mir nie vorstellen können, welche Wellen das schlagen würde. Die Anteilnahme zeigt mir, wie vielen Menschen die Buchhandlung wirklich am Herzen liegt, wie viele sich ein Ja zum Verbleib wünschen.“ Auch sie würde sich freuen, wenn der katholische Buchhandel in der sächsischen Landeshauptstadt erhalten bliebe.

Auf die Frage, was es dazu brauche, antwortet die gebürtige Dresdnerin: „Wenn vom Bistum ein eindeutiges Ja zu unserer St.-Benno-Buchhandlung käme, wenn man bereit wäre, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, Gespräche wieder möglich wären und wir zur Bistums-Familie wieder dazugehören, könnte ich mir inzwischen vorstellen, weiterzumachen. Doch dazu ist nicht mehr viel Zeit.“

Der Diözese wünschen viele Gläubige, dass sie 2021 ihr hundertjähriges Bistumsjubiläum nicht ohne die Buchhandlung feiern muss: Sie ist Teil ihrer Identität, vielen Katholiken ans Herz gewachsen, aber auch ein Leuchtturm christlichen Glaubens inmitten eines Landes, in dem viele Menschen Gott noch suchen.

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