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Kenah Cusanits neuer Roman „Babel“

Kenah Cusanit geht in ihrem Roman „Babel“ an die Fundamente der Zivilisation.
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Foto: dpa | Ruinen des antiken Babylon.

Koldewey wusste es nicht. Koldewey wusste nicht, ob der Turm in den Himmel gereicht hatte. Er wusste nur, dass er hatte in den Himmel reichen sollen und damit einer Idee ausgerechnet durch Höhe zu Standfestigkeit verhelfen.“

Es ist das Jahr 1913. Der Architekt und Archäologe Robert Koldewey (1855–1925) arbeitet im Auftrag der Deutschen Orientgesellschaft in der Nähe Bagdads an der Ausgrabung Babylons. Die Altorientalistin und Ethnologin Kenah Cusanit nimmt in ihrem Debüt „Babel“ den Leser mit zu Koldewey an den Euphrat und dokumentiert nicht nur die archäologischen Entdeckungen, sondern analysiert vielmehr noch die gesellschaftliche Psyche zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Ein Roman, der sich weniger durch spannungsaktive Handlungen oder fesselnde Emotionalität auszeichnet, als durch ein kunstvolles Spiel von Sprache und perspektivischer Wahrnehmung. Cusanit lässt den Leser Koldeweys Welt aus dessen Augen sehen: den lehmgelben Fluss, den er krankheitsbedingt zu beobachten gezwungen ist, die bisherigen Grabungserfolge und jahrtausendealten Zeugnisse einer faszinierenden Kultur, seine Mitarbeiter, allen voran Buddensieg und Andrae, die ihn bisweilen an die Grenzen seiner sarkastisch-selbstbewussten Geduld bringen. Auch die politischen Entwicklungen – im Osmanischen Reich zeichnet sich der Krieg schon ab – und kulturelle Beobachtungen gehören zu Koldeweys Gedankenwelt, die den Großteil des Romans beansprucht. Wie nebenher gibt Cusanit dem heutigen Leser damit eine literarische Museumsführung durch Deutschland, vor allem Berlin, den vorderen Orient und die Wissenschaft der Archäologie kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Eine Abfolge von äußeren Ereignissen lässt sich hingegen nur schwer erkennen, die Erzählung um Koldeweys Handlungen fließt wie der lehmige Euphrat etwas zäh und träge.

Mit dem Turm von Babel berührt der Roman im Wesentlichen auch eine religiöse Thematik. Der eher einzelgängerische, eigenwillige, in seinen medizinischen Selbstversuchen bisweilen etwas verrückte Koldewey positioniert sich aufgeklärt-überlegen gegenüber dem Glauben. Als Grabungsleiter hat er alle Bibeln – bis auf seine eigene, aber das weiß keiner – entfernen lassen und verboten. Doch nicht nur im Blick auf Religion ist Robert Koldewey kritisch, er ist grundsätzlich ein Mensch, der alles hinterfragt, um sich dann einen selbstsicheren Standpunkt zu bilden und von diesem aus seine Umwelt kühl, aber nicht humorlos zu beurteilen. Zeit und Erinnerung, Geschichte, Architektur, Kommunikation, Photographie, Religion und Wissenschaft: „Babel“ ist ein Knotenpunkt unterschiedlichster anthropologisch bedeutsamer Aspekte. Kenah Cusanit ist damit zwar kein in seiner Handlung, wohl aber ein aus historischer und ideengeschichtlicher Perspektive spannender Roman gelungen.

Kenah Cusanit: Babel. Carl Hanser Verlag, München 2019, 272 Seiten, ISBN: 978-3-446-26165-5, EUR 23,–

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