Die Papstmessen: Wie sie ihren Anfang nahmen

In Rom erinnern die Stationsgottesdienste daran, wie die heutigen Eucharistiefeiern entstanden sind. Von Ulrich Nersinger
Papstmessen - Bild von Giovanni di Paolo
Foto: IN | „Prozession des heiligen Gregors“, des großen Papstes von 590 bis 604. Im Hintergrund die Engelsburg. Giovanni di Paolo, 1465–1470.

Wer sich während der Fastenzeit oder der Osteroktav in der Ewigen Stadt aufhält, hat die Gelegenheit, einen liturgischen Brauch kennenzulernen, der seinen Ursprung auf die ersten christlichen Jahrhunderte zurückführen darf: die „missa stationalis“, den römischen Stationsgottesdienst. Aus dieser Liturgie hat sich die festliche Liturgiefeier mit dem Papst und dem Bischof herausgebildet.

In der Frühzeit des Christentums versammelten sich die Gläubigen der Ewigen Stadt mit ihrem Bischof in einem bestimmten Gotteshaus zum Gebet und zogen dann in Prozession zu einem weiteren Gotteshaus – dort feierten sie die Eucharistie. Diese Art Zusammenkünfte hieß „statio“ und die Kirchen, in denen sie stattfanden, „Stationskirchen“. Die Stationsfeiern galten als sichtbarer Ausdruck der Einheit der ganzen römischen Gemeinde mit ihrem Bischof. Sie waren nötig geworden, da durch die wachsende Zahl der kirchlichen Gebäude und der gottesdienstlichen Versammlungen eine gewisse Teilung der Gemeinde in lokale Gruppen, den Pfarreien, eingetreten war.

Das Wort „statio“ stammt vermutlich aus der römischen Soldatensprache und bedeutet soviel wie Wache oder Wachtposten. Wie der Wachtdienst im Heer an einen festen Ort gebunden war und gewissenhafte Pflichterfüllung erforderte, so wurden die Stationsgottesdienste als eine Art Wachtdienst der Kirche empfunden. Denkbar wäre jedoch auch, dass „statio“ nicht von „stare – stehen“ kommt, sondern von „statuere – festsetzen“. Denn von Anfang an fanden die Stationen an bestimmten Tagen – „statutis diebus“ – statt; die Tage waren von vornherein festgesetzt, ebenso wie die Orte. Wie eng die Bindung der Päpste zu den Stationsgottesdiensten war, besonders dann, wenn sie nicht an ihnen teilnehmen konnten, belegen Aufzeichnungen aus dem Mittelalter: Nach der Feier des Stationsgottesdienstes, bei dem der Papst nicht anwesend war, tauchte ein Kleriker einen Bausch Baumwolle („papyrus“) in das Öl der Lampe, die vor dem Altar brannte. Dann überbrachte er dem im Lateran weilenden Papst den Papyrus mit den Worten: „Heute war die Station des heiligen N., der Dich grüßt“. Der Papst antwortete mit einem „Dank sei Gott“, segnete den Papyrus, küsste ihn zu Ehren des Heiligen, dem die Kirche geweiht war, und reichte ihn an einen seiner Kämmerer weiter. Alle so überbrachten Papyri wurden bis zum Tode des Heiligen Vaters sorgfältig aufbewahrt und dann dem verstorbenen Papst in einem Kissen unter das Haupt gelegt.

Schon im neunten Jahrhundert konnte man nicht mehr von einer ständigen Teilnahme der Päpste an den Stationsgottesdiensten sprechen. Die Gründe dafür waren verschiedener Natur – so war die Stadt durch die Kämpfe der römischen Adelsparteien zu einem unsicheren Ort geworden; aber auch die wachsende Übernahme von Verpflichtungen politischer und höfischer Art waren hierfür ausschlaggebend. Als die Päpste im vierzehnten Jahrhundert ihren Sitz in das französische Avignon verlegten, war der Niedergang der Stationsgottesdienste nicht mehr aufzuhalten.

Nach ihrer Rückkehr in die Ewige Stadt versuchten zwar einzelne Päpste, den Stationsgottesdiensten wieder ihre Bedeutung zurückzugeben; es gelang ihnen aber zumeist nur für ihr eigenes Pontifikat. In der Neuzeit setzte dann Papst Johannes XXIII. (1958–1963) ein Zeichen. Am Aschermittwoch des Jahres 1959 begab sich der Heilige Vater überraschend auf den Aventinhügel, um dort den Stationsgottesdienst in Santa Sabina zu feiern. Seitdem haben die Päpste, wenn sie nicht durch Krankheit oder Gebrechlichkeit daran gehindert waren, diesen Brauch beibehalten. Für die Ewige Stadt belebten die Päpste die Feier der Stationsgottesdienste, jedoch beschränkt auf die Fastenzeit und Osteroktav und – mit Ausnahme des Aschermittwochs – ohne ihren persönlichen Vorsitz.

Die Teilnahme des Papstes an der Aschermittwochsliturgie auf dem Aventin bewirkte jedoch eine Rückbesinnung auf die frühchristliche „missa stationalis“. Vielen Liturgiewissenschaftlern wurde sie zu einem Ansatzpunkt für die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965). Der alte römische Stationsgottesdienst fand schließlich im „Caeremoniale Episcoporum“ von 1985 seine Würdigung. Das bischöfliche Zeremonienbuch spricht in seinem ersten Kapitel „von der Stationsmesse des Diözesanbischofs“ und verwendet für die Feier eines Pontifikalamtes ausschließlich den Ausdruck „missa stationalis“.

Papst Benedikt XVI. erinnerte bei einem Fronleichnamsfest in der Ewigen Stadt an die Tradition der römischen Stationsgottesdienste: „Stellen wir uns für einen Augenblick vor, dass es in ganz Rom nur einen Altar gebe und dass alle Christen der Stadt eingeladen seien, sich an ihm zu versammeln, um den gestorbenen und auferstandenen Heiland zu feiern.

Das gibt uns eine Vorstellung davon, was in den Anfangszeiten in Rom und in anderen Städten, wohin die Botschaft des Evangeliums gelangte, die Eucharistiefeier gewesen ist: In jeder Ortskirche gab es nur einen Bischof, und um ihn, um die von ihm gefeierte Eucharistie, schloss sich die Gemeinde zusammen, eine einzige Gemeinde, weil es ein gesegneter Kelch und ein gebrochenes Brot war.“

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