Vatikanstadt

Kommentar um "5 vor 12": Diener zweier Päpste

Das öffentliche Interesse an der Beurlaubung Georg Gänsweins geht von einem falschen Denkmuster aus.

Erzbischof Georg Gänswein
Wurde von seinen Aufgaben als Präfekt des Päpstlichen Hauses auf unbestimmte Zeit entbunden: Erzbischof Georg Gänswein. Die Tagespost hatte gestern exklusiv darüber berichtet und damit international ein großes Medienecho ausgelöst. Foto: Rolf Vennenbernd (dpa)

Selten hat eine Personalie im Vatikan so viel Beachtung gefunden wie die Beurlaubung von Erzbischof Georg Gänswein als Präfekt des Päpstlichen Hauses. Sie war in den italienischen Fernsehnachrichten ebenso präsent wie in den Zeitungen, von Blogs und Onlinediensten ganz zu schweigen. Auch in anderen Regionen des Globus lief sie als Eilmeldung.

Wäre der Leiter eines anderen vatikanischen Amtes, das eher in der zweiten Reihe agiert, auf unbestimmte Zeit freigestellt worden, hätten das allenfalls besonders Interessierte zur Kenntnis genommen, die aus privater Leidenschaft jede Regung im kleinen Kirchenstaat verfolgen. Es hat offensichtlich etwas mit der Eigenschaft Gänsweins als „Diener zweier Päpste“ zu tun, wobei eine mediale Überbewertung der Koexistenz zweier Herren in Weiß im Vatikan, die vom Naturell her gar nicht unterschiedlicher sein könnten, die Phantasien zu beflügeln scheint. Der Film „The two popes“ ist ein zwar fiktives, aber durchaus ernst zu nehmendes Spiel mit diesem Sujet, das seit dem Rücktritt Benedikts die Köpfe beschäftigt.

Die Mär vom Zölibatsstreit

Schon die Art und Weise, wie das französische Verlagshaus Fayard das „Zölibats-Buch“ von Kardinal Robert Sarah herausgebracht hat, zehrte von dieser – verkaufsfördernden – Konstellation. Die Überbetonung der Autorenschaft des emeritierten Papstes, der einen von aktuellen innerkirchlichen Debatten völlig losgelösten  Beitrag zum katholischen Priestertum beigesteuert hatte, nährt den Verdacht, dass das Narrativ von den „zwei Päpsten“ ausgeschlachtet wird, um den Absatz eines Buchs zu befördern. Die jüngste Geschichte des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, die unter dem Titel „Teuflische Lügen“ einen „Zölibatsstreit“ zwischen zwei Päpsten konstruiert, bediente dieses Denkmuster beziehungsweise lebte von ihm. Dafür kann Georg Gänswein nun wirklich nichts. 

Ist man in Santa Marta nervös?

Dennoch muss man sich fragen, warum Papst Franziskus die unglückliche Präsentation des Sarah-Buchs nicht auf sich beruhen ließ und zur Tagesordnung überging. Was heißt: Veröffentlichung des mit Spannung erwarteten Schreibens zur Amazonas-Synode und Abschluss der sich wie ein Kaugummi dahinziehenden Kurienreform durch eine entsprechende Apostolische Konstitution. Könnte es sein, dass man in Santa Marta nervöser ist, als es nach außen durchscheint?

Es mag manche enttäuscht haben, das ausgerechnet Franziskus indirekt das oben beschriebene Narrativ von den zwei Päpsten bedient. Denn einen erkennbaren Sinn hat die Beurlaubung von Gänswein nicht. So wie die Dinge nun einmal stehen, ist die Freistellung des Präfekten des Päpstlichen Hauses eine Art Hausarrest im Klösterchen mit dem Recht, auch spazieren zu gehen. Die Anweisung von Franziskus wäre verständlich, wenn es dem emeritierten Papst plötzlich schlechter ginge, so dass er eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch seinen Privatsekretär braucht. Aber das ist – wie man hört – überhaupt nicht der Fall.

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