Würzburg

Denken am Abgrund

Eine glänzend geschriebene Geschichte der Frankfurter Schule entlarvt deren Hintergründe.

Adorno
Theodor W. Adorno: „Ich habe ein theoretisches Denkmodell aufgestellt. Wie könnte ich ahnen, dass Leute es mit Molotow-Cocktails verwirklichen wollen?“ Foto: dpa

Im linken Denken ist Theorie selbst ein Teil der Praxis. Theorie um ihrer selbst Willen gilt hier als bürgerliche Verfallserscheinung. Diese Auffassung hat sich bis in die heutige sprachanalytische Philosophie fortgesetzt. Der Marxismus ist einer der Väter dieser Idee.

In seinem Vorwort zu „Grand Hotel Abgrund“ zitiert der englische Journalist Stuart Jeffries („The Guardian“, „Financial Times“) in diesem Sinne den Sozialphilosophen Theodor W. Adorno: „Ich habe ein theoretisches Denkmodell aufgestellt. Wie könnte ich ahnen, dass Leute es mit Molotow-Cocktails verwirklichen wollen?“ Jeffries meint, die Frankfurter Schule habe Marx auf den Kopf gestellt und die Folgen sind bis heute überall in der Gesellschaft sichtbar. Dennoch wollte sich das 1923 gegründete Institut der Frankfurter Schule nicht in Parteipolitik einmischen, was den Widerstand anderer Marxisten hervorrief. Auch die DDR-Philosophen haben die Frankfurter Kollegen nur als bürgerlich verachtet. Die Bezeichnung „Grand Hotel Abgrund“ stammt von Georg Lucás; das Hotel sei „mit allem Komfort ausgestattet – am Rande des Abgrunds, des Nichts, der Absurdität“. Aus Lucás' Sicht hatte schon der Pessimist Arthur Schopenhauer zu den früheren Bewohnern des Hotels gehört, dessen Leidenstheorie sich die Frankfurter Philosophen zu eigen gemacht hätten. Noch einmal Lucás: „Der tägliche Anblick des Abgrunds, zwischen behaglich genossenen Mahlzeiten und Kunstproduktionen, kann die Freude an diesem raffinierten Komfort nur erhöhen.“

Jeffries will die Frankfurter Schule keineswegs verharmlosen. Im Gegenteil zeigt er die inneren Konflikte und die der damaligen Zeit. Dazu gehört auch, dass Anführer des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes an die Tafel vor der Vorlesung schrieben: „Wer nur den lieben Adorno lässt walten, der wird den Kapitalismus ein Leben lang behalten.“ Adorno spürte deutlich die linke Aggression der Aktivisten, als er einen Studenten 1969 in Schutz nahm, dessen Zimmer von radikalen Mitstudenten verwüstet wurde, weil er lieber studieren als demonstrieren wollte. Habermas habe damals bei solchen Gelegenheiten von „linkem Faschismus“ gesprochen, schreibt Jeffries. Nur Herbert Marcuse habe als einziges Mitglied der Schule Sympathie für die radikalen Kräfte unter den Studenten gehabt. Damals lehrte er an der Universität von San Diego in Kalifornien. Aber wie Marcuse mit dem Strom mitzuschwimmen, war für Adorno zu einfach; er setzte auf den Widerstand des Denkens. Nur im Denken sei begründete Kritik möglich. Barrikaden fand er lächerlich – ein Wink an die heutige Öko-Jugend, die eher mit dem Strom zu schwimmen bevorzugt? So könnte man es auf heute übertragen, wenn Jeffries Marx zitiert: „Geschichte wiederholt sich als Farce.“ Auch von Walter Benjamin, den Adorno und Horkheimer wegen dessen genialen Schriften auf Distanz hielten, glaubt Jeffries, er könnte sich Studenten angeschlossen haben, die Theorien mit Bomben durchsetzten. Aber er hatte 1940 auf der Flucht vor Nationalsozialisten Selbstmord begangen.

Die Frankfurter Schule war eine Gesellschaft in sich Zerrissener. Sie hatten allesamt einen privilegierten Hintergrund und scheuten selbst vor dem Aktionismus der Studenten zurück. Jeffries nennt es den „säkularen jüdischen Hintergrund“, mit dem sie sich gegen den Geist ihrer Väter auflehnten. Der Autor zitiert hierzu Walter Benjamin-Kenner Peter Demetz: „In vielen jüdischen Familien im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts wandten sich begabte Söhne gegen die kommerziellen Interessen ihrer Väter, die sich ihrerseits – nachdem sie aus ländlichen Gegenden in die liberaleren Städte umgezogen waren – weitgehend dem bürgerlichen Erfolgsmodell angeschlossen hatten. Indem diese Söhne aus einer Haltung geistigen Protests heraus ihre Gegenwelten aufbauten, prägten sie entscheidend die Zukunft der Wissenschaft, der Philosophie und Literatur.” Jeffries spricht hierbei sogar von Freudschen Ausmaßen, von ödipalem Vatermord „der frühreifen, kultivierten deutschsprachigen Juden“ der vorletzten Jahrhundertwende. Jeffries beschreibt sehr dicht und an vielen Beispielen in der angelsächsischen Kunst des Wissenschaftsessayistik, wie sich das geistige Klima der Frankfurter Schule entwickelte – das Buch liest sich fast wie eine Reportage. Der Widerstand gegen die Elternhäuser spiegelt sich sogar in der Liebesbeziehung wieder, so bei Horkheimer, der sich in die Privatsekretärin seines Vater verliebte: „Sie war acht Jahre älter als Max, stand klassenmäßig unter ihm und war keine Jüdin.“ Auch in seinen Kurzgeschichten machte Horkheimer den Klassenunterschied der Liebenden zum Thema.

Jeffries zeigt überzeugend, wie der „eindimensionale Mensch“ (einer seiner Buchtitel), selbst Opfer der sexuellen Revolution wurde. Sein Glaube an die Freiheit ist nur Schein, der von der Kulturindustrie erzeugt wurde. Zu Marcuses eigener Sexualität schreibt Jeffries, er habe Nilpferd-Plüschtiere geliebt, und Adorno habe seine Mutter in Briefen mit „Meine liebe, treue Wundernilstute“ angeredet. Der Leser wird weiter durch die Negative Dialektik Adornos geführt bis in die späte Philosophie von Jürgen Habermas. Und das auf äußerst unterhaltsame und doch erklärende Weise.

Stuart Jeffries: Grand Hotel Abgrund: Die Frankfurter Schule und ihre Zeit. Klett-Cotta Verlag 2019, 509 Seiten, EUR 28,–