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Wissenschaftsfreiheit in Gefahr

Die Humboldt-Universität hat den Vortrag einer Biologin über Zweigeschlechtlichkeit abgesagt. Aus Sicherheitsbedenken.
Demonstration gegen Vortrag von Biologin
Foto: Christophe Gateau (dpa) | Marie Luise Vollbrecht, die als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni arbeitet, wollte im Rahmen der „langen Nacht der Wissenschaft“ einen Vortrag halten.

Wenn an einer Universität keine freie Diskussion mehr gewährleistet werden kann, dann ist das so, wie wenn in einer Bäckerei kein Brot mehr gebacken werden darf. Die Universität hat ihren Daseinszweck verfehlt. Deswegen ist es keine Bagatelle, dass am Wochenende die Berliner Humboldt-Universität den Vortrag einer jungen Biologin abgesagt hat, nachdem im Vorfeld Studenten eine Protestaktion angekündigt hatten.

Man sieht sich auf der Straße wieder

Marie Luise Vollbrecht, die als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni arbeitet, wollte im Rahmen der „langen Nacht der Wissenschaft“ einen Vortrag halten. Der Titel: „Geschlecht ist nicht gleich Geschlecht. Sex, Gender und warum es in der Biologie nur zwei Geschlechter gibt.“ Der „Arbeitskreis kritischer Jurist*innen“ erklärte daraufhin in einem Aufruf, Vollbrecht, die von der „biologischen Realität der Zweigeschlechtlichkeit“ spreche, dürfe keine öffentliche Bühne bereitet werden. Und schloss mit der Aufforderung an andere Aktivisten, man sehe sich auf der Straße wieder. Die Universitätsleitung sagte schließlich die Veranstaltung ab. 

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Wohlgemerkt wegen Sicherheitsbedenken, nicht aus inhaltlichen Gründen. Das ist ein Armutszeugnis. Wenn die Universitätsleitung sich nicht mehr in der Lage sieht, so einen Vortrag durchzuführen und sofort einknickt, dann hat das absehbare Folgen. Reicht es künftig aus, nur Proteste anzukündigen, um den freien wissenschaftlichen Diskurs zu gängeln? Professoren sind zumindest dem Namen nach Bekenner.

Wo sind die selbsternannten Liberalen?

Genau solche Bekenner sind jetzt gefragt. Übrigens über alle weltanschaulichen Lager hinweg. Ganz unabhängig davon, wie man die inhaltlichen Aussagen von Vollbrecht bewerten mag, an ihrer wissenschaftlichen Reputation besteht kein Zweifel und damit auch an ihrem Recht, ihre Thesen frei vorzutragen und zur Diskussion zu stellen. Wo sind aber jetzt die vielen selbsternannten Liberalen, die sonst gerne bei akademischen Festreden Voltaire anführen? Dem französischen Aufklärer wird nämlich folgendes Zitat zugeschrieben: „Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen.“  Bundesbildungs- und wissenschaftsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) hat zwar die Uni-Leitung für ihre Entscheidung kritisiert. Aber das reicht nicht. 

Schließlich: Der Berliner Fall ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Beispiele für Vorträge, die durch Aktivisten an deutschen Universitäten gestört oder eben auch verhindert worden sind, sind Legion. Es geht jetzt wirklich um alles oder nichts. Entweder wird jetzt die Wissenschaftsfreiheit entschlossen verteidigt. Oder sie ist irgendwann endgültig passé. Allerdings: Die Befürchtung, dass viele Menschen im akademischen Funktionärsapparat jetzt nur ihre Zipfelmütze gerade rücken und ansonsten weiter schlafen, ist leider allzu real. Sie könnten irgendwann in einer ganz anderen Welt aufwachen.

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