Nach dem Tod der Queen

Wie steht es um die Zukunft der britischen Monarchie?

Wie stabil ist die britische Monarchie nach dem Tod der Queen? Ob Charles III. zu einer Integrationsfigur wie seine Mutter wird, ist noch nicht ausgemacht.
Leichenwagen mit dem Sarg von Queen Elizabeth II. trifft am Buckingham Palast ein
Foto: Gareth Fuller (PA Wire) | Der Leichenwagen mit dem Sarg von Queen Elizabeth II. trifft am Buckingham Palast ein.

Seit Mitte dieser Woche liegt die verstorbene Elizabeth II. in der Westminster Hall in London öffentlich aufgebahrt. Viele Tausende Bürger wollen ihrer Königin die letzte Ehre erweisen. Die Warteschlange der Trauernden bis zu Westminster Palast ist kilometerlang; manche harren mehr als 24 Stunden aus, um Elizabeth II. noch einmal zu sehen. Für Millionen Briten, die noch im Sommer das „Platinum Jubilee“ ihrer Monarchin in patriotischen Straßenfesten gefeiert hatten, war der Tod der Queen ein Schock, auch wenn sie mit 96 Jahren ein gesegnetes Alter erreicht hat.

Elizabeth war eine allseits beliebte Königin, es fließen jetzt viele Tränen an ihrem Sarg in der mehr als 900 Jahre alten Westminster Hall. Elizabeth II. war eine Königin der Herzen. Ein ganzes Land nimmt nun Abschied von seiner royalen Großmutter. Das Staatsbegräbnis am kommenden Montag dürfte die Insel tief bewegen.

Charles ist nicht so beliebt wie seine Mutter

Doch wie sieht es mit der Zukunft der Monarchie aus? Ihr Sohn Charles, seit Jahrzehnten als Kronprinz auf diesen Moment vorbereitet, ist als Charles III. zum neuen König ausgerufen worden. Gleichwohl ist klar, dass Charles nicht so beliebt ist wie seine Mutter, die dem Königreich in ihrer würdevoll-pflichtbewussten Art über viele Umbrüche hinweg Stabilität und Kontinuität vermittelte.

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In die Trauer um die Queen mischen sich jetzt auch Fragen: Wird die Monarchie in Britannien im 21. Jahrhundert bestehen bleiben? Überlebt das Commonwealth, das derzeit 56 Staaten umfasst? Bleibt Charles das formelle Staatsoberhaupt von 14 Commonwealth Realms, auch jener Ex-Kolonien wie Australien, Neuseeland, Kanada und der kleinen Karibikflecken, in denen teils lautstarke Bewegungen die Ausrufung einer Republik fordern? Der Premier der Inseln Antigua und Barbuda hat schon ein Referendum über die Ablösung vom Königtum angekündigt, andere könnten folgen. Barbados hat sich Ende 2021 von der Krone getrennt.

Eine schwere Aufgabe vor sich

Charles III. hat schwere Aufgaben vor sich, weltweit und Zuhause. Der neue König bemüht sich seit den ersten Tagen um einen relativ volkstümlichen Stil. So ging er nach seiner Rückreise aus Balmoral auf die vor dem Buckingham Palast stehenden Trauernden zu, schüttelte Hände, wechselte ein paar Worte – eine solche physische spontane Nähe zu Leuten aus dem Volk gab es mit Queen Elizabeth nicht. Die Beziehung der Briten zu Charles hat sich gebessert. Vor fünfundzwanzig Jahren, nach der gescheiterten Ehe mit Diana und ihrem tragischen Unfalltod, als die Royals zunächst nicht reagierten und kalt, herzlos erschienen, war sie auf einen Tiefpunkt abgekühlt, inzwischen aber hat man sich wieder angenähert. Charles wird, wenn auch nicht geliebt, so doch respektiert. Auch mit Camilla, der neue „Queen Consort“, hat sich das Volk angefreundet.

Seit gut einer Woche kennen die britischen Medien nur noch ein Thema: Dauersendungen und Sonderbeilagen rund um die Queen, den neuen König, die royale Familie. Der Tenor ist oft tief emotional. „We loved you, Ma'am“, titelte die große Boulevardzeitung „The Sun“ nach Elizabeths Tod. Prinz William, der neue Prinz of Wales, und seine Frau Kate erfreuen sich großer Beliebtheit; weniger populär sind dagegen Prinz Harry und seine amerikanische Ehefrau Meghan, die viele als selbstsüchtige Eigen-PR-Maschine sehen, die aus ihren weinerlichen Interviews über Erlebnisse mit den Royals in England Kapital schlagen will. Das für November angekündigte Memoirenbuch Harrys wird am Hof mit großem Unbehagen erwartet. Dennoch dürften die beiden nach Kalifornien Ausgewanderten der britischen Monarchie keinen ernsthaften Schaden mehr zufügen.

