Kommentar um "5 vor 12"

Von Sikorski lernen

Die europäische Friedensordnung deutscher Imagination ist über Nacht einer Konfrontationsordnung europäischer Realpolitik gewichen. Mit dem neuen alten Feind Russland im Osten.
Radoslaw Sikorski
Foto: Tobias Hase (dpa) | „Deutsche Macht fürchte ich heute weniger als deutsche Untätigkeit“, sagte der heutige polnische Europaabgeordnete Radoslaw Sikorski schon 2011.

Im Jahr 2011 las der damalige polnische Außenminister Radoslaw Sikorski bei seiner legendären „Berliner Rede“ der deutschen Regierung die Leviten: „Deutsche Macht fürchte ich heute weniger als deutsche Untätigkeit“, sagte der PO-Politiker und forderte – durchaus zum Missvergnügen rechtspopulistischer polnischer Hardliner – mehr Führung Berlins in der Euro-Zone. Drei Jahre später – unmittelbar nach der russischen Annexion der Krim – forderte Sikorski aus Angst vor ungestillter russischer Expansionslust mehr Nato-Präsenz in seinem Land. 2021 schließlich erinnerte der 59-Jährige, der vor seiner politischen Laufbahn als Kriegsberichterstatter in Afghanistan wirkte und inzwischen Europa-Abgeordneter ist, gegenüber dem „Spiegel“ daran, dass 600 Kilometer von Berlin entfernt russische Atomraketen stationiert seien: „Was das russische Militär übt, ist beängstigend.“

Mit der naiven Russland-Romantik ist es vorbei

In deutschen Regierungskreisen reagierte man auf derartige Hinweise mit freundlichem Desinteresse. Wirtschaftspolitische Führung in Europa, gern. Nahezu unbegrenzt wirkende humanitäre Hilfe, auch kein Problem. Doch Angst vor Putins Russland? Militärische Aufrüstung? Derartige Überlegungen hielt man für einen polnischen Spleen. Sie passten nicht zur deutschen Pazifismus-Mentalität nach dem Ende des Kalten Krieges. Das Trauma der deutschen Schuld wurde stattdessen weiter sublimiert durch eine naive Russland-Romantik, in der Michail Gorbatschow als ewiger Friedensengel und Wladimir Putin als lupenreiner Energieversorger für das Gute bürgten. Praktischerweise konnte man dabei auch gute Geschäfte machen.

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Dieser deutsche Verdrängungs-Idealismus ist am 24. Februar – dem Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine – an der Wirklichkeit zerschellt. Die schönen, sorglosen Zeiten, die eigentlich nur von den Deutschen als solche wahrgenommen wurden, sind endgültig vorbei. Die europäische Friedensordnung deutscher Imagination ist über Nacht einer Konfrontationsordnung europäischer Realpolitik gewichen. Mit dem neuen alten Feind Russland im Osten.

Wie wird es nun weitergehen? Die sicherheits- und verteidigungspolitische Kehrtwende, welche die „Ampelregierung“ in kurzer Zeit vollzogen hat, war und ist alternativlos. So viel Geld sie den deutschen Steuerzahler auch kosten wird. Doch mit finanzieller und militärischer Aufrüstung allein kann Deutschland seine ramponierte Glaubwürdigkeit in der neuen Ordnung nach der Ära des pazifistisch bemäntelten Egoismus allein sicherlich nicht neu etablieren. 

Freundschaft und Dankbarkeit sind gefordert

Freundschaft und Dankbarkeit sind gefordert – gegenüber denen, die diese auch wirklich verdienen. Das sind neben den Vereinigten Staaten von Amerika besonders die baltischen Länder und Polen, die – wie man jetzt auch in Deutschland erkennt – Frontstaaten sind für Deutschlands Sicherheit. 
Als am Wochenende russische Raketen nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze bei einer ukrainischen Militärbasis einschlugen, dürfte dies auch dem letzten deutschen Nachkriegs-Nostalgiker klargeworden sein. 

Und was sagt Radoslaw Sikorski zu der aktuellen Entwicklung? Bereits Anfang März lobte er in einem „Zeit“-Interview, dass Deutschland endlich aus seiner „Komfortzone“ herausgekommen sei. „Besser spät als nie.“ Hellsichtig und vollkommen illusionslos konstatierte er: „Polen ist sozusagen Deutschlands Panzerabwehrmine.“ Vielleicht sollte die Bundesregierung ihn als internationalen Berater engagieren. Verdient hätte er es. Zum weiteren Schutz der Deutschen vor sich selbst.

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