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Religion und Oper im Wettstreit

„Religion der Liebe“: In drei Fallstudien eine Annäherung an die Oper aus theologisch-musikästhetischer Sicht. Von Werner Häußner

Die Kunstform Oper transzendiert das Leben. Weil von ihrer Anlage her multimedial und alle Künste integrierend, stehen ihr vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten offen. Weil eine Oper kein abgeschlossenes Werk ist, sondern notwendig in einer Aufführung, einer Inszenierung aktualisiert werden muss, trägt sie die Perspektive des Akteurs wie des Zuschauers in sich. Von daher verwundert es, dass Veröffentlichungen zum Thema Religion und Oper nicht eben häufig sind. Denn die Oper eröffnet, weil sie den Horizont der Existenz multiperspektivisch aufbrechen kann, neue und überraschende Erfahrungen mit Mensch, Welt und eben auch Gott. Dafür muss Religiöses nicht explizit vorkommen – ob in einem Begriff des Numinosen, im Gebet und Ritual, oder in einer irgendwie gearteten transzendentalen Metapher. Wo Religion welthaltig ist, wird auch die Welt als religionshaltig begriffen werden können.

Dietrich Korsch will Theologie und Oper miteinander ins Gespräch zu bringen. Für drei „Fallstudien“ zu Claudio Monteverdi, Wolfgang Amadeus Mozart und Richard Wagner wurden zwar die üblichen Verdächtigen ausgewählt, deren theologisch-philosophische Beleuchtung eine gewisse Tradition hat – „kritische“ Fälle wie der antiklerikale Giuseppe Verdi, der scheinbar so säkular-vergnügliche Gioachino Rossini oder ein ambivalenter Moderner wie Franz Schreker wären vielleicht einmal faszinierender, freilich auch sperriger gewesen. Aber zu den behandelten Werken finden Korsch und seine Co-Autoren Stefan Berg, Thomas Henneberger, Joachim Herten und Eva-Maria Houben jeweils originelle Zugänge, die durchaus Anlass zu auch kontroversen Diskussionen geben könnten.

Dietrich Korsch war von 1998 bis 2014 Professor für Systematische Theologie und Geschichte der Theologie an der Philipps-Universität Marburg und gehört – etwa mit einer „Einführung in die evangelische Dogmatik“ oder dem Gesprächsband „Dogmatik im Diskurs“ – zu den führenden Systematikern in der evangelischen Welt. Die acht Beiträge des 260-seitigen Buches sind aus einem Arbeitskreis an der Evangelischen Akademie Hofgeismar zu Fragen einer theologischen Musikästhetik entstanden. Nur eine Autorin, Eva-Maria Houben, Professorin an der TU Dortmund am Institut für Musik und Musikwissenschaft, ist als Komponistin, Organistin, Pianistin und Musikwissenschaftlerin in Theorie und Praxis der Musik professionell zu Hause. Stefan Berg hat über das Verhältnis von Musik und Religion promoviert. Bei den anderen Autoren finden sich lediglich Informationen, die auf ein „lebenslanges Interesse“ (Herten) für Musik schließen lassen.

Oper verzaubert, „als käme eine andere Welt in unseren Alltag“. Darin sieht Korsch eine Parallele zur (christlichen) Religion: Kirchenräume, Liturgie, das Leben verwandelnde Teilnahme, Erhebung über den Alltag. Die Analogien seien nicht zufällig, denn beider Thema sei die Liebe mit ihrem Gelingen, ihren Spannungen oder ihrem Scheitern. Oper und Religion sind thematisch verwandt und stehen in der europäischen Neuzeit im Wettstreit miteinander – so Korsch's These. Als Beleg der Analogie führt er die Opernhäuser an – seit Wagners Bayreuther Festspielhaus mit einer Tendenz zur Kultstätte, die sich in den neuesten Bauten „ins Extrem steigert“. In der Genese und Systematik von Kunst ist ein wichtiger Schritt für die Oper, als „die in der Religion aufgehobene Symbolik der Präsenz des Transzendenten aus der engen religiösen Verfügung heraustritt“ und so ermöglicht, in der Kunst als Kunst das Religiöse wahrzunehmen“. Im Kontext der daraus entstehenden Konkurrenz von Religion und Kunst ereignet sich die Geburt der Oper.

Die Beiträge des Bandes entfalten das wechselnde Verhältnis von Religion und Oper am Beispiel von Schlüsselwerken Monteverdis, Mozarts und Wagners: Die symbolische Überwindung des Todes mit den Mitteln der Kunst in Monteverdis „L'Orfeo“ ist das erste Thema. Korsch sieht in der Musik die Macht, die Himmel, Erde und Hölle durchwirkt. Aber man wird fragen dürfen, ob sie trotz ihrer Unendlichkeit wirklich „keiner transzendenten Absicherung“ mehr bedarf, oder ob sie nicht vielmehr als transzendierende Kraft eine Metapher des Göttlichen selbst ist.

Einem grundsätzlichen Missverständnis scheint Korsch in seinem Beitrag zu Mozarts „Don Giovanni“ aufgesessen zu sein: Er geht nämlich davon aus, dass Don Giovanni die „paradigmatische Gestalt der Liebe“ auf verschiedene Weise akzentuiert. Aber ist es wirklich die „gefährliche Möglichkeit der unbedingten Liebe“, um die es in Mozarts wohl tiefgründigster Oper geht? Das unbedingte, auf das eigene Ich bezogene, von allen Bedingungen befreite Begehren, das Don Giovanni repräsentiert, mit „Liebe“ zu benennen, dürfte wohl allzu gewagt sein: Don Giovannis „Liebe“ kennt weder Beziehung noch Verantwortung noch Geschichte; sie ereignet sich ohne Vergangenheit und Zukunft in der reinen Gegenwart des sinnlichen Augenblicks, aus dem sich für die Betroffenen viel, für Don Giovanni nichts ergibt.

Don Giovanni scheitert nicht an seinem gesellschaftlich zerstörerischen Treiben, sondern weil er die Transzendenz herausfordert. So gewinnt diese außerhalb jeder moralischen Diskussion stehende „Inkarnation“ der Sinnlichkeit, wie Sören Kierkegaard Don Giovanni nannte, einen prinzipiellen Charakter, der ihn über das handelnde Subjekt hinaus zu einer Metapher erhebt. Die inneren Widersprüche der „Liebe“ Don Giovannis hat Korsch treffend analysiert: Er fragt nach der Ambivalenz der quasi absoluten treibenden Kraft, die alle Grenzen hinter sich lässt.

Auch die anderen Beiträge des Bandes zu Mozarts „Cosí fan tutte“, zu Richard Wagners „Tristan und Isolde“ und zum „Parsifal“ führen und verführen dazu, einen neuen Blick auf die Opern zu werfen und sich auf die Verhältnisbestimmung von Religion und Liebe einzulassen. Die Publikation ist ein inhaltsreicher Anstoß, sich der nach wie vor faszinierenden Kunstform Oper mit geschärftem Blick zu nähern.

Dietrich Korsch (Hrsg.): Religion der Liebe. Drei Fallstudien zur Oper in theologisch-musikästhetischer Betrachtung. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2018, 264 Seiten, EUR 25,-

Themen & Autoren
Claudio Monteverdi Evangelische Kirche Giuseppe Verdi Philipps-Universität Marburg Religionswissenschaft Richard Wagner Wolfgang Amadeus Mozart

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