Am 13. und 14. Mai führte Russland unter Einsatz von mehr als 1.500 Drohnen und 56 Raketen den schwersten kombinierten Luftangriff seit Beginn der Vollinvasion durch. Insgesamt wurden nach Angaben vom Wochenende mindestens 27 Zivilisten getötet und Dutzende teils schwer verletzt. Diese Angriffswelle widerlegte jene Rhetorik, mit der Wladimir Putin wenige Tage zuvor den Eindruck diplomatischer Bewegung erzeugt hatte. Am Abend des 9. Mai erklärte Putin im Kreml vor Journalisten, der Krieg laufe „auf ein Ende zu“, warf dem Westen vor, weiterhin auf den Zusammenbruch Russlands zu setzen, und stellte damit den Eindruck her, Moskau strebe eine diplomatische Lösung an.
Der Vorschlag war allerdings kein ernsthafter Vermittlungsansatz, sondern der Versuch, mögliche Gespräche von Beginn an in einen für Moskau günstigen Deutungsrahmen zu stellen. Putins Hinweis auf Altkanzler Gerhard Schröder als möglichen Vermittler passte in diese Logik. Der frühere Bundeskanzler steht nämlich für eine Russlandpolitik, die Moskauer Sicherheitsforderungen in die Sprache vermeintlicher Realpolitik übersetzt. Wenige Tage später zeigte die Angriffswelle gegen die Ukraine, was diese vermeintlich diplomatische Rhetorik tatsächlich wert war.
Russlands Kriegsziele in weiter Ferne
Im fünften Invasionsjahr liegen Russlands Kriegsziele in weiter Ferne. Moskaus Absicht war im Februar 2022 nicht die Eroberung einiger Städte im Donbas, sondern die Ausschaltung der Ukraine als souveräner Akteur, die Rückführung Kiews in die russische Einflusssphäre und die Erzwingung einer europäischen Sicherheitsordnung, in der Moskau über die Freiheit seiner Nachbarn ein Vetorecht besitzt.
Dieses Ziel liegt heute weiter entfernt als am Tag der Invasion. Die Ukraine ist politisch konsolidierter, militärisch erfahrener und tiefer in westliche Strukturen eingebunden als vor dem 24. Februar 2022. Russland kontrolliert weiterhin etwa ein Fünftel ukrainischen Territoriums, kann seine numerische Überlegenheit aber kaum noch in operative Entscheidung übersetzen. Russland kann weiterhin angreifen, Gebiete erobern und die Ukraine durch Artillerie, Gleitbomben, Raketen und Drohnen unter Druck setzen. Strategische Durchbrüche erzeugen diese Offensiven aber kaum noch. Russische Truppen haben seit Anfang 2024 weniger als 1,5 Prozent des ukrainischen Territoriums hinzugewonnen; in der erfolgreichen Offensive bei Pokrowsk lag das durchschnittliche Vorrücken bei nur rund 70 Metern pro Tag – ein extrem teuer erkaufter Abnutzungskrieg.
Die Ukraine hat militärisch schnell dazugelernt
Das „Center for Strategic & International Studies“ (CSIS) schätzte die russischen Gesamtausfälle bis Ende 2025 auf rund 1,2 Millionen Tote, Verwundete und Vermisste. Zugleich verschlingt der Krieg immer größere Teile der russischen Wirtschaft. Russlands Militärausgaben liegen bei über sieben Prozent des BIP; die zivile Wirtschaft gerät zunehmend unter Druck. Russland kann den Krieg weiterführen, aber zu einem zunehmend steigenden Preis. Er steigt auch, weil die Ukraine militärisch schneller dazu gelernt hat, als Moskau erwartet hatte. Drohnen, elektronische Kampfführung und dezentrale Produktion greifen immer enger ineinander. Nach ukrainischen Angaben wollte die Ukraine 2025 bis zu 4,5 Millionen FPV-Drohnen beschaffen; 2026 soll diese Zahl weiter steigen. Das ersetzt weder fehlende Soldaten noch ausreichende Luftverteidigung, doch hält es die Ukraine handlungsfähig und macht russische Angriffe teurer, langsamer und verwundbarer.
Auch weltpolitisch hat sich Russlands Lage verschlechtert. Finnland und Schweden sind der NATO beigetreten. Die Ukraine wurde nicht neutralisiert, sondern tiefer in westliche Strukturen eingebunden. Im postsowjetischen Raum wächst die Distanz zu Moskau: Armenien hat seine Bindung an Russland faktisch gelöst, andere Staaten setzen stärker auf China, die Türkei, die EU oder die USA. Gleichzeitig wächst Russlands Abhängigkeit von seinen Partnern. China ist zum überragenden wirtschaftlichen und politischen Bezugspunkt geworden; Nordkorea liefert Munition und Soldaten; Iran steht für Drohnen, Technologie und eine gemeinsame Front gegen westlichen Druck. Von der angestrebten imperialen Stärke zeugen diese Partnerschaften Moskaus nicht.
Gerade deshalb gewinnt die politische Kriegsführung an Gewicht. Russland muss militärisch nicht im klassischen Sinn siegen, wenn es politisch erreicht, was es auf dem Schlachtfeld nicht mehr vollständig erzwingen kann: nachlassende westliche Unterstützung, verunsicherte europäische Gesellschaften und die schrittweise Normalisierung besetzter Gebiete als Teil Russlands und scheinbar unveränderliche Realität. Nukleare Drohungen, diplomatische Scheinangebote und Desinformation folgen dabei derselben Logik: Der Gegner soll politisch erschöpft werden.
Putins eigentliches Problem
Daraus ergibt sich Putins eigentliches Problem. Er kann den Krieg nicht mehr in jenen Sieg verwandeln, mit dem er seine Rolle als „Sammler russischer Erde“ begründen wollte. Begrenzte Geländegewinne, zerstörte Infrastruktur und eine nachlassende westliche Unterstützung lassen sich propagandistisch als Erfolg verkaufen. Sie ersetzen aber nicht das ursprüngliche Kriegsziel: die politische Ausschaltung der Ukraine als souveräner Staat. Eine offene Niederlage kann Putin ebenso wenig akzeptieren, ohne das Narrativ zu zerstören, auf dem seine Herrschaft inzwischen beruht. Aus dieser Lage entstehen drei westliche Fehlannahmen: die Angst vor nuklearer Eskalation, die Hoffnung auf einen Elitenbruch und die Erwartung eines gesichtswahrenden Endes des Ukrainekrieges.
Die erste Fehlannahme besteht darin, aus russischen Nukleardrohungen auf einen tatsächlichen Nuklearwaffeneinsatz zu schließen. Ein solcher Schritt lässt sich analytisch zwar nicht ausschließen, bleibt jedoch wenig wahrscheinlich und militärisch nur begrenzt zielführend. Der Kreml setzt nukleare Drohungen ein, um westliche Entscheidungen zu verzögern, Risiken zu überzeichnen und die Unterstützung für die Ukraine in den Augen westlicher Gesellschaften als verantwortungslos darzustellen. Ein tatsächlicher Nuklearwaffeneinsatz würde Russland hingegen international weiter isolieren; auch von wichtigen Partnern wie China und Indien.
Ein Palastrevolte im Kreml ist unwahrscheinlich
Die zweite Fehlannahme ist die Erwartung einer Palastrevolte. Auch sie ist nicht unmöglich, aber weniger wahrscheinlich, als es von außen oft erscheint. Militärische Verluste, wirtschaftliche Belastung, internationale Demütigung sowie innere Repressionen erhöhen zweifelsohne den Druck auf Russlands Führung. Sie erzeugen aber keine organisierte Gegenmacht. Denn eine Palastrevolte würde bei den Eliten institutionelle Minimalautonomie voraussetzen. Genau diese Voraussetzung hat aber das System Putin systematisch zerstört. Russlands Militär ist in der postsowjetischen Machtordnung keine eigenständige politische Kraft. Es war nie ein autonomer Akteur, der unabhängig vom Kreml eine alternative Staatsräson hätte formulieren können. Auch der Rest der Eliten ist kaum eigenständig handlungsfähig.
Sie sind durch wechselseitige Abhängigkeiten an das Regime gebunden und durch den allmächtigen Sicherheitsapparat kontrolliert. Hinzu kommen die allgemeine Passivität und Staatshörigkeit der russischen Gesellschaft. Umfragen zeigen zwar wachsende Zustimmung für Verhandlungen, jedoch keine belastbare Antikriegsdynamik. Viele Russen wollen ein Ende des Ukrainekrieges, aber nicht um den Preis von Zugeständnissen, die man als Niederlage empfinden würde. Diese Ambivalenz stabilisiert die Kriegspolitik des Kremls stärker, als offene Zustimmung es könnte.
Die dritte Fehlannahme betrifft die westliche Hoffnung, Russland suche nach einem gesichtswahrenden Ausweg aus dem Krieg. Doch der Kreml sucht keinen Ausweg aus der Kriegslogik, sondern eine Möglichkeit, seine Ziele, wenn nicht militärisch, so doch politisch durchzusetzen. Ein eingefrorener Konflikt, die zumindest faktische Festschreibung besetzter Gebiete, eine militärisch geschwächte und politisch beschränkte Ukraine sowie ein Verhandlungsformat über europäische Sicherheit wären aus Moskauer Sicht eine erfolgreiche diplomatische Verwertung militärisch geschaffener Tatsachen. Für Europa besteht noch eine Gefahr: Gerade weil Russland seine ursprünglichen Ziele auf dem Schlachtfeld in der Ukraine nicht vollständig erreichen kann, wächst der Anreiz, den Druck auf die europäischen Unterstützerstaaten zu erhöhen. Das Spektrum reicht von Sabotage und Cyberangriffen gegen europäische Infrastruktur bis zu begrenzten Militäreinsätzen.
Daraus folgt das Grundproblem dieses Kriegs: Russland ist militärisch nicht besiegt, aber strategisch festgefahren. Es kann weiter angreifen, zerstören und begrenzt Gelände gewinnen, doch es kann die Ukraine nicht mehr militärisch in jene Ordnung zurückzwingen, die Moskau im Februar 2022 erreichen wollte. Zugleich ist das russische Regime stabil genug, um den Krieg fortzuführen, aber nicht flexibel genug, um ihn politisch geordnet zu beenden.
Also setzt Moskau darauf, militärische Abnutzung in politische Erschöpfung der Gegenseite zu verwandeln. Russland kann einen strategisch verfehlten Krieg lange fortsetzen, nicht weil es stark genug wäre, ihn zu gewinnen, sondern weil das Regime keinen Weg findet, ihn zu verlieren.
Der Autor ist Politikanalyst mit dem Schwerpunkt Russland. Er forschte und lehrte u. a. an der Moskauer Staatlichen Lomonossov-Universität und am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen.
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