„Im Osten ist nicht alles gleich“

Jedes Jahr werden im Bistum Dresden-Meißen durchschnittlich 70 Erwachsene getauft. Seit 2016 leitet Bischof Timmerevers die Diözese. Über die Seelsorge in der ostdeutschen Diaspora. Von Regina Einig
Künftiger Dresdner Bischof Timmerevers
Foto: dpa | Bischof Timmerevers sieht in seinem Bistum geistliches Potenzial.

Exzellenz, seit fast zwei Jahren wirken Sie in Dresden. Was hat Sie positiv überrascht in ihrer Diözese?

Sehr vieles ist positiv. Das Kostbarste, was ich hier entdeckt habe, ist, dass ich, vielen Menschen begegnet bin in den letzten Monaten, die in ihrer Lebens- und Glaubensbiografie die Erfahrung gemacht haben, dass sie um ihres Glaubens willen benachteiligt oder auch lächerlich gemacht wurden. Dennoch sind sie ihrem Glauben treu geblieben und haben auf eine Karriere verzichtet, weil sie katholisch waren und nicht zur Jugendweihe gegangen sind. Das war mir bisher fremd, das kannte ich so nicht. Kirche baut sich eben auch durch das Glaubenszeugnis von vielen Menschen auf, die um des Glaubens willen ihr Leben einsetzen bis hin zur Benachteiligung.

Wie wollen Sie die Neuevangelisierung in Ihrem Bistum konkret anpacken?

Die Neuevangelisierung hat schon längst angefangen. Gerade die Einrichtungen der Kirche – Caritas, Beratungsstellen, Schulen – das sind Lebensräume, wo Menschen das Evangelium erfahren können. Auch Menschen, die vielleicht bekenntnisfrei sind, können hier Gläubigen begegnen. Wo einfach Liebe gelebt und Zeugnis gegeben wird und Menschen sich für andere einsetzen wird das Evangelium spürbar. Das sind Orte der Evangelisierung – gerade unsere Schulen und die Ordensgemeinschaften, die sehr präsent sind.

Sie haben sich klar dafür ausgesprochen, den Zuschuss aus dem Westen für die Ostkirchen beizubehalten. Warum? Der Papst fordert sehr dezidiert eine arme Kirche.

Die ostdeutschen Bistümer haben sich einstellen müssen auf eine Struktur, die in den westdeutschen Bistümern entwickelt wurde. Wenn ich nur an den Datenschutz und die IT in den Ordinariaten denke: da werden die Ansprüche immer größer. Durch die Ermutigung aus den Westbistümern hat die Kirche es vor 25 Jahren gewagt, Schulen zu gründen, weil sie Orte der Evangelisierung sind. Die ostdeutschen Bistümer sind von der wirtschaftlichen Situation nicht vergleichbar mit den westdeutschen. Wichtig ist, dass wir Solidarität untereinander erleben. Auf das Wort des Papstes hin muss man fragen: Was ist jetzt mit armer Kirche gemeint? Der Bischof übernimmt mit jedem Angestellten auch eine Verantwortung für eine Familie. Ich glaube nicht, dass wir eine reiche Kirche sind. Ohne die Unterstützung des Westens können wir das auf Dauer nicht stemmen.

Sie selber gehören der Fokolarebewegung an. Was hat Sie daran angezogen?

Das hängt mit meiner eigenen Biografie zusammen. Mitten in der Studentenzeit stellte sich für mich die Frage: Was ist eigentlich die Grundberufung deines Lebens? Was trägt, was gibt deinem Leben eine Grundlage, auf der ich stehen kann? Da ist mir deutlich geworden: Bevor ich Priester werde, muss ich erstmal meine Taufberufung wirklich entdecken und als Christ für Gott und in der Gemeinschaft mit Christus leben. Ich habe mich auf die Suche nach Gleichgesinnten gemacht. Für mich war es auch eine Fügung, dass ich auf die Fokolargemeinschaft gestoßen bin und mich ihr angeschlossen habe. Die Gemeinschaftserfahrung dort hat mir auf meinem geistlichen Weg sehr geholfen.

Wie schätzen Sie die Neuen Geistlichen Bewegungen ein: Haben sie Zukunft? Oder werden sie – wie viele Ordensgemeinschaften – nach einer Zeit wieder vergehen?

Der Heilige Geist schenkt der Kirche immer wieder neue Charismen. Wir wissen natürlich aus der Geschichte der Kirche: Geistliche Aufbrüche haben verschiedene Phasen: Es gibt eine große Aufbruchsphase, eine Konsolidierungsphase, eine Verstetigung und eine Phase der Institutionalisierung. Diese Phasen machen geistliche Gemeinschaften in unterschiedlicher Qualität alle durch. Nach wie vor finden junge Menschen in unterschiedlichen geistlichen Gemeinschaften ihr geistiges Zuhause und lassen sich auch prägen.

Im Bistum Görlitz lassen sich Zisterzienser aus Heiligenkreuz nieder. Laden Sie neue Gemeinschaften und Orden in Ihre Diözese ein?

Wir haben bereits eine ganze Reihe geistlicher Gemeinschaften in unserem Bistum. Die Benediktiner sind in Erthal, die Missionarinnen der Nächstenliebe und die Niederborner Schwestern in Chemnitz, die Salesianer Don Boscos, die Gemeinschaft Colonia, den Neokatechumenalen Weg, die Dominikaner und die Kleinen Brüder vom Evangelium in Leipzig. Es sind über 30–40 geistliche Gemeinschaften, und ich würde nicht ausschließen, dass noch weitere kommen. Es gibt geistliche Gemeinschaften, die sagen, wir spüren einen ganz starken Drang, missionarisch zu wirken. Wenn jemand dann ein Feld sucht: Herzlich willkommen in unserem Bistum.

Andreas Knapp von den Kleinen Brüdern vom Evangelium schildert in einem Reisebericht seine Begegnungen mit Christen im Irak und in Leipzig. Welche Erfahrungen haben Sie mit christlichen Asylbewerbern in Ihrem Bistum gemacht?

Ich habe einmal christliche Flüchtlinge eingeladen. Es waren 40–50 da. Sie haben von ihrer Flucht und ihrer Heimat erzählt. Das fand ich sehr bewegend. Einer berichtete, dass er verfolgt wurde, wie er nach Europa kam und wie dankbar er dafür ist, hier in einem Kreis von Christen gelandet zu sein. In Sachsen haben wir im Vergleich zu anderen Ländern wenige Flüchtlinge – und darunter noch weniger Christen.

Gibt es in Ostdeutschland aufgrund der historischen Erfahrungen eine erhöhte Sensibilität für Einschränkungen der Religionsfreiheit? Der Berliner Pfarrer Martens (SELK) spricht dieses Thema immer wieder an.

Hier im Osten ist nicht alles gleich. Ich begegne hier in Dresden seltenst Personen, die dem Islam angehören. Das ist in Berlin anders, aber die Situation ist auf Städte wie Dresden nicht übertragbar.

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