ISTANBUL/ATHEN

Vandalismus in der Hagia Sophia

Griechische Öffentlichkeit und UNESCO reagieren entsetzt auf eine Beschädigung des historischen Kaisertores.
Die Hagia Sophia in Istanbul
Foto: BELIKOVA_OKSANA (187538427) | Seit Jahren tobt ein Deutungskampf um die Hagia Sophia (Ayasofya), der nur punktuell die westliche Wahrnehmungsschwelle überschreitet.

Ein Akt des Vandalismus an der Hagia Sophia in Istanbul entsetzt die orthodoxe und insbesondere die griechische Öffentlichkeit. Ein bisher unbekannter Täter hat das historische Kaisertor der einstmals bedeutendsten Kirche der orthodoxen Christenheit schwer beschädigt. Das etwa sieben Meter hohe Kaisertor durfte in byzantinischer Zeit nur vom Kaiser als Eingang in die Reichs- und Patriarchal-Basilika

 benutzt werden. Einer Legende zufolge soll die aus Eichenholz und Eisen bestehende Türe aus dem Holz der Arche Noahs gefertigt worden sein.

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Dem Internetportal „Orthodox Times“ zufolge hat ein Vertreter der Istanbuler Stadtverwaltung, Mahir Polat, bereits zugesichert, dass der oder die Täter durch eine Überwachungskamera identifiziert und dann bei der Staatsanwaltschaft angezeigt werden, da hier vorsätzlich ein Schaden am bedeutendsten historischen Gebäude der Stadt verursacht worden sei. Die türkische Tageszeitung „Hürriyet“ zitierte Polat mit den Worten: „Diejenigen, die das getan haben, werden mit Gefängnisstrafen zwischen zwei und fünf Jahren rechnen müssen.“

Kaisertor
Foto: Wikimedia/ Gemeinfrei | Kaisertor der Hagia Sophia in Istanbul.

Missachtung von Geschichte, Integrität und universalem Charakter

Griechenlands Premierminister Kyriakos Mitsotakis telefonierte unterdessen mit der Generaldirektorin der UNESCO, der früheren französischen Kulturministerin Audrey Azoulay, über den Vorfall. Der griechische Regierungschef bezeichnete den Vandalenakt als Missachtung der Geschichte, der Integrität und des universalen Charakters der Hagia Sophia, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

Griechischen Angaben zufolge soll Azoulay sich über die Auswirkungen der Umwandlung der Hagia Sophia von einem Museum in eine Moschee im Jahr 2020 besorgt geäußert haben. Das griechische Außenministerium forderte die türkischen Behörden auf, alles Erforderliche zu tun, um die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen und den Schaden unverzüglich zu beheben.

150 Überwachungskameras, 68 Sicherheitskräfte

Die zuständige Behörde in Ankara hat den Schaden griechischen Nachrichten zufolge jedoch als natürlichen Verschleiß verharmlost: „Das kreisförmige Holzelement an der Tür der Hagia Sophia erlitt im Laufe der Zeit normalen Verschleiß und wurde durch eine einfache Berührung zerstört“, hieß es seitens der verantwortlichen Generaldirektion. Das Gebäude sei durch 150 Überwachungskameras und 68 Sicherheitskräfte gut geschützt. Allerdings soll die Zahl der täglichen Besucher seit der Umwandlung in eine Moschee von vorher rund 19.000 auf 40.000 bis 45.000 angestiegen sein.

Die im Jahr 537 fertiggestellte Hagia Sophia war bis zur osmanischen Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 die größte und bedeutendste Kirche des Byzantinischen Reiches, wurde dann aber zur Reichsmoschee der Osmanen umgewandelt. 1935 wurde der Gebäudekomplex in der Türkischen Republik zum Museum erklärt. Im Juli 2020 annullierte der türkische Staatsrat auf Drängen von Staatspräsident Erdogan diese Entscheidung und machte die Hagia Sophia neuerlich zur Moschee, was international auf breite Kritik stieß. DT/sba

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