„Jesus nie Nein sagen“

Ein Blick auf Mutter Teresa: Warum Opfer, Ernst und Freude wesentliche Züge der Heiligkeit sind. Von Monsignore Leo Maasburg

Ein Leben für die Ärmsten der Armen: die heilige Mutter Teresa von Kalkutta. Foto: Maasburg

Heiligkeit ist nicht das Privileg einiger weniger, Heiligkeit ist die einfache Berufung für dich und für mich. Wir sind dazu geschaffen worden.“ Diese Antwort der heiligen Mutter Teresa von Kalkutta an einen Journalisten auf die Frage, ob sie eine Heilige sei, verrät der Kirche nichts Neues. Die katholische Lehre hat immer gewusst, dass jeder Christ nicht nur zum ewigen Heil erlöst, sondern zur Heiligkeit berufen ist (1 Petr 1,11). Mutter Teresa hat vielen Menschen aller Farben, Kulturen und Religionen ein Licht aufleuchten lassen, das das Dunkel vieler Unheiligkeiten durchbricht, die heute mit großer Lautstärke als das Image der Kirche festgeschrieben und mantrahaft wiederholt werden.

Ähnlich möchte Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Gaudete et exsultate“ (Freut euch und jubelt) „den Ruf zur Heiligkeit einmal mehr zum Klingen bringen. Denn der Herr hat jeden von uns erwählt, damit wir in der Liebe ,heilig und untadelig leben vor ihm‘“ (GE 2). Dann folgt der heute so notwendige Satz: „Die Heiligkeit ist das schönste Gesicht der Kirche.“ (GE 9)

Der Künstler Michael Fuchs hat ein recht naturgetreues Porträt der heiligen Mutter Teresa gemalt, das nach den Maßstäben moderner Schönheitsideale keine Titelseite der Illustrierten erklimmen würde, das aber eine bleibende Ruhe ausstrahlt, die den Betrachter nicht mehr loslässt. Das Porträt zeigt neben vielen kleinen Details drei Grundzüge. Beeindruckend sind die tiefen Furchen, die Jahre aufopfernden Lebens im Gesicht der Heiligen gezogen haben und die Zeugnis ablegen für ein Leben unter den Ärmsten der Armen – nicht nur unter den materiell Ärmsten, sondern unter der schrecklichen menschlichen Armut in all ihrem materiellen, sozialen und spirituellen Scheitern. Die Entschlossenheit und der Ernst sind ein weiteres Merkmal ihres Gesichts: Die strengen Lippen zeugen von einer Disziplin, die sich der „benevolent dictator“ (wohlwollende Diktator), wie Mutter Teresa von manchen genannt wurde, wohl in erster Linie selbst auferlegt hat. Über allem aber strahlen tief liegende Augen eine Heiterkeit, ja einen Schalk aus, der diese Heilige unglaublich attraktiv macht.

Das Porträt fängt wesentliche Züge der Heiligkeit und im übertragenen Sinn auch der Kirche ein. Opfer, Ernst und Freude sind Merkmale beider: der Kirche wie auch ihrer einzelnen Heiligen, aus denen sie sich zusammensetzt. Heiligkeit bindet die Heiligen an Christus, das Haupt seiner Kirche.

Praktisch und konkret weisen Mutter Teresa und Papst Franziskus den Weg. „Der erste Schritt, um ein Heiliger zu werden, ist es zu wollen“, sagt Mutter Teresa. „Der Ruf zur Heiligkeit, den der Herr an jeden und jede von uns richtet“ (so GE 10) zwingt uns nicht dazu, trägt uns aber die Heiligkeit auf: „Seid heilig, weil auch ich heilig bin“ (Lev 11,44; 1 Petr 1,16); er schenkt gleichzeitig das Wollen und das Vollbringen (Phil 2,13). Dieser Ruf ist so grundlegend für unsere Existenz, dass er Vorrang hat vor anderen menschlichen Zielen und Idealen. In ihrer ernsten und gleichzeitig humorvollen Art fasst Mutter Teresa diese komplexe Wirklichkeit in einem Merksatz zusammen: „Gott hat mich nicht berufen, Erfolg zu haben. Er hat mich berufen, treu zu sein.“

Wie ernst sie selbst ihre Treue zu diesem Ruf nahm, kommt in einem privaten Gelübde zum Ausdruck, das sie 1942 in die Hände ihres Beichtvaters ablegte. Ohne Vorbehalt wollte sie Jesus etwas schenken und legte sich unter schwerer Verpflichtung auf: „Ich will Jesus nie Nein sagen.“ Sie wollte weder aus Bequemlichkeit noch aus anderen Gründen etwas tun oder unterlassen, was sie mit Sicherheit als Wille Jesu erkannt hatte. Ich konnte selbst einmal Zeuge davon werden, wie sie, von Beratern zu einer Entscheidung gedrängt, sagte: „Wenn ich dies tue, ist das nicht der Wille Jesu, und ich habe Seinem Willen noch nie widersprochen. Ich werde doch jetzt auf meine alten Tage nicht noch damit beginnen!“

Der Schalk in ihren Augen, der Humor in schnellen Sätzen, die sie mit ihrer tiefen, sonoren Stimme manchmal fast unhörbar dem aufmerksamen Zuhörer mehr anzubieten als aufzudrängen schien, zeigt die Vielseitigkeit und Komplexität unseres Wollens und Handelns in einem einfachen Satz: „Nimm, was immer Er gibt, und gib Ihm, was immer Er dir nimmt – mit einem großen Lächeln.“

Auch wenn sich der Ruf zur Heiligkeit an jeden und jede richtet, ist er ein persönlicher, individueller Ruf, der auch das Eingehen auf diesen Ruf zu einem persönlichen Erlebnis macht. Mutter Teresa sagt: „Du musst an dem Platz heilig sein, an dem du stehst, und ich muss an meinem Platz heilig sein, an den Er mich gestellt hat.“

„So wirst du den Wunsch meines Herzens erfüllen“, hatte Jesus zu Mutter Teresa gesagt, nachdem Er ihr gezeigt hatte, dass sie dazu berufen war, „zu lieben, zu leiden und Seelen zu retten“. Jeder und jede in ihrer jeweiligen Stellung ist Träger eines solchen Herzenswunsches Jesu, der nur ihm gilt und den nur er erfüllen kann. Heiligkeit ist etwas ganz Individuelles, sie trägt die DNA jedes Einzelnen. „Noch ehe du im Schoße deiner Mutter geformt wurdest, habe ich dich schon geliebt“ (GE 13; Jer 1,5).

Gaudete et exsultate sowie die Heilige Mutter Teresa beschreiben tief das schönste Antlitz der Kirche, wobei ich den Eindruck habe, dass Papst Franziskus mit seinem Apostolischen Schreiben die Absicht hat, die Heiligkeit nach Jahrhunderten der „Erhebung zur Ehre der Altäre“ wieder auf die Füße des täglichen, konkreten, praktischen Lebens zu stellen, um so in ganz normalen Menschen wieder den Willen und die Hoffnung zu wecken, nach Heiligkeit zu streben. Kein „Privileg der Wenigen“ soll die Heiligkeit sein, sondern eine einfache Pflicht aller, wo immer sie im Leben stehen.

Ist Erschrecken vor Heiligkeit angesagt? Ja und Nein. Auch Mutter Teresa ist erschrocken: „Herr wähle dir eine andere aus“, war ihre erste Reaktion auf den Anruf Jesu. Und sie hatte auch einen guten Grund zur Hand: „Ich bin sündig und unfähig.“ – „Ich weiß, dass du sündig und unfähig bist“, war Jesu Antwort, „aber genau deshalb habe ich dich erwählt, damit du immer weißt: Es ist mein Werk und nicht deines.“ Papst Franziskus schreibt: „Ja, ich habe viele menschliche Schwächen, viele menschliche Armseligkeiten. […] Aber er erniedrigt sich und bedient sich unser – deiner und meiner –, damit wir seine Liebe und sein Mitleid in der Welt sind, trotz unserer Sünden, trotz unserer Armseligkeiten und unserer Fehler. Er hängt von uns ab, um die Welt zu lieben und ihr zu zeigen, wie sehr er sie liebt“ (GE 107).

Er will in uns wirken, nicht wir müssen ein hochklingendes Ideal bedienen und uns verausgaben, indem wir etwas nachahmen, was gar nicht für uns gedacht war (vgl. GE 11). Das Ideal Jesu ist einfach: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Hier sind alle „unbekannten und vergessenen Frauen (und Männer) erinnert, die, jede auf ihre eigene Art und Weise Familien und Gemeinschaften mit der Kraft ihres Zeugnisses getragen und verwandelt haben (GE 12). Bekannte und unbekannte Heilige wird der Herr eines Tages nicht fragen, wie viele große Taten sie vollbracht haben. Er wird sie fragen, wie viel Liebe sie in ihr Tun hineingelegt haben. In Mutter Teresas Worten: „Kleine Dinge mit großer Liebe tun.“

Der Autor war über viele Jahre Reisegefährte von Mutter Teresa.