Regensburg / Rom

Gelebter Glaube: Der Grund für die Verbundenheit der Geschwister Ratzinger

Der gelebte Glaube der Geschwister Ratzinger begründet die große Nähe auf über den Tod der Eltern hinaus. Der Buchautor und Historiker Michael Hesemann berichtet über den Grund für den Zusammenhalt der Geschwister Ratzinger.

Familie Ratzinger nach der Doppelprimiz der Brüder
Vater Joseph und Mutter Maria Ratzinger mit den Geschwistern Maria, Georg und Joseph (v.l.n.r.) nach der Doppelprimiz der Brüder. Foto: Erzbistum (Erzbistum_München_und_Freising)

Es sind Bilder, die zu Tränen rühren: Der vom Alter gebeugte, geradezu zerbrechlich wirkende Altpapst Benedikt XVI. (93) nimmt die Last seiner vielleicht letzten, großen Reise auf sich, steigt ins Flugzeug und wird, im Rollstuhl sitzend, von einem Krankentransporter der Malteser nach Regensburg gebracht, um dort seinem geliebten Bruder Georg (96) nahe zu sein. Noch einmal die Hand des Älteren halten, noch einmal gemeinsam beten und das heilige Messopfer feiern, bevor der eine dem anderen vorausgehen könnte in Gottes Herrlichkeit. „Seht, wie sie einander lieben!“, mit diesen Worten beschreibt der frühchristliche Apologet Tertullian die Reaktion der Heiden auf die ersten Christen, von denen der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte sagt, sie seien „ein Herz und eine Seele“ (Apg. 4,32). Kaum ein Schriftwort passt besser auf das, was uns diese beiden Brüder hier vorleben, ja was das Familiengeheimnis der Ratzingers ist: Unbedingte Liebe als Grundlage der „Hauskirche“ Familie, verankert im tiefen Glauben an Gott.

Eine Familie, die gemeinsam betet,
hält zusammen wie Pech und Schwefel
und geht auch gemeinsam durch dick und dünn.  

Der tiefe, gelebte Glaube 

Bevor ich Georg Ratzinger eine Woche lang für unser gemeinsames Buch „Mein Bruder, der Papst“ (2011) interviewte, hatte ich mich oft gefragt, wie es kommen konnte, dass aus einer einzigen, eher einfachen Familie – der Vater Landgendarm, die Mutter Köchin – gleich zwei Genies hervorgehen konnten: ein weltbekannter Chorleiter und Komponist und der größte Theologen unserer Zeit, der schließlich zum Nachfolger Petri gewählt wurde. Nicht zu vergessen das älteste Kind, die Tochter Maria Ratzinger (1921-1991), die eigentlich Lehrerin werden wollte, dann aber auf eine Sekretärinnenschule ging, weil sie nicht bereit war, im Sinne der Nazis zu unterrichten; sie wurde später zur rechten Hand und Lektorin ihres jüngsten Bruders Joseph. Die Antwort auf meine Frage war schnell gefunden: Es war der tiefe, gelebte katholische Glaube und die intensive Frömmigkeit dieser Familie, die ihre Kinder nicht nur geistlich und moralisch formte, sondern sie auch inspirierte, nach den Sternen zu greifen. Das begann mit dem täglichen gemeinsamen Rosenkranzgebet, kniend auf dem Küchenboden, und erreichte seinen Höhepunkt in der Feier des Sonntags und speziell der Kirchenfeste. Da geschah es, dass die Herrlichkeit des bayerischen Barocks und die Schönheit seiner Musik die Kreativität und den Kunstsinn der drei Kinder erweckte und das Geheimnis der Liturgie sie einlud, das unergründliche Wesen Gottes zu erforschen.

Erkennen, was schön, rein und wahr ist

Dieses im Geist, in den Sinnen und in der Seele verwurzelte Erkennen dessen, was schön, rein und wahr ist, wirkte wie eine Impfung gegen den antichristlichen Zeitgeist und machte sie immun für die verbrecherische Ideologie des Nationalsozialismus, die sich in ihren Jugendtagen aufmachte, die Welt dem Bösen zu unterwerfen. So war die Berufung bei beiden Söhnen die logische Folge, dieses „ad sum“ zu den Reihen Gottes ihr Akt des Widerstandes gegen die Mächte der Finsternis und ihre schwarzen und braunen Legionen. Unserer heutigen Zeit, zu deren brennendsten Problemen der Priestermangel gehört, weist das Beispiel der Ratzingers den Ausweg aus der Krise: Wir können sie überwinden, wenn wir den Glauben zurück in die Familien bringen. Das würde nicht nur für Berufungen sorgen, sondern brächte auch den Familien reichen Segen, ja wäre die Prävention schlechthin gegen Ehekrisen, Alterseinsamkeit und Spannungen jeder Art. „A family that prays together, stays together“, sagt man in Amerika und kaum jemand hat das so eindrucksvoll verifiziert wie die Ratzingers: Eine Familie, die gemeinsam betet, hält zusammen wie Pech und Schwefel und geht auch gemeinsam durch dick und dünn.  

Wahre Geschwisterliebe,
im Glauben geschmiedet,
hält bis in alle Ewigkeit.

Über den Tod der Eltern verbunden

So blieben die Ratzinger-Kinder ein Trio auch nach dem Tod der Eltern, bis das Dahinscheiden der älteren Schwester Maria, die sich buchstäblich für den Jüngsten aufgeopfert hatte, das prominente Brüderpaar zurückließ. Nur unwillig ging Joseph Ratzinger aus Regensburg wieder fort nach München, als Paul VI. ihn zum Erzbischof ernannte, noch unwilliger folgte er Johannes Pauls II. Ruf nach Rom. Sein Traum war es, seinen Lebensabend in Regensburg zu verbringen, in seinem herrlichen Bayernland und nahe beim geliebten Bruder. Doch der Herr hatte, wir wissen es alle, ganz andere Pläne mit ihm. Die Brüder weinten bitterlich, als das Konklave 2005 den Traum zerplatzen ließ, und blieben dennoch im Geiste vereint. Selbst in den arbeitsreichsten Phasen seines Pontifikats verging kaum ein Tag, an dem Papst Benedikt XVI. nicht abends noch nach dem Telefon griff und den geliebten Bruder anrief. Kaum war er Emeritus, folgten Jahr für Jahr jeweils vier Besuche Georg Ratzingers in Rom, der im Monastero Mater Ecclesiae, dem Alterssitz des Altpapstes, sein eigenes Zimmer hat. Dass das Reisen für den mittlerweile 96jährigen immer beschwerlicher wurde, änderte nie etwas daran; erst die Corona-Krise machte die heurigen Pläne zunichte. Ein Segen zumindest, dass die jüngste Begegnung in Regensburg wieder möglich war. Wer Papst Benedikt kennt, der weiß, dass mit seinem Bruder auch ein Teil von ihm selbst den Weg in die Ewigkeit antreten würde. Aber auch, dass ihn die Zuversicht trägt, eines Tages wieder mit den Eltern und Geschwistern im Haus des himmlischen Vaters vereint zu sein. Denn wahre Geschwisterliebe, im Glauben geschmiedet, hält bis in alle Ewigkeit.

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