Eine laute Minderheit steht kritisch zur Monarchie

Freilich gibt es auf der Insel auch eine recht laute Minderheit, die die Monarchie und den neuen König rundweg ablehnt. „Not my king“ stand auf Plakaten von Demonstranten in Edinburgh, die von übereifrigen Polizisten abdrängt und festgenommen wurden, was zu Debatten über Meinungsfreiheit führte. Insgesamt ist in Großbritannien die Zustimmung zur Monarchie aber stabil, eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Bürger will keine Änderung der Staatsform. Die Anti-Monarchie-Organisation „Republic“ mit nach eigenen Angaben 80.000 Unterstützern fristet ein marginales Dasein. Auch die Labour-Partei steht – von einzelnen Linksaußen abgesehen – fest zum König. „Not our king“ sagen dagegen recht viele Bürger in Australien und Neuseeland und einigen anderen Ex-Kolonien.

Im Jahr 1999 hielt man in „Down under“ ein Referendum über den Fortbestand der Monarchie, damals wünschten sich 45 Prozent der Australier die Umwandlung in eine Republik. Der aktuelle Labor-Premierminister Anthony Albanese, ein erklärter Republikaner, strebt ein zweites Referendum an, wenn er wiedergewählt wird. In der aktuellen Stimmung jedoch dämpft er seine Rhetorik. „Heute ist kein Tag für Politik“, sagte er nach Elizabeths Tod. Der ehemalige Ministerpräsident Malcolm Turnbull betonte: „Selbst Republikaner wie ich können sehr starke Elizabethaner sein, auf mich trifft das jedenfalls zu.“ Ob auch Charles es schafft, eine gute Beziehung zu seinen Untertanen in Übersee zu entwickeln, bleibt abzuwarten. Er wird sich definitiv bemühen.

In Nordirland streckte er die Hand aus

Bemerkenswert war, wie er schon diese Woche in Nordirland die Hand ausgestreckt hat, um alte Konflikte zu heilen. Anfang der Woche reiste Charles III. nach Belfast und traf im Hillsborough Castle auch auf Sinn-Féin-Vertreter wie Michelle O'Neill, die in der Provinz „First Minister“ werden will, und den Ex-Bürgermeister von Belfast, Alex Maskey, der einst als IRA-Mann im Gefängnis saß. Der Handschlag mit IRA-Leuten (die IRA hatte immerhin 1979 Charles‘ geliebten Großonkel Earl Mountbatten mit einer Bombe ermordet) wurde als starkes symbolisches Zeichen der Versöhnung angesehen und dürfte den Friedensprozess unterstützen. Anschließend besuchten Charles und Camilla einen Gedenkgottesdienst in der St. Anne Kathedrale der nordirischen Hauptstadt. Für Charles III. wird es eine der wichtigsten Aufgaben sein, die vier Landesteile seines Vereinigten Königreichs zusammenzuhalten. Besonders in Schottland und in Nordirland sind starke sezessionistische Bewegungen aktiv und die Unionisten verlieren an Boden.

Keine Frage: Die britische Monarchie steht unter Druck. Als Elizabeth 1952 Königin wurde, gab es noch mehr als hundert Monarchien auf der Welt. Heute sind es, abgesehen von den Staaten des Commonwealth, nur noch 28 Länder mit einem König oder einer Königin an der Spitze, wie der Historiker und frühere Universitätsrektor Anthony Seldon in einem großen Essay in der „Times“ jüngst betonte. Manche sind nach Skandalen schwer angeschlagen; in anderen Ländern, etwa in den skandinavischen Staaten, stehen die Königshäuser eher diskret im Hintergrund, in Arabien herrschen sie autokratisch bis diktatorisch, eine spezielle Stellung nimmt Japans Kaiser ein.

Gute Chancen, ein "großer" König zu werden

Die britische Verbindung einer starken Monarchie und einer alten Demokratie ist weltweit einzigartig. Seldon meint, dass Charles III. trotz mancher Bedenken gute Chancen habe, ein „großer“ König zu werden. Denn seine Themen, die er schon lange verfolge, stünden „im Einklang mit dem Zeitgeist des 21. Jahrhunderts“. Das treffe vor allem für Charles‘ langes Engagement für den Umwelt- und Klimaschutz zu, seine „grüne Agenda“ war schon „woke“, bevor dieses Wort erfunden war; auch seine Ansichten zu einer besseren, klassischen Architektur sowie Charles‘ karitativen Initiativen, seinen Einsatz für die Jugend und für kulturelle Einrichtungen hebt der Historiker hervor. Gleichzeitig wird sich Charles öffentlich zurücknehmen müssen, denn der König darf sich nicht in politisch, gar parteipolitische Dinge einmischen.

Anders als die Vorgänger wird Charles sich nicht mehr als „Defender of the Faith“ bezeichnen (so nannten sich alle Könige seit Heinrich III.), sondern als „Defender of all Faiths“ (Verteidiger aller Glaubensrichtungen). Das trage dem Umstand besser Rechnung, dass das Vereinigte Königreich inzwischen ein multiethnisches und multireligiöses Land sei, meint Seldon. Charles ist qua Amt formelles Oberhaupt der englischen Mutterkirche der Anglikaner (Supreme Governor of the Church of England), doch öffnet sich der neue König für alle Konfessionen und Religionen. Diese Entscheidung von Charles, der selbst von fernöstlichen Religionen fasziniert und für eine gewisse Neigung zur Esoterik bekannt ist, finden aber nicht alle gut, nicht nur konservative Christen. Daniel (Lord) Finkelstein schrieb in der „Times“, als Jude sei ihm ein Monarch lieber, der sich seines eigenen Glaubens sicher sei und von dieser Warte aus „den Glauben“ verteidige.

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