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Nicht weiter so!

Wie die katholische Soziallehre in einer „Gesellschaft 4.0“ Menschlichkeit vertreten kann. Von Benedikt Winkler

Die Soziallehre ist so etwas wie die „katholische DNA“ der Kirche. Sie bildet gleichsam ihren „genetischen Code“. Die Wurzeln der „sozialen Frage“ liegen dabei nicht ausschließlich im 19. Jahrhundert. Die Sozialverkündigung der Kirche ist wesentlich älter und reicht bis in das Alte Testament zurück. Zu allen Zeiten epochaler Umbrüche fragten sich Persönlichkeiten wie Martin von Tours, Bernhardin von Siena, Adolph Kolping, Bischof Emmanuel von Ketteler oder Papst Leo XIII., wie Menschen in gelingender Weise miteinander umgehen können.

Heinrich Wullhorst, ehemaliger Pressesprecher des Kolpingwerkes Deutschland, befasst sich in seinem lesenswerten Buch „Soziallehre 4.0“ mit der „sozialen Frage“ der Kirche und den Prinzipien der katholischen Soziallehre wie Personalität, Subsidiarität, Solidarität, Nachhaltigkeit und Gemeinwohl, um sie dann in einem nächsten Schritt mit diversen Interviewpartnern aus dem katholischen Milieu auf die Gegenwart und die Zukunft hin zu deuten.

Die digitale Transformation der Gegenwart und ihre gesellschaftspolitischen Folgen sind zweifellos ein Epochenwandel, vergleichbar mit dem der Industriellen Revolution. Wenn mittlerweile vier Milliarden Menschen weltweit das Internet nutzen, muss die Kirche ihre „soziale Frage“ neu stellen: Wie können wir in einer digitaler werdenden Zukunft menschlich bleiben? Wie verändern Big Data, künstliche Intelligenz, Industrie 4.0 und das Internet der Dinge unsere Arbeitswelt und unsere menschlichen Beziehungen? Wo bleibt der Mensch in einer immer digitaler, globaler und schneller werdenden Welt?

Nahezu frei von zwei sehr deutschen Eigenschaften, „dem Fortschrittspessimismus auf der einen und dem Regulierungswahn auf der anderen Seite“ – wie ein Fragesteller auf der Suche nach Antworten auf die Zeichen der Zeit, spricht Wullhorst mit Propheten, Professoren, Politikern, Digitalisierungs- und Finanzexperten. Er stellt ihnen Fragen wie: Welche Chancen liegen in der digitalen Transformation? Welchen Stellenwert hat die katholische Soziallehre heute für die Politik, die Wirtschaft, die Finanzwelt, die Universitäten und die Schulen? Wie finden die Prinzipien der katholischen Soziallehre in anderen Ländern sowie im Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen ihre Anwendung? So kommen Persönlichkeiten des öffentlichen, politischen und kirchlichen Lebens wie Thomas Sternberg, Klemens Skibicki, Oskar Lafontaine, Ulrich Hemel, Marie-Luise Dött, Katharina Norpoth, Markus Demele und Andreas Finke zu Wort.

Welche Werte braucht die digitale Gesellschaft?

In den letzten Kapiteln wagt Wullhorst eine kritische Prognose auf die nächsten Generationen und entwickelt Visionen, welche Werte uns vor einer Dystopie wie im Film „Planet der Affen“ bewahren. Anstatt ein „nettes Kapitel“ über die Bewahrung der Schöpfung zu schreiben, legt Wullhorst zunächst den Finger in die Wunde der Klonmedizin, indem er den chinesischen Forscher Pu Mu Ming zitiert: „Wenn wir Affen klonen können, können wir auch Menschen klonen.“ Wullhorst fragt sich, wo genau die Grenze zwischen Ethik, Ruhm und Gier ist und wo und wann die Wissenschaft bereit ist, sie zu überschreiten? Die Politik sei hier gefragt, die Stimme zu erheben, die Auseinandersetzung nicht zu scheuen, kritikfähig zu sein und sich in den Dienst am Gemeinwohl zu stellen, anstatt rechtspopulistisch Lärm zu machen. Mehr denn je seien heute unabhängiges Denken, Teamwork, Mitgefühl und Werte gefragt. Kinder sollten etwas Einzigartiges lernen, etwas, bei dem Maschinen sie nie werden einholen können. „Wir werden unseren Kindern nicht beibringen können, mit Maschinen zu konkurrieren“, zitiert Wullhorst den chinesischen Konzernchef des IT-Konzerns „Alibaba“, Jack Ma. Dieser prognostiziert, dass bis 2030 weltweit etwa 800 Millionen Jobs von Robotern übernommen werden. Wullhorst fordert, dass sich das Schulsystem so auf die digitale Transformation einstellen muss, „dass am Ende niemand abgehängt wird und dass vor allem sozial schwächere Schüler (...) den gleichen Informationsstand erreichen wie andere Schüler“.

Fazit des Buches ist, dass es ein „Weiter so“ nicht geben darf. Die Gesellschaft 4.0 müsse gleichsam auf „Reset drücken“, das traditionelle Denken und Handeln verändern und das Wertegerüst der katholischen Soziallehre neu ausrichten, damit der Mensch menschlich bleibt.

Heinrich Wullhorst: Soziallehre 4.0: Wie wir in Zeiten der Digitalisierung menschlich bleiben können. Bonifatius Verlag 2018, 163 Seiten, ISBN 978-3-89710-770-0, EUR 14,90

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