Die noch ungeschriebene Kulturgeschichte

Katholische Schriftstellerinnen: Erste Forschungsergebnisse zu einer wissenschaftlichen Nischenthematik. Von Annalia Machuy

Der Anteil von Frauen an der Literatur- und Kulturgeschichte des modernen Katholizismus harrt also noch der Erforschung“, stellt Antonia Leugers, Katholizismusforscherin an der Universität Erfurt, fest. Ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes, interdisziplinäres Projekt über „Katholische Schriftstellerinnen als Produkte und Produzentinnen ,katholischer Weiblichkeit‘?“ möchte beginnen, etwas Licht in das wissenschaftliche Dunkel dieses Untersuchungsfeldes zu bringen. Auf der Basis erster Ergebnisse fand im Januar 2018 eine Projekttagung statt, auf der ein möglichst umfassender und unterschiedliche Perspektiven berücksichtigender Überblick über die Thematik erarbeitet werden sollte. Die Beiträge sind von Jörg Seiler, Professor für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, in einem Sammelband herausgegeben worden.

Das Anliegen des Projektes ist ein zweifaches, wie Leugers, die die Tagung konzipiert hat, formuliert: Es geht „nicht nur darum, Leben und Werk vergessener katholischer Schriftstellerinnen wieder sichtbar zu machen, sondern zugleich auch darum, spezifisch katholische Prägungen und Bedingungsfaktoren historischer Beharrungs- und Wandlungsprozesse von Geschlechterrollen im 20. Jahrhundert zu analysieren“. Untersucht wurden dabei Werke und Person von Schriftstellerinnen aus dem deutschsprachigen Raum, die zwischen 1908 und 1962 Romane, Erzählungen oder Novellen publiziert haben und im Laufe ihres Lebens Mitglieder der katholischen Kirche waren oder wurden. Die Textgattungen wurden aufgrund ihrer breiten Rezeption gewählt, der Zeitraum umfasst die „spannungsreiche antimodernistische Phase des Katholizismus vom katholischen Literaturstreit im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil“.

Um die literarischen Produkte der Schriftstellerinnen im Gesamtkontext ihrer Entstehung einordnen und ihre Bedeutung einschätzen zu können, ist dabei zunächst ein analytischer Blick auf die gesellschaftliche Stellung der Frau und das (katholische) Verständnis von Weiblichkeit im genannten Untersuchungszeitraum nötig. „Frauen waren im 20. Jahrhundert systembedingt ausgeschlossen von den entscheidenden Entwicklungsprozessen … Die weibliche Kulturgeschichte blieb auf diesem Feld weitgehend unsichtbar, eine weibliche Literaturgeschichte … fehlt noch immer“, schreibt Leugers. Gleichzeitig waren die Geschlechterrollen deutlich klarer definiert: „Die kirchlichen Normvorstellungen hinsichtlich der Frau gehörten zum katholischen Allgemeinwissen“ und wurden durch die religiöse Erziehung weitergegeben. Das Forschungsprojekt widmet sich vor allem der Frage, wie die Schriftstellerinnen zum einen in ihrem eigenen Leben mit diesem Idealbild katholischer Weiblichkeit umgegangen sind und wie sie zum anderen die fiktiven weiblichen Figuren ihrer Werke literarisch gestaltet haben.

Insgesamt, so Seiler, „geht das Projekt von einem programmatisch offenen Katholizismusbegriff aus“. Er beschreibt nicht nur die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche, sondern auch „die Resonanz, die das Katholischsein im öffentlichen Raum und im privaten Leben hat und bewirkt“. Die Erfassung einer Person als „katholisch“ wird damit sowohl auf religiöser als auch auf kulturell-sozialer Ebene bedeutsam. Wie die Auswahl der Autorinnen zeigt, bedeutet diese konfessionelle Klassifizierung jedoch keineswegs die lebenspraktische Konformität mit den Grundsätzen des katholischen Glaubens.

Dem zweiten wesentlichen Aspekt des Forschungsprojektes, dem Geschlecht, nähert sich Lucia Scherzberg, Professorin für Systematische Theologie an der Universität des Saarlandes, in ihrer Analyse von „Genderaspekten in der Katholizismusforschung“. Die Symbolisierung von Geschlechterrollen im christlichen Glauben, etwa die Weiblichkeit der Kirche als Braut eines männlichen Christus, zeigt eine hierarchische Ordnung, die in einer Gesellschaft mit zunehmend partnerschaftlichen Beziehungsvorstellungen jedoch nicht aufrechterhalten werden könne: „Dass der Mann seine Frau so lieben soll, wie Christus die Kirche liebt, wäre eine Aussage, die beibehalten werden kann, aber dass er über seine Frau herrscht, wie Christus über die Kirche herrscht, beziehungsweise die Frau ihm gehorsam sein soll, wie die Kirche Christus, ist nicht mehr plausibel.“ Die hier anklingende Kritik an der katholischen Vorstellung vom Verhältnis der Geschlechter setzt sich in Scherzbergs Anmerkungen zur stets in Anführungszeichen erwähnten „Natürlichkeit“ der Geschlechtsdifferenz fort.

Neben solchen grundlegenden Auseinandersetzungen mit „Literatur, Gender und Konfession“ enthält der Band auch Beiträge über ganz spezifische Aspekte der Thematik und einzelne Schriftstellerinnen. Enrica von Handel-Mazzettis Roman „Jesse und Maria“ (1904/1905) sowie „Die Jungfrau“ (1937) und „Caritas Pirckheimer“ (1940) von Gerta Krabbel werden genauer untersucht; ein weiteres Kapitel betrachtet die Einflüsse der Erziehung im Kloster auf das Werk von Annette Kolb, Mechtilde Lichnowsky und Marieluise Fleißer. Ergänzt werden diese literarischen und biografischen Analysen durch Beiträge über die Vertonungen von Texten ausgewählter Schriftstellerinnen, darunter Gertrud von le Fort, und die Frauendarstellungen auf Buchcovern katholischer Schriftstellerinnen.

Wie auch das Forschungsprojekt selbst versucht dieser Sammelband einer besonderen Thematik aus ihrem wissenschaftlichen Nischendasein zu verhelfen. Durch die Erfassung und das Zusammenführen einer Fülle an Daten zu den Schriftstellerinnen und ihren Werken in einer umfangreichen Datenbank, durch die Eröffnung unterschiedlicher Perspektiven auf die Thematik und schließlich durch die Darstellung erster Forschungsergebnisse ist dies bereits gelungen.

Den vor allem heute bisweilen unbequemen Lehren der katholischen Kirche, etwa in Bezug auf die natürliche Zweigeschlechtlichkeit des Menschen, auf die Unterschiedlichkeit und Ergänzung von Mann und Frau, scheint das Projekt- und Autorenteam jedoch ebenso wie bestimmten Frömmigkeitsformen, etwa der Herz-Jesu-Verehrung, kritisch und teilweise belächelnd gegenüberzustehen.

Jörg Seiler (Hg.): Literatur-Gender-Konfession. Katholische Schriftstellerinnen. Band 1 Forschungsperspektiven. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 216 Seiten, ISBN 978-3-7917-

3003-5, EUR 29,95