Es ist der politische Schleudersitz in der Berliner Politik: Kultursenator bleibt man dort nicht lange, wenn man den Anspruch hat, den in der Hauptstadt besonders linken, aber auch besonders eigenwilligen Kulturbetrieb umzukrempeln. Diese Erfahrungen mussten sowohl Joe Chialo als auch nun Sarah Wedl-Wilson kurz hintereinander machen.
Chialo trat zwar nach gerade einmal zwei Jahren Amtszeit vor fast genau zwölf Monaten zurück, weil er so gegen geplante Haushaltskürzungen protestieren wollte. Doch die eigentliche Ursache liegt tiefer: Der heute 55-Jährige, der zuerst eine Karriere als Musikmanager machte, bevor er in die Politik wechselte, hatte sich mit dem Kulturbetrieb über eine Frage in die Wolle gekriegt, die auch heute noch genauso brisant und drängend ist wie damals. Der Kultursenator führte die sogenannte Antisemitismusklausel ein. In Reaktion auf die Terroranschläge vom Oktober 2023 sollte so sichergestellt werden, dass kulturelle Organisationen oder NGOs, die antiisraelische oder gar antisemitische Inhalte verbreiten, keine Fördermittel erhalten.
Als politischer Heilsbringer gefeiert, gab er schließlich genervt auf
Aber wo hört legitime Kritik auf, wo fängt tatsächlich eine menschenverachtende Ideologie an? Was darf Kunst, was darf sie nicht? Chialo war letztlich dem öffentlichen Druck, den diese Fragen ausgelöst hatten, nicht gewachsen. Er musste die Klausel am Ende wieder streichen.
Nun ist auch seine Nachfolgerin Sarah Wedl-Wilson über diesen toxischen Themenkomplex gestolpert, sie schaffte nicht einmal ein Jahr. Dieses Mal ging es um die Förderung von Organisationen, die sich dem Kampf gegen Antisemitismus verschrieben haben. Hier seien erhebliche Summen, so der Vorwurf der Opposition, an Projektträger geflossen, die zwar weniger mit Expertise, dafür aber mit guten Kontakten zur CDU hätten aufwarten können.

Chialo war einst geradezu als politischer Heilsbringer gefeiert worden: deutscher Staatsbürger mit afrikanischen Wurzeln, erfolgreich im Musikbusiness und frommer Katholik (er managte vor seinem Wechsel in die Politik unter anderem das geistliche Gesangstrio „Die Priester“). In der Hauptstadt-Union konnte man sein Glück kaum fassen: Schließlich sind Persönlichkeiten mit solchem Profil bei den Christdemokraten eher Mangelware und auch zu der Metropole an der Spree schien sie perfekt zu passen. Das Motto: weltoffen, kulturaffin und irgendwie hipp – das geht auch auf bürgerlich. Aber wie gesagt, Chialo gab schließlich genervt auf. Seine Nachfolgerin Sarah Wedl-Wilson war ebenfalls keine Profi-Politikerin: parteilos und zuvor Kulturmanagerin.
Der gar nicht mehr so heimliche Star des Kabinetts
Um die neue personelle Lücke zu füllen, greift Bürgermeister Kai Wegner nun in eine sichere Richtung. Da weiß er, was er bekommt. Stefan Evers, schon seit 2023 Finanzsenator, übernimmt nun auch das Kulturressort. Der 46-Jährige ist mittlerweile der gar nicht mal mehr so heimliche Star des Kabinetts. Als Verantwortlicher für die Finanzen sitzt er sowieso wie die Spinne im Netz. Aber worauf es vor allem ankommt: Er ist in seinem Job sichtlich gut. Das allein ist schon etwas für einen Senat, der zwar ständig Schlagzeilen macht, aber nicht mit Erfolgen.
Ganz vorne mit dabei ist der Regierende Bürgermeister selbst: Als in einem Teil Berlins die Lichter ausgingen, spielte er lieber mit seiner Lebensgefährtin Tennis. Als ganz Berlin ins Rutschen geriet und auf dem Hosenboden zu landen drohte, bettelte er peinlich via X um Streusalz. Kurz: Ein Kommunikator von Gnaden ist Kai Wegner nicht. Und so hört man von CDU-Sympathisanten in der Hauptstadt längst nicht nur hinter vorgehaltener Hand: „Der Evers, der wäre ein guter Regierender.“
Das mag auch daran liegen, dass Evers die Partei gut kennt. Bis 2023 war er Generalsekretär der Berliner CDU – und dabei bewies er auch Haudrauf-Qualitäten. Und er war ein guter Parteiorganisator: Dass die CDU 2023 einen Erdrutschsieg erringen konnte, wird vor allem der guten Kampagnenführung von Evers zugeschrieben. Wenn er jetzt seine beiden Jobs weiter gut macht und Wegner weiter strauchelt, wer weiß …
Das Rathaus als reale Perspektive
Evers hat auch katholische Wurzeln. Er wuchs nicht an der Spree auf, sondern wurde mit Pader-Wasser getauft: Evers stammt aus Paderborn, der alten Hochburg der Christdemokraten („Schwarz, schwärzer, Paderborn“). In seinem Büro, so konnte vor drei Jahren ein Reporterteam feststellen, hängt ein vom Berliner Erzbischof gesegnetes Kreuz. Gefördert wurde Evers von Friedhelm Ost, dem in der Wirtschaft bestens vernetzten ehemaligen Regierungssprecher Helmut Kohls, der viele Jahre Paderborn als direkt gewählter Abgeordneter im Bundestag vertreten hat. So wie Ost ist Stefan Evers auch Mitglied im Verband der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine Unitas.
Evers ist aber auch offen homosexuell. In seinem Profil ähnelt er hier Jens Spahn: Er sieht keinen Anlass darin, seine Homosexualität zum Hauptthema seiner politischen Agenda zu machen. Er ist kein Aktivist. Und auch das wie bei Spahn: Evers sieht erst recht keinen Grund dafür, deswegen mit seiner Herkunft und seinen Wurzeln zu brechen. In Berlin ist das alles sowieso kein Problem, im Gegenteil. Das Gleiche gilt auch für die Hauptstadt-CDU, die schon seit den Tagen Richard von Weizsäckers eine „liberale Großstadtpartei“ sein will. Das Rathaus ist für Evers eine reale Perspektive.
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