Würzburg

Theologisch prinzipientreu

Das Jesusbuch von Helmut Hoping ist eine Frucht authentischen Christusglaubens und wissenschaftlicher Reflexion.

Kreuzweg der Franziskaner an Karfreitag in Jerusalem
Christen glauben, dass der Erlöser nicht an seinem göttlichen Vater verzweifelte, sondern im Vertrauen auf ihn starb. Die Aufnahme zeigt die Golgathakapelle in der Jerusalemer Grabeskirche. Foto: KNA

Die innere Freundschaft mit Jesus, auf die doch alles ankommt, droht ins Leere zu greifen“, schrieb Benedikt XVI. 2007 im Vorwort des ersten Band seines christologischen Hauptwerkes „Jesus von Nazareth“ und fügte als Ursache für diese dramatische Lage die zahlreichen Versuche an, die neben oder hinter dem Neuen Testament den historischen Jesus zu rekonstruieren versuchen. Dadurch habe sich im allgemeinen Bewusstsein der Eindruck festgesetzt, „dass wir jedenfalls wenig Sicheres über Jesus wissen und dass der Glaube an seine Gottheit erst nachträglich sein Bild geformt habe“.

Auf diese dramatische Situation antwortet die neue systematische Gesamtdarstellung der Christologie des Freiburger Dogmatikers und Liturgiewissenschaftlers Helmut Hoping: „Jesus von Galiläa – Messias und Gottessohn“. Da in Jesus Gott selbst zu uns in menschlicher Gestalt gesprochen hat, sieht Hoping die Aufgabe des Theologen darin, „die geoffenbarte Wahrheit Gottes, wie sie uns überliefert ist und in der Kirche geglaubt wird, tiefer zu erfassen und für unsere Zeit zu erschließen“. Alle elf Kapitel des Buches werden mit einem Bild und einer kurzen Bildbetrachtung eröffnet sowie mit liturgiewissenschaftlichen Hinweisen auf die „gottesdienstliche Verortung“ des jeweiligen Themas. Diese münden dann im letzten Kapitel in grundlegende Ausführungen zur „Theo- und Christozentrik“ des gottesdienstlichen Betens der Kirche.

Im ersten Teil werden nach einem Überblick über die historische Jesusforschung das Judesein Jesu reflektiert, die Theologie der Schriftauslegung sowie die christologische Hermeneutik dargestellt. Die göttliche Sohnschaft Jesu wird in seinem öffentlichen Wirken, seinem Sterben und seiner Auferstehung entfaltet. Auf die Entfaltung des Christusbekenntnisses im Neuen Testament folgt die Rekonstruktion der christologischen Lehrentwicklung bis zu den Entscheiden des sechsten und siebten Jahrhunderts. Unter gegenwärtigen „Brennpunkten“ werden das Verhältnis der Ewigkeit Gottes zu seiner zeitlichen Existenz in der Person Jesu Christi, der Personidentität des Gottessohnes, sein Wissens, seine Freiheit, sowie die Frage des Leidens Gottes untersucht.

Nach der umfassenden Darlegung der Heilsbedeutsamkeit Jesu Christi wird die Frage nach seiner Einzigkeit und Universalität beantwortet. Dem Verhältnis der Kirche zu Israel und der Bedeutung Jesu im Koran widmet sich das vorletzte Kapitel. Das Beten Jesu und das Beten mit ihm und zu ihm im Gottesdienst der Kirche geht in das letzte Thema über, die Rede vom dreieinigen Gott als „Summe des christlichen Glaubens“. Für den Verfasser muss die Anwendung der historisch-kritischen Methode der Bibelwissenschaft nicht unbedingt zu einer „Demontage des Christusglaubens der Kirche“ führen: Zwar könne sie den Glauben nicht begründen, aber richtig angewandt zeige sie, dass „unser Glaube nicht auf Mythen, Legenden und Märchen beruht, sondern auf dem Leben einer geschichtlichen Person“. Daneben sieht der Verfasser auch keine Veranlassung, grundsätzlich die Historizität der Evangelien infrage zu stellen.

Am Beispiel der Aussagen des Verfassers zur „Christologie von unten“ – setzt bei Botschaft, Schicksal und Gottesverhältnis Jesu an und fragt danach, wie sich die Lehrentwicklung daraus begründen lässt – lassen sich exemplarisch Argumentation und Standpunkt des Verfassers veranschaulichen. Dort heißt es: „Will eine ,Christologie von unten‘ mehr sein als eine der modernen Jesulogien, muss sie die mit dem biblischen Sendungs- und Präexistenzgedanken aufgeworfene Frage nach der Einheit Jesu mit Gott stellen. Der christologischen Frage nach der Gottheit Jesu kann auch eine ,Christologie von unten‘ nicht ausweichen. Ohne Aussagen über die Identität Jesu kann man die Geschichte Jesu nicht als Gottes Selbstoffenbarung denken.“ Dazu gehört die Beobachtung: „Nirgends findet sich in den Evangelien eine Stelle, wo Jesus sich zusammen mit seinen Jüngern in ein ,unser Vater‘ einschließt. Jesus wusste sich in einem einzigartigen Sohnesverhältnis zu Gott“. Damit ist man über die Grenzen der ,Theologie von unten‘ gut unterrichtet.

Ausgehend von einem umfassenden Überblick über die Tendenzen, Thesen und Fragestellungen innerhalb der gegenwärtigen Fachdiskussion werden dem Leser in einer wohltuend klaren Sprache stets sachlich die verschiedenen Positionen vorgelegt. Auf dem Boden der normativen Lehre der Kirche nimmt Hoping entschieden gegebenenfalls dort Stellung, wo er diesen Boden verlassen sieht. Von entscheidender Bedeutung ist etwa, dass Hoping die Deutung des Kreuzestodes als Tod in Gottverlassenheit und Enttäuschung zurückweist: Die Evangelien gehen davon aus, dass Jesus „nicht an Gott dem Vater verzweifelt und zerbrochen ist, sondern bis in das Sterben hinein sein abgrundtiefes Vertrauen auf Gott gesetzt hat. Jesu letztes Wort, wie es Markus und Matthäus überliefern, war kein Verzweiflungsschrei, sondern der Schrei eines Gekreuzigten, der in Verlassenheit und Todesangst im Vertrauen auf Gott starb“.

Ebenso wesentlich ist die Stellungnahme des Verfassers zur Bedeutsamkeit des leeren Grabes für den authentischen Christusglauben: „Eine Theorie der Auferweckung im Tod, die im menschlichen Leichnam nur einen Kadaver sieht, der für die Wirklichkeit der leiblichen Auferstehung keinerlei Rolle spielt … bedeutet eine fragwürdige Spiritualisierung des Heils … und damit eine Halbierung der christlichen Auferstehungshoffnung.“ Lehrbuchhaft einprägsam und verständlich sowie präzise wird die christologische Lehrentwicklung vermittelt und kein Zweifel daran gelassen, dass sie „hinsichtlich der konziliaren Entscheidungen einen normativen Bezugspunkt für die Glaubenshermeneutik“ darstellt. Erhellend sind die Hinweise des Verfassers auf tendenziöse Übersetzungen in der neuen Einheitsübersetzung oder in liturgischen Texten. Ein Beispiel dafür aus dem deutschen Messbuch: „Die geläufige Übersetzung ,in der Nacht, in der er verraten wurde‘, die sich auch in der deutschen Fassung des dritten eucharistischen Hochgebetes findet, reduziert das Ausgeliefertsein Jesu in den Tod auf den Verrat des Judas, was theologisch fragwürdig ist, da Gott selbst im Leiden und Sterben Jesu im Spiel ist.“

Innerhalb der Erlösungslehre wird herausgestellt, dass im Neuen Testament „an keiner Stelle von einem satisfaktorischen Sühnopfer die Rede ist, das Jesus darbringen musste, um dadurch Gottes Zorn zu besänftigen“. Auch Anselm von Canterbury habe keineswegs „Genugtuung durch ein stellvertretendes Strafleiden“ gelehrt, was Luther später sehr wohl getan habe. Dass allerdings die Deutung des Todes Jesu als stellvertretende Sühne für das neue Testament grundlegend ist, zeigt Hoping anhand der Erklärung der zahlreich verwendeten kultischen Opferbegriffe wie Opferlamm, Bundesopfer, Sühnopfer, Sündopfer, Schlachtopfer, Brandopfer, Ganzopfer und einmaliges Opfer. Anfragen ergeben sich aus dem Trinitätskapitel. Gegenüber einer dialogischen Trinitätslehre, die es für unumgänglich hält, „auch innertrinitarisch von einem Dialog von Personen zu sprechen, so dass in der Trinität die vollendete Communio göttlicher Personen im Sinne eines trialogischen Wechselspiels zu sehen ist”, spricht Hoping „von einem einzigen göttlichen ,Ich‘“. Wenn für Vater, Sohn und Geist jeweils ein „eigenes göttliches Selbstbewusstsein“ anzunehmen ist, könne die christliche Trinitätslehre nur noch schwerlich als „konkreter Monotheismus“ verständlich gemacht werden. Hier sieht der Verfasser die Gefahr des „tritheistischen Missverständnisses” gegeben. Unbeantwortet blieben aber die Fragen nach der innergöttlichen Bedingung der Möglichkeit von Vielheit und ob der einpersönliche Gott nicht den Menschen als Gegenüber bräuchte, was seine Absolutheit infrage stellen würde.

Darauf antwortet gerade ein relationales Personverständnis Gottes, wie es etwa Jörg Splett vertritt, das von einer „inneren Räumlichkeit“ in Gott ausgeht, „in der eine Person der anderen Raum gibt“ und dadurch „nicht bloß Schöpfung überhaupt – mit den Abständen zwischen göttlicher und geschöpflicher Personalität“ ermöglicht, sondern auch „die Möglichkeit der absoluten Selbstaussage“ Gottes begründet.

Abschließend verortet Hoping seine Christologie als gegenwartsbezogene Reflexion des Bekenntnisglaubens der Kirche, der sich erst im Lobpreis Gottes erfüllt. Diese durchgängige Treue zu den theologischen Prinzipien macht eine der großen Stärken dieses christologischen Lehrbuches aus: „Keine menschliche Antwort auf das in Christus offenbar gewordene Mysterium des dreieinigen Gottes ist angemessener als der danksagende Lobpreis in der lebendigen Sprache des liturgischen Gebets. Aus ihr erwächst alle Theologie und zu ihr hat sie immer wieder hinzuführen.“

Helmut Hoping: Jesus aus Galiläa – Messias und Menschensohn.
Verlag Herder, Freiburg 2019, 493 Seiten, gebunden, ISBN-13: 978-3451382536, EUR 58,